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»Constance, ich habe so etwas noch nie zu einem Mädchen gesagt. Du magst glauben, daß ich unhöflich und zu direkt bin, da wir uns ja noch nicht lange kennen, aber ich muß es sagen«, – er holte schnell Atem und sagte rasch – »ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch, George. Gibst du mir einen Kuß?«

»In der Öffentlichkeit?«

»In der Öffentlichkeit. Privat. Überall – und für immer.«

Das ›für immer‹ war wie ein Schrei. Sie warf ihm die Arme um den Hals und küßte ihn heftig.

Er zog sie an sich und machte damit den Abschied nur noch schwerer und schmerzvoller. Ihr rotes Haar löste sich mehr und mehr und flatterte ihm ins Gesicht. Er fühlte unmännliche Tränen auf seinen Wangen – nicht auf den ihrigen – aber auch das war ihm völlig egal.

Der Steuermann schrie: »Zum letztenmal, Leutnant, gehen Sie an Bord – oder man wird Sie als Deserteur betrachten.«

Vom Dampfer, der bei der Sandbank vor Anker lag, ertönte ein Pfeifen. George riß sich los und rannte den Pier hinunter. Er sprang auf den Leichter und stolperte gegen den Artillerieoberst, der ihn anschrie. Er setzte sich auf die Ruderbank. Regen prasselte auf ihn nieder, und er bemerkte, daß er seinen Hut verloren hatte. Es war ihm egal.

Constance Flynn blieb auf dem Pier. Ihr Haar hatte sich jetzt ganz gelöst und flatterte wie eine rote Fahne bis auf ihre Taille herab. »Ich komme wieder«, sagte George leise. Der Offizier neben ihm starrte geradeaus.

Er wiederholte es, schweigend, als ihre Umrisse immer kleiner wurden. Ich komme wieder.

Es war ein Versprechen. Und ein Gebet.

12

Sergeant Jezreel Flicker spähte nach dem leeren Strand. »Keine Spur von einem Mexikaner. Verdammt komisch. Wir haben doch aus dieser Invasion kein Geheimnis gemacht.«

Neben ihm, in dem auf den Wellen tanzenden Boot, knurrte Orry: »Wann zum Teufel schicken sie uns los? Wenn hinter diesen Dünen Scharfschützen verborgen sind, knallen sie uns einen nach dem andern ab.«

Flickers Mondgesicht zeigte keinerlei Regung. Er war ein wortkarger Soldat aus Kentucky, zehn Jahre älter als Orry. Beiden war klar, daß er das Kommando über den Zug führen würde. Auf Orrys nervösen Ausbruch hin antwortete er: »Aber, aber, Leutnant, ich weiß, daß Sie es kaum erwarten können, den Feind zu sehen, doch glauben Sie mir, so angenehm ist es nicht.«

Orry warf ihm einen finsteren Blick zu. Das war ja alles gut und schön; Sergeant Flicker konnte es sich leisten, höhnische Bemerkungen über den Krieg zu machen, schließlich war er in Monterrey und anderswo mitten im Schlachtgetümmel gewesen und hatte überlebt. Aber Orry hatte noch keine Prüfung bestanden. Er hatte nun schon fast sechs Monate in Mexiko verbracht, und die einzigen Schüsse, die er gehört hatte, waren diejenigen der blöden Freiwilligen, die sich immer betranken und sich beinahe gegenseitig umbrachten.

Einige von Orrys Männern sahen gelb im Gesicht aus; eine starke Strömung sorgte dafür, daß das Boot dauernd schaukelte. Das Boot gehörte zu den hundertfünfzig, die General Scott eigens für diesen Angriff angefordert hatte. In jedem Boot befanden sich neben der acht Mann starken Crew vierzig bis fünfzig Soldaten. Es waren jedoch bloß 65 Schiffe geliefert worden, die nun in einer langen Reihe in der Collado Beach gegenüber der Sacrificios-Insel lagen, etwa zweieinhalb Meilen unterhalb der Hafenstadt Veracruz. Von hier aus, außer Reichweite der Artillerie der Stadt, wollte Scott seinen Angriff auf Mexico City starten.

George und Orry waren in zwei verschiedenen Kompanien des achten Infanterieregiments. Beide Kompanien gehörten zu den ersten, die mit weiteren Artillerie- und Infanterieeinheiten sowie mit der ersten Brigade von General Worth an Land gehen sollten. In Orrys Zug befanden sich hauptsächlich Iren, Deutsche, einige Ungarn und sechs richtige Amerikaner.

Die acht Ruderer kämpften, um das Boot in der richtigen Position zu halten. Man hatte bereits einige Stunden verloren, weil die Linie der Boote dauernd durch die starke Strömung auseinandergerissen wurde.

