»Deine erste Kriegsverletzung.« George grinste. »Gratuliere.«
Orry verzog das Gesicht. »Ich hatte mir meine Feuertaufe etwas großartiger vorgestellt, danke. Ich finde es nicht gerade heldenhaft, von einem umherstreunenden Heckenschützen angeschossen zu werden. Ich glaube aber, daß ich einen von ihnen erwischt habe.«
»Ja, das hast du. Flicker hat die Leiche bei Sonnenaufgang gefunden.«
»Soldat oder Zivilist?«
»Ein Soldat, als Bauer verkleidet, aber seine Waffen waren von der Armee.«
Orry sah etwas weniger ungehalten drein. George kauerte neben seinem Lager nieder und sagte mit sehr viel leiserer Stimme:
»Sag mal, als die Schüsse fielen, hattest du da Angst?«
Orry schüttelte den Kopf. »Ich hatte keine Zeit dazu. Aber etwa eine Minute später« – er schwieg kurz –, »sah ich jede Einzelheit nochmals vor mir, und da hatte ich Angst.«
Je mehr Orry darüber nachdachte, desto mehr war er davon überzeugt, daß er etwas Wesentliches über das Verhalten von Männern im Krieg herausgefunden hatte.
Einige Nächte später rollte sich George in seinem Zelt näher an die schwache Laterne heran und drehte einen Bleistiftstumpf zwischen den Fingern hin und her. Wieder einmal schrieb er einen langen Brief an Constance; er schickte fast alle drei Tage einen. Er liebte sie so sehr, daß er so viele Erfahrungen wie möglich mit ihr teilen wollte.
Einige der tiefsten Gefühle ließ er jedoch nicht in die Briefe einfließen. Seine Sehnsucht, mit ihr zusammen zu sein, hatte einen starken Haß gegen den Krieg in ihm wachgerufen, eine Reaktion, die weit über das hinausging, was in Corpus Christi eine Art resigniertes Akzeptieren gewesen war.
Während er sich überlegte, was er als nächstes schreiben sollte, kitzelte es ihn im Nacken. Blitzschnell und wütend schnellte seine Hand hoch und tötete das winzige Insekt. Dann schrieb er:
Jede Nacht feuern ein paar Heckenschützen einige Schüsse ab, aber heute abend war es ruhig. Ich glaube langsam, daß dieses Land unser wahrer Feind ist. Der Wind bläst fürchterlich, und Augen und Haut sind ständig voller Flugsand. Wenn man sich in ein Zelt zurückzieht, kann man zwar diesem Problem für eine Weile aus dem Weg gehen, aber das garantiert keineswegs Ruhe oder Schlaf, denn wir Amerikaner haben noch eine andere Schlacht zu schlagen, von der unsre Vorgesetzten kein Wörtchen gesagt haben, nämlich gegen die Armee der Flöhe und Insekten, mit denen diese Küste bevölkert ist.
Der kleine McClellan, einer meiner Klassenkameraden, der mit den Pionieren hier unten ist, hat eine neue Art der Verteidigung gegen diese infernalischen Biester erfunden. Jeden Abend schmiert er sich von Kopf bis Fuß mit gesalzenem Schweinefett ein und kriecht dann auf diese widerwärtige Art und Weise beschützt in seinen Schlafsack, den er am Hals fest zubindet. Er sagt, es funktioniere hervorragend, aber ich bin noch nicht verzweifelt genug, um solche Maßnahmen zu ergreifen.
George schrak durch einen Gewehrschuß auf. Ein Schrei. Männer brüllten und rannten hinaus. Er ließ den Brief fallen, rannte los und stellte fest, daß ein in der Nähe stehender Wachtposten von der Kugel eines Heckenschützen getroffen worden war.
Der junge Soldat lag auf der Seite, der obere Teil seines Gesichts wurde vom Laternenlicht erhellt. Das eine Auge war offen, der Blick starr. Der tödliche Schuß hatte ihn mitten im Rücken getroffen.
Ein Sergeant kümmerte sich um die Leiche. Der Mann hatte einer andern Kompanie angehört, und George kannte ihn nicht. Erschüttert kehrte er in das Zelt zurück und hob den Brief auf. Er würde nichts davon schreiben. Er wollte weiterschreiben, mußte jedoch aufhören, weil das Gesicht des Toten und die Erinnerung an Orrys knappes Davonkommen ihn nicht losließen. Erst fünf Minuten später hörten seine Hände auf zu zittern, so daß er den Bleistift wieder in die Hand nehmen konnte.
