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»Wieso? Nein, Sie sind nicht zerbrechlich, Sie sind außerordentlich zart – ich meine …« Er hatte Schwierigkeiten mit dem Satz. Was zum Teufel war mit ihm los? Normalerweise benahm er sich anders mit einem Mädchen. Er benahm sich wie Orry, der ihm vom Punschtisch aus zuschaute und genüßlich lächelte.

Während des verbleibenden Tanzes machten sie Konversation. Er erzählte ihr einiges von West Point und von seinem Zuhause in Pennsylvania. Sie wiederholte einige der Informationen, die er bereits von ihrem Vater bekommen hatte. Sein Kopf rauchte. Er konnte einfach nicht die richtigen Worte finden, geschweige denn sie mit Charme vorbringen. Constance jedoch fühlte sich außerordentlich wohl und plauderte, ohne sich im mindesten befangen zu fühlen.

Er merkte bald, daß sie nicht bloß schön, sondern auch intelligent war. »Mein Vater hat mich auf eine Frauenakademie in San Antonio geschickt. Er findet, daß auch Frauen eine Ausbildung haben sollten. Für einen Mann mit seiner Herkunft ist er wirklich sehr fortschrittlich. Er sagt, daß der Glaube an die Heilige Dreifaltigkeit ein gesundes Interesse an der Welt nicht ausschließen sollte.«

George lächelte und entspannte sich etwas dabei. »Ich mag Ihren Vater.«

»Er muß Sie auch sympathisch finden, sonst hätte er uns nicht miteinander bekannt gemacht. Ich bin froh, daß er es getan hat.«

»Wirklich? Das ist ja herrlich, Miss Flynn.«

Voller Begeisterung wirbelte er erneut mit ihr herum. Einen Augenblick später klopfte sie ihm mit ihrem Fächer leicht auf das Handgelenk. Sie wollte, daß er zu tanzen aufhöre. Er gab nach.

Rundherum grinste alles. Sogar Orry schmunzelte. Constance flüsterte ihm zu: »Die Musik hat schon eine Weile aufgehört, Leutnant Hazard.«

»Wirklich? Ver-, das heißt – Miss Flynn, ich wollte natürlich nicht fluchen vor einer Da…«

»Leutnant«, unterbrach sie ihn, »ich werde fluchen, wenn Sie es zulassen, daß ich in die Hände dieses Dragoners gerate, der um uns herumschleicht. Bitte, machen Sie einen Spaziergang mit mir.«

»Mit Vergnügen.«

George gab ihr den Arm und geleitete sie zum Scheunentor. Der Major folgte ihnen und sah von Sekunde zu Sekunde beleidigter aus. Er war nur noch wenige Schritte hinter ihnen, als Patrick Flynn zu stolpern schien, gegen den Major fiel und ihm fast den Punsch auf die Uniform goß. Er überschüttete den Major mit so viel entschuldigenden Schmeicheleien, daß dieser gute Miene zum bösen Spiel machen mußte. Unterdessen waren George und Constance durch die Tür in der Dunkelheit verschwunden.

»Ich bin verliebt«, sagte George ein paar Stunden später.

»Das ist es also«, sagte Orry. »Ich dachte, es hätte etwas mit deinen Nerven zu tun. Noch nie habe ich dich einer Frau gegenüber so fassungslos oder so sprachlos gesehen.«

Sie wanderten müde am Flußufer entlang in Richtung der weißen Zelte und der Laternen des Lagers, das man für die Männer des Dampfers aufgestellt hatte. George erschrak, als ein dicker Hase seinen Weg kreuzte. Nach einem eindeutig liebeskranken Seufzer sagte er: »Ich glaube, sie liebt mich, aber sicher bin ich nicht.«

»Natürlich liebt sie dich. Sie hat doch den größten Teil des Abends in deiner Gesellschaft verbracht, oder nicht? Und an Möglichkeiten hat es ihr bestimmt nicht gefehlt. Die andern Männer waren zwar nicht unbedingt hübscher als du, aber sie waren größer als sie«, sagte Orry mit liebenswürdiger Ironie.

George bedachte seinen Freund mit einem Schimpfnamen und zwickte ihn in den Arm. Orry lachte. George seufzte erneut. »Ich hoffe, daß es mindestens eine Woche dauert, bis sie den Dampfer repariert haben. Sie hat mich für morgen abend zum Essen eingeladen. Texasrindfleisch mit Kartoffeln.«

»Oh, ihr habt euch also bereits über ihre Kochkünste unterhalten? Es erweckt den Anschein, als ob du die Liebe deines Lebens gefunden hättest«, sagte Orry ruhig.

»Da könntest du recht haben. Als ich meinen Arm um sie legte, fühlte ich etwas – Mächtiges. Aber es gäbe Probleme, wenn es ernst würde. Sie ist Irin und katholisch dazu. Im Norden ist man von dieser Kombination nicht gerade begeistert.«

»Nimmst du das Ganze nicht etwas zu ernst?«

»Ich kann nicht anders. Es ist mir auch egal. George Hazard, der Held des schwachen Geschlechts, ist für einmal absolut machtlos. Das ist das Merkwürdige an der Sache.«

»Nein, überhaupt nicht. Ich kann das sehr gut verstehen.«

George wußte, daß Orry etwas gesagt hatte, aber er war zu nervös, um den Sinn der Worte zu begreifen oder die Melancholie in Orrys Stimme zu bemerken.

Ein letztes Pfeifen in der Ferne, der Leichter mußte auslaufen. George schüttelte Patrick Flynn die Hand.

»Auf Wiedersehen, Sir. Ihre Gastfreundschaft war wunderbar.«

»Sie sind kein Fremder mehr, junger Mann«, sagte der Rechtsanwalt mit einem raschen Blick auf seine Tochter. Constance hatte einen leichten Schal um die Schultern geworfen und hantierte mit einem Sonnenschirm herum. Flynn legte George die freie Hand auf die Schulter und übte einen leichten Druck aus. »Wir wünschen Ihnen, daß Gott Sie schnell in die Kriegszone geleite und Sie sicher auf dem Weg Ihrer Pflichterfüllung führe. Wir möchten, daß Sie zurückkommen.«

»Ja, Sir, das werde ich tun.«

In den Worten lag mehr Hoffnung als Gewißheit. George hatte genug in den Zeitungen gelesen, um zu wissen, daß bereits viele Männer in Mexiko gefallen waren. Sie waren nicht bloß unter dem Feind umgekommen, sondern zum Teil auch von Krankheiten dahingerafft worden. Bevor der Krieg zu Ende war, würden noch viele sterben. Noch vor wenigen Tagen hatte er keine derartigen Gedanken gehabt, und nun war plötzlich das Leben in diesem lächerlich kleinen Dorf an dieser unwirtlichen Küste so wunderbar wertvoll für ihn geworden.

Er und Constance verließen das Haus. George stieg von der Holzveranda in den Straßenschmutz hinunter und hob die Hand. Constance ergriff sie und kletterte dann neben ihn. Sie öffnete den Sonnenschirm.

Es war ein düsterer Herbsttag, der schon nach Winter roch. Er kümmerte sich um den Sonnenschirm und bot ihr den Arm an. Sie drückte ihre Brust gegen seinen Arm, und so redeten sie schweigend miteinander. Als sie in Richtung Pier eilten, wo der letzte Leichter beladen wurde, begann es zu regnen.

»Wirst du mir schreiben, George?«

»Regelmäßig. Täglich. Wirst du antworten?«

»Ja, das weißt du. Du mußt, sobald du kannst, zurückkommen.«

»Ich verspreche es. Ich möchte dir Pennsylvania zeigen und dich meiner Familie vorstellen.«

Er wußte, daß sie Constances Charme gegenüber nicht gleichgültig sein würden, und daß sie so vielleicht die in der Nation herrschende Abneigung gegenüber den Katholiken überwinden könnten. Sollte die Familie sie jedoch aus irgendeinem Grund nicht mögen, dann würde er sich nicht mehr als einen Hazard betrachten. In diesen wenigen Tagen war Constance zu seiner Welt geworden; sie war auch die Ursache für seine neue und unbändige Angst vor einer mexikanischen Gewehrkugel.

»Mein Vater ist sehr begeistert über das, was du ihm von deiner Familie erzählt hast«, sagte sie. »Er findet die meisten Texaner Idioten, weil sie nicht zugeben wollen, daß die Industrie nun wichtiger wird als die Landwirtschaft.«

»Die Familie meines Freundes Orry will es auch nicht wahrhaben.«

»Manchmal sind die Südstaatler so engstirnig.«

Nicht engstirniger als die Nordstaatler, dachte er und erinnerte sich an den Zwischenfall in Philadelphia auf seinem Weg nach Mont Royal. An die Wände einer katholischen Kirche hatte man in roter Farbe obszöne Worte geschmiert. Sogar sein Bruder Stanley, der die Papisten nicht besonders mochte, war entsetzt gewesen. Allerdings mehr über die Sprache als über die Motivation zur Tat.

Im Leichter saßen drei ältere Offiziere. Sie waren alle sehr ungeduldig. Der Steuermann gab George einen Wink, sich zu beeilen. Ein Windstoß riß ihm den Sonnenschirm aus der Hand. Die Männer auf dem Schiff lachten über ihn, aber George kümmerte sich nicht darum. Sein Kopf und sein Herz waren voll von Constance: ihr feuerrotes, im Wind flatterndes Haar, ihre tiefblauen Augen, ihre regennassen Wangen … Nein – er erschrak – das war kein Regen, das waren Tränen.