Sogar oben in Washington spielte man dieses Spiel des gegenseitigen Mißtrauens. Nachdem Taylor die Mexikaner bei Monterrey geschlagen hatte, bot er ihnen großzügige Verhandlungsbedingungen an. Manche fanden sie zu großzügig; er hatte es der geschlagenen Armee gestattet, sich entlang einer Waffenstillstandslinie zurückzuziehen. Seine Verleumder sagten, er hätte die mexikanischen Truppen gnadenlos zerstören und den Krieg beenden sollen.
Präsident Polk nahm dies als Vorwand, um Taylor zu kritisieren. Taylor wurde wegen seiner bescheidenen Art und seines offenkundigen Muts von seinen Männern mehr als nur geschätzt. Der Präsident wünschte eine unabhängige zweite Front im Süden, einen direkten Angriff auf die mexikanische Hauptstadt. Um dieses Ziel zu erreichen, setzte er den Oberbefehlshaber der Armee, General Winfield Scott, ein.
Für sein Landungsunternehmen bekam Scott etwa neuntausend von Taylors Berufssoldaten, so daß dem Helden von Monterrey kaum mehr als ein Heer von Freiwilligen blieb. Damit sollte er sich einer gewaltigen mexikanischen Armee stellen, die ihn offensichtlich angreifen wollte. Die Mexikaner standen unter dem Kommando von Santa Anna, dem kleinen Napoleon des Westens. Für Orry bedeutete das ganze strategische Manöver und die Verleumdungen nur eins: Es würde keine unmittelbare Chance für einen Kampf geben. Er und George waren unter dem Kommando von Worth Anfang Januar den ganzen Weg nach Santiago zurückmarschiert, um sich dort am Strand zu langweilen. Um die Zeit totzuschlagen, schrieb Orry lange Briefe an Madeline. Sobald er mit einem Brief fertig war, zerriß er ihn und fing einen neuen an.
Und jetzt war der 9. März; und er schaukelte in einem Boot hin und her und war immer noch unverletzt. Der ganze Kampf hatte sich bis jetzt bloß in seiner Phantasie abgespielt. Sicherlich war die Warterei schlimmer, als es der Kampf jemals sein konnte.
Die überraschende Detonation einer Kanone holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Das Kriegsschiff Massachusetts war in eine Rauchwolke gehüllt. Orrys Stimme zitterte vor Erregung, als er sich an Sergeant Flicker wandte:
»Das ist das Signal.«
»Ja, Sir, das hab’ ich mir auch gedacht.« Flicker schien nun doch angespannt. Es beruhigte Orry festzustellen, daß er nicht der einzige war, der den Widerstand am Ufer herbeisehnte.
Ein merkwürdiges, unbekanntes Gebrüll ertönte, und die Männer im Boot sahen einander verdutzt an. Novotny lieferte als erster die Erklärung. »Das kommt von den Schiffen. Die Matrosen und Kanoniere feuern auf uns.«
Die fünfundsechzig Ruderboote steuerten auf den Strand los. Dreitausend Bajonette blitzten in der Spätnachmittagssonne auf. Orry vergaß plötzlich Krankheit, Langeweile, Plackerei und die Kleinlichkeit der vergangenen Monate.
Sie wurden von einem langen, leichten Ruderboot überholt. Die Männer in den Riemen arbeiteten wild, offenbar sollte das Boot vor ihnen den Strand erreichen. Am Bug des Boots stand mit gezücktem Säbel ein Mann, den sie alle kannten: der schneidige, weißhaarige Kommandant, General Worth.
Sergeant Flicker riß den Hut vom Kopf, winkte und rief dem General etwas zu. Orry schloß sich ihm mit seinen Männern an. Bald hatten sie sich alle heiser geschrien.
Eine halbe Minute, bevor der Kiel im Sand knirschte, zog Orry seinen eigenen Säbel aus der Scheide. Er stand auf und sprang als erster aus dem Boot. Säbelschwingend rief er: »Auf Männer, los! Auf in die Hallen von Montezuma in Mexico City!«
Seine Männer feuerten ihn nun auch durch Zurufe an.
Nach einem solch aufregenden Start konnte die nächste Stunde nur enttäuschend sein.
Das Regiment formierte sich und stürzte mit gefällten Bajonetten auf die Dünen los. Aber sie mußten bald Dampf ablassen, weil nämlich gar keine Mexikaner hinter den Dünen warteten. Weit und breit war kein Feind zu sehen. Die einzigen Gegner, mit denen die Amerikaner für den Rest des Tages zu ringen hatten, waren Sandflöhe und der aufkommende Wind, der ihnen den rauhen Sand in Mund, Augen und Nase trieb.