Der vom Norden her wehende frische Wind verzögerte das Ausladen von Scotts Artillerie, Munition und Lasttieren. Bis zum 22. März fiel in Veracruz kein Schuß. Scott plante, die Stadt durch ›langsames, wissenschaftliches Artilleriefeuer‹ einzunehmen.
Orry hatte bald darauf wieder Dienst. Auch als die Beschießung von Veracruz endlich begann, blieben die amerikanischen Soldaten unruhig und nervös. Täglich hatten sie unter dem Klima zu leiden, und nun konnten sie die ganze Nacht kein Auge schließen, weil die Mexikaner mit ihren infernalisch lauten Kanonen zurückschossen. Orry mußte dauernd Streitereien schlichten und seine Männer zur Disziplin rufen.
Überall begegneten George und Orry Bekannten von der Akademie. Zu Beginn des Kriegs hatten etwa fünfhundert Absolventen von West Point berufsmäßig in der Armee gedient, und etwa ebensoviel waren einberufen worden, um das Kommando über Freiwilligen-Einheiten zu übernehmen. Tom Jackson, der von Tag zu Tag ernster und in sich gekehrter schien, war in der Artillerie; Pickett, Bee und Sam Grant in der Infanterie. Viele andere, die die beiden Freunde oberflächlich kannten, waren ebenfalls dort. Die Tatsache, daß viele Offiziere aus West Point um sie herum waren, verlieh ihnen ein Sicherheitsgefühl.
Am 24. März wurden weitere Waffen von Admiral Matthew Perry geliefert. Am selben Tag mußten sich Orry und Hauptmann Place ins Hauptquartier der Brigade begeben, wo sie sich für eine Messerstecherei, die in Orrys Zug stattgefunden hatte, verantworten mußten. Die Befragung wurde nur routinemäßig durchgeführt, weil alle in Hochstimmung waren. Aufklärer teilten mit, daß die Bombardierung durch die Amerikaner der Stadt nun endlich erheblichen Schaden zufüge.
»Admiral Perrys Waffen haben uns gerettet«, knurrte Place, als er und Orry nach dem Verhör das Zelt verließen. »Ich glaube, wir sind ihm zu Dank verpflichtet, auch …«
»Leutnant Main.«
»Ja, Sir.« Orry salutierte automatisch, obwohl er die Stimme nicht genau erkennen konnte. Als er sich umdrehte, erstarrte er.
Elkanah Bent grüßte lässig, fast spöttisch zurück. Ein verachtungsvoller Blick traf Orrys Arbeitskappe. Bent trug den formelleren chapeau bras nach dem Muster der französischen Armee.
»Dachte ich doch, daß Sie es sind«, sagte Bent. »Man hat mir berichtet, daß Sie und Ihr Freund Hazard hier seien.«
Orry versuchte, unbekümmert dreinzusehen.
»Sie sehen gut aus, Hauptmann.«
»In Anbetracht dessen, was ich letztes Jahr alles erlebt habe, fühle ich mich außerordentlich wohl. Ich habe gehört, daß Sie zu unseren wenigen Verletzten gezählt haben. Sie sind von der Kugel eines Heckenschützen angeschossen worden, nicht?«
»Ja, Sir. Am Abend, als wir landeten. Es war jedoch nichts Ernstes.«
»Das hört man gern.« Bents Gesichtsausdruck sagte genau das Gegenteil. »Nun, Leutnant, ich bin sicher, daß wir einander wieder begegnen werden. Vielleicht können wir dann Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit in West Point austauschen.«
Hauptmann Place runzelte die Stirn. Er spürte die Spannung. Aber nur Orry verstand Bents Bemerkung. Schauer liefen ihm über den Rücken, als Bent davonwatschelte. Er war immer noch dick und gefährlich.
»Haben Sie dieses Schwein in der Akademie gekannt?« fragte Place.
Orry nickte. »Er war eine Klasse über mir. Haben Sie mit ihm Dienst gemacht?«
»Nein, nie, Gott sei Dank. Aber allen ist Hauptmann Bent vom dritten Infanterieregiment ein Begriff. Sein Regimentskommandant, Oberst Hitchcock, verhehlt die Verachtung nicht, die er für ihn empfindet. Er sagt, daß Bent unter grenzenlosem Ehrgeiz leidet und wild entschlossen ist, die Erfolgsleiter emporzusteigen – notfalls über Leichen. Seien Sie dankbar, daß Sie nichts mehr mit ihm zu tun haben.«
Wenn das nur so wäre, dachte Orry, als sie davonmarschierten.
Die Verteidiger von Veracruz hielten Perrys Kanonen nicht lange stand. Sie kapitulierten am 29. März, und am gleichen Tag wurden überall in der Stadt die Sternenbanner hochgezogen.