»Wo?«
»Beim Dorffest, das die Einwohner den armen Soldaten bereiten. Wenn ich nicht demnächst eine Frau umarmen kann, werde ich noch verrückt.«
Das Fest fand in einer Scheune des Handelspostens von Colonel Kinney statt. Man hatte Laternen aufgehängt, die Dachsparren mit mottenzerfressenen Flaggen geschmückt und den Boden mit frischem Stroh belegt. Es gab einen Fiedler und einen wackligen Tisch mit Gebäck, Torten, Kuchen und einer riesigen Whiskybowle. Es nahmen etwa achtzig Berufsoffiziere und Offiziere auf Zeit an diesem Fest teil, sowie etwa halb soviel Einwohner, unter denen sich nur sieben Frauen befanden. Von den sieben war nur eine hübsch, und natürlich stand sie im Mittelpunkt.
Sie war es auch wert. Sie war eine schlanke junge Frau mit erstaunlich rotem Haar. Sie hatte eine blütenweiße Haut und tiefblaue Augen. George ließ sich weder durch ihren hohen Wuchs noch durch die zahlreichen Offiziere abschrecken, die sie umwarben. Einige unter ihnen hatten den Rang eines Majors oder eines Obersten. Wenn er einen direkten Angriff wagte, würden sie sicher in geschlossener Formation über ihn herfallen. Nein, der Feind mußte überlistet werden. Als der Fiedler zum Spiel ansetzte, schlenderte George gemächlich zur Whiskybowle hinüber und stellte sich selbst einigen Einwohnern vor. In weniger als fünf Minuten hatte er einen Plan ausgeheckt. Entschlossenen Schrittes ging er auf einen im offenen Scheunentor stehenden Zivilisten zu. George wußte, wie gut er aussah. Eine halbe Stunde lang hatte er den Reisestaub von seinem hellblauen Anzug gebürstet und den Messinggriff seines Säbels sowie die Verzierungen auf der Scheide auf Hochglanz poliert.
Der Mann, den er zu beeindrucken wünschte, war ein stupsnasiger Kerl mit rötlichem Teint und wirrem, eher weißem als rotem Haar. Er trug einen altmodischen schwarzen Wollanzug. George prostete ihm zu.
»Ein tolles Fest, Sir. Ihr Texaner seid gute Gastgeber.«
Der Mann antwortete mit einem trockenen Lächeln: »In Kriegszeiten vergißt man vor lauter Patriotismus die Vorsicht, Leutnant.«
»Ich verstehe Sie nicht, Sir?«
»In Corpus Christi hält man weniger als nichts von den Soldaten. Die Truppen von Zach Taylor haben auf ihrem Weg zum Rio Grande hier Halt gemacht – eine Erfahrung, die man in dieser Stadt so schnell nicht vergessen wird. Glücklicherweise wissen die Texaner, wie sie sich – und ihre Töchter – schützen können.« Er deutete mit der Hand auf das riesige, an seiner rechten Hüfte hängende Pistolenhalfter. Der Lauf der Pistole war fast dreißig Zentimeter lang. Eine Paterson, dachte George, .36er Kaliber.
»Oh, ist Ihre Tochter heute abend auch hier?«
Der Mann lächelte amüsiert. »Das habe ich nicht gesagt, junger Mann, aber offensichtlich sind Sie informiert. Wollten Sie sich deshalb mit mir unterhalten?«
George schluckte leer, dann lachte er: »Und ich glaubte schon, ich sei raffiniert! Sie haben recht, Sir. Mir war klar, daß ich bei dem Gedränge um sie herum keine Chance haben würde. Wenn Sie mich jedoch vorstellen würden…?«
»Sie mögen zwar nicht besonders raffiniert sein, Sir, aber klug sind Sie. Wenn ich Sie vorstellen soll, müßte ich allerdings Ihren Namen kennen.«
»Leutnant George Hazard, achtes Infanterieregiment.«
Der untersetzte Mann streckte ihm die Hand entgegen: »Patrick Flynn aus Cappamore, County Limerick, Irland, aber ich glaube, daß ich jetzt Texaner bin. Bin schon ziemlich lange hier. Ließ mich ein Jahr, nachdem Oberst Kinney seinen Laden eröffnete, hier nieder. Im selben Jahr starb meine Frau, doch Constance und ich haben uns irgendwie durchgebracht, obwohl es in dieser Stadt so wenig Rechtsgeschäfte gibt, daß eine Fliege dabei verhungern könnte.«
»Dann sind Sie Anwalt? Hier?«