Scott hatte seine Männer für den Angriff in drei große Einheiten zusammengefaßt. Nachdem die ersten beiden an Land gegangen waren – Worths-Einheiten sowie die zweite Brigade von General Davey Twiggs – landeten auch die Freiwilligen, von General Patterson geführt.
Gegen Abend begann die Armee ihre Front nach Nordwesten auszudehnen. Die Brigade Worth sollte die rechte Flanke decken; in der Nähe der Landungsstelle begannen Orry und sein Zug Schützengräben auszuheben. Auch wenn das Wetter ausgezeichnet blieb, so würde es doch mehrere Tage dauern, bis alle Truppen und alles Material an Land waren. Die Belagerungslinie sollte acht Meilen lang werden. Sobald die Linie um Veracruz gesichert war, würde die Artillerie mit der Bombardierung beginnen. Aber die Stadt würde wohl nicht gleich aufgeben; sie war stark befestigt. Auf der Landseite waren neun Forts angelegt, und die Seeseite wurde von der Hafenfestung San Juan de Ulua verteidigt.
Es war schon nach Mitternacht, als Orry in das Eßzelt hineinstolperte. Er war völlig durchgeschwitzt und mit Sand und Insektenstichen übersät. Er sank neben George an einem dreckigen Tisch nieder.
»Mein Gott, wie sieht dieser Tisch aus!«
Hauptmann Place betupfte seine Wangen mit einem bunten Taschentuch.
»Er gehört nicht uns. Beim Ausladen kam es zu Verwechslungen. Dies sind Operationstische, die zum letztenmal in Monterrey verwendet worden sind, für Amputationen und dergleichen.«
Orry würgte und wischte sich die Hand an der Hose ab. Dann hörte er brüllendes Gelächter. Sogar Place, der von Natur aus nicht viel Humor hatte, lachte mit. Es handelte sich um einen alten Armeewitz, wie Orry später erfuhr. Er fühlte sich besser, weil er sich nun nicht mehr als Anfänger vorkam. Endlich war er akzeptiert worden.
Niemand wußte – weder in dieser Nacht noch später – weshalb der mexikanische Kommandant in Veracruz nicht eine einzige Kugel auf die Invasoren abgefeuert hatte. Doch die Abwesenheit des Feindes machte Orry nervös, als er gegen drei Uhr morgens von Wachtposten zu Wachtposten ging. Er hielt seine rechte Hand immer in der Nähe der persönlichen Handwaffe, die er auf eigene Kosten gekauft hatte, etwas, das die meisten Offiziere taten. Es war die beste Militärpistole, die derzeit zu haben war: eine 1842er Johnson.
Ein steifer Wind wehte, und am Himmel zeigte sich kein einziger Stern. Orry befand sich gerade auf halbem Weg zwischen zwei Wachtposten, als er zu seiner Linken, landeinwärts, ein Geräusch hörte. Stimmen und Bewegungen. Mit trockenem Mund zog er seine Pistole.
»Wer da?«
Plötzlich war es still. Man hörte nur den Wind. Er rief nochmals und merkte dann mit einiger Verspätung, daß er eine prächtige Zielscheibe abgeben mußte: Das laternenbeleuchtete Regimentszelt befand sich gerade hinter ihm. Er rannte, um aus dem Lichtkegel wegzukommen. Nach wenigen Schritten hörte er erneut Stimmen – diesmal laut –, die ärgerlich etwas auf spanisch riefen.
Drei Schüsse. Er spürte, wie eine Kugel seine Hose durchbohrte. Er kniete nieder, zielte und schoß. Ein Mann schrie auf, ein anderer fluchte. Von den umstehenden Wachen waren Wer-da-Rufe zu hören. Orry fühlte einen heftigen Schmerz, der sein Triumphgefühl verblassen ließ. Er befühlte sein Bein und stellte zu seiner Überraschung fest, daß die Kugel nicht nur seine Hose, sondern seine Wade getroffen hatte. Das Sanitätszelt war einige hundert Meter entfernt, und während er dorthin humpelte, füllte sich sein Schuh mit Blut. Die Ordonnanz salutierte, doch bevor Orry den Gruß erwidern konnte, fiel er in Ohnmacht.
Die Verletzung war nicht ernst, und er fühlte sich bereits besser, als George ihn am folgenden Abend besuchte.