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Der Sieg hatte knapp hundert amerikanische Soldatenleben gefordert. George und Orry waren schockiert, als sie erfuhren, daß die Politiker zu Hause und auch ein Teil der Öffentlichkeit die geringe Anzahl von Toten bedauerten. »Sie messen den Sieg an der Anzahl Leichen«, sagte George, »und dann wundern sie sich, daß niemand in der Armee bleiben will.«

Scott war mit der Entwicklung des Kriegs zufrieden. Nachdem Taylor im Februar in Buena Vista einen überraschenden Sieg errungen hatte, kam jetzt noch die Eroberung von Veracruz hinzu. Scott reorganisierte die Armee erneut für den Marsch auf die Hauptstadt.

Am 8. April begann Twiggs-Infanteriedivision ihren Vormarsch ins Landesinnere. General Worths Einheiten warteten auf den Befehl, zu Twiggs Unterstützung vorzurücken, als ein Gerücht umging, daß Santa Anna, der wieder einmal zum Präsidenten aufgerückt war, erneut in Jalapa auf der Hauptstraße Richtung Mexico City Stellung bezogen habe. Am 11