Hinter den Booten lagen die Truppenschiffe und die restliche Invasionsflotte, Dutzende von Schiffen aller Größen. Auf den größten Schiffen drängten sich die Zuschauer: Matrosen und auch Soldaten, die bei der nächsten Landungswelle dabeisein würden. Kanonen wurden geladen, und die Militärkapellen auf den einzelnen Schiffen wetteiferten miteinander. Im Landungsboot fluchten ein paar Männer.

Orry mußte zugeben, daß sie Grund dazu hatten. Sie ärgerten sich über alles und jedes, angefangen bei den Schuhen, die sie von ihrer Regierung bekommen hatten – billige Ware, die entweder am rechten oder am linken, aber nicht an beiden Füßen paßte – bis zu den Kautschuk-Feldflaschen. Einer nahm einen Schluck, zog eine Grimasse und spie das Zeug über Bord.

»Heißes Wasser ist nicht gerade ein Genuß, nicht wahr, Novotny?« Sergeant Flicker grinste. »Ihr hättet letzte Woche auf mich hören sollen, als ich euch sagte, daß Kautschuk die Hitze speichert. Bei der ersten Gelegenheit würde ich das wegwerfen und mir so eine besorgen.« Er klopfte auf seine eigene Feldflasche, eine Kürbisflasche, die an einem Strick befestigt war.

Die Männer murrten, weil man sie mit Rucksäcken und Überziehern beladen an Land schickte. Und sie meckerten über ihre Waffen. Einige Einheiten hatten 1841er Gewehre mit Schlagladung bekommen, aber Orrys Männer mußten noch mit altmodischen Flinten auskommen, weil das Oberkommando der unumstößlichen Meinung war, daß Männer, die nicht besonders intelligent waren, am besten mit veralteten Waffen umzugehen verstanden. Orry hätte wegen dieser Denkweise verzweifeln mögen. Wenn man Männer als wertlos betrachtete, dann benahmen sie sich auch dementsprechend.

Es war ein milder, klarer Nachmittag; das Wetter war ausgezeichnet. Im Nordwesten konnte man die Türme und Kuppen von Veracruz sehen. Geradeaus erhob sich der schneebedeckte Gipfel des Orizaba majestätisch in der dunstigen Ferne. Aber Orry war zu beschäftigt, um den Anblick genießen zu können. Er dachte darüber nach, wie sich seine Meinung über das Soldatenleben geändert hatte, seit er in Mexiko war. Er wollte immer noch Karriere in der Armee machen – deshalb brannte er darauf, endlich kämpfen zu können – doch ein beträchtlicher Teil des Zaubers, den der Soldatenstand für ihn gehabt hatte, war abgebröckelt.

Bis jetzt war seine Wehrpflicht nur frustrierend, ja sogar höchst unangenehm gewesen. Der Dampfer aus Corpus Christi war im Hafen von Brazos Santiago, in der Mündung des Rio Grande, vor Anker gegangen. Er und George waren mit einigen andern Abteilungen landeinwärts marschiert, und in der zweiten Nacht hatte Orry einen Ruhranfall gehabt – die für Neulinge typische Begrüßung, wie man ihm sagte. Nicht einmal die Umgebung, das kühle herrliche Hochland der Sierra Madre, vermochte ihn aus seinem Elend herauszureißen. Die Freunde meldeten sich bei ihrem Regiment in Saltillo. Man kommandierte sie dazu ab, Frontoffiziere, die in Monterrey verwundet worden waren, zu ersetzen. Orrys Kompaniekommandant hieß Wilford Place. Er war ein Mann, der sich kaum je beklagte. Hauptmann Place schien jedermann, ob über oder unter ihm, zu verabscheuen, und Orry entdeckte bald, daß seine Haltung keineswegs ungewöhnlich, sondern eher typisch war. In der Armee der Vereinigten Staaten war Feindseligkeit an der Tagesordnung.

Die Offiziere von West Point verachteten die Offiziere, die nicht in West Point abgeschlossen hatten. Die Berufssoldaten haßten die undisziplinierten Freiwilligen, die dazu neigten, Häuser in Brand zu stecken, mexikanisches Eigentum zu stehlen und mexikanische Frauen zu vergewaltigen. Die einheimischen Soldaten mißtrauten den Immigranten und umgekehrt. Auch in den höheren Rängen war man über solche Feindseligkeiten nicht erhaben. Seit Beginn des Kriegs lag General Worth mit General Twiggs darüber im Streit, wer nun wen übertrumpfen würde. Der lächerliche Streit hatte die Armee in Parteien aufgespalten und schließlich die seit dem Krieg von 1812 bestehende Freundschaft zwischen Worth und Zachary Taylor zerstört.