»Ab und zu verbringe ich einen Monat in San Antonio. Davon lebe ich eigentlich. In San Antonio ist man sehr streitsüchtig. Studiert habe ich in Belfast, eine ausgezeichnete Ausbildung, weil es in jener Hafenstadt eine unerhörte Anzahl der verschiedensten Fälle gab. Nach einer Reihe von Schicksalsschlägen bin ich hier in Texas gelandet, gerade zu der Zeit, als Sam Houston es den Mexikanern entreißen wollte. Ich habe mich in Corpus Christi niedergelassen, weil ich glaubte, daß es sich zu einer Hafenstadt mit vielen Rechtsstreitereien entwickeln würde.« Mit trockenem Humor fügte er hinzu: »So wie die Dinge sich jedoch entwickelt haben, sind meine Hoffnungen nicht gestillt worden.« Er kippte seinen Whisky hinunter. »Und mein Durst auch nicht.«
»Aber Sie sind sicher gerne hier?«
»O ja.« Flynn nickte. »Genug Luft und Raum – keiner jener snobistischen Zwänge, denen ich in meiner Kindheit in der alten Heimat ausgesetzt war. Einige der Bürger hier haben etwas gegen meinen katholischen Glauben, den ich nicht mehr praktizieren kann, weil es keine Kirche in der Nähe gibt, doch da ich nicht mit der hier vorherrschenden Meinung über Sklaverei einverstanden bin, sind wir quitt.«
»Ich habe gehört, daß die meisten Texaner dafür sind.«
»Leider ja. Ich habe bereits des öfteren in meinem Leben feststellen können, daß ein Mann sich weit mehr für das Zuckerbrot seines persönlichen beruflichen Vorwärtskommens einsetzt, als er unter der Peitsche des Sklavenaufsehers zu arbeiten gewillt ist. Doch für diese Wahrheit haben meine Nachbarn nur taube Ohren. Es gibt zwar einige Hitzköpfe, die mich am liebsten davonjagen würden, weil ich es wage, so etwas zu sagen, aber sie getrauen sich nicht, weil sie wissen, daß ich, na sagen wir mal, ein selbstsicherer Mann bin.« Er grinste wiederum und berührte seinen Colt. »Aber Sie möchten ja Constance kennenlernen.«
»Ja, bitte. Sehr gern.«
»Es wird mir ein Vergnügen sein, Sie vorzustellen, sobald es mir gelungen ist, sie aus der Menge dieser Dummköpfe herauszureißen. Nicht einer von ihnen hat auch nur einen Funken Ihrer Phantasie. Sind Sie zufällig Ire?«
George lachte. »Nein, Sir.«
»Ich werde versuchen, über diesen Makel hinwegzusehen.«
Der Rechtsanwalt schlenderte davon. George rückte seinen Kragen zurecht, bemerkte, wie Orry auf ihn zukommen wollte, und gab ihm ein Zeichen. Orry sah sich um, begriff die Situation und gesellte sich zu einigen anderen Offizieren, die mit düsteren Gesichtern um die Bowle herumstanden.
Patrick Flynn lotste seine Tochter aus dem Gedränge heraus. George versuchte, den wütenden Blicken der Offiziere keinerlei Beachtung zu schenken und sich ganz auf das Mädchen zu konzentrieren. Halb amüsiert und halb verärgert über die Art und Weise, wie ihr Vater sie am Handgelenk gepackt und weggezogen hatte, ließ sie sich zu George schleppen und vorstellen.
»Constance, darf ich dir Leutnant Hazard vorstellen. Er wollte dich kennenlernen und wußte, daß er mehr Chancen hätte, wenn er erst mit mir sprechen würde.«
»Aber wie wußte er, ob ich ihn kennenlernen will?« fragte sie mit einem ironischen Lächeln.
George versuchte so groß wie möglich zu erscheinen. Gott, ich bin immer noch vier Zentimeter kleiner. Er grinste und blickte ihr direkt in die tiefblauen Augen.
»Geben Sie mir fünf Minuten Zeit, Miss Flynn, und ich werde alle Ihre Zweifel zerstreut haben.«
Constance lachte. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, wie ein Dragonermajor mit Schnurrbart sich an sie heranpirschte. Sie ergriff Georges Hand.
»Tanzen Sie mit mir, Leutnant, oder wir werden nicht einmal fünf Minuten haben.«
George ließ sich das nicht zweimal sagen. Der Geiger fiedelte gerade einen Walzer. George fegte mit Constance an dem vor Wut schäumenden Major vorbei über die Tanzfläche. Sie lag federleicht und wohlduftend in seinen Armen und war so lieblich, daß er sie äußerst sorgfältig hielt. »Sie halten mich sehr vorsichtig, Leutnant, haben Sie Angst, daß ich in Stücke gehe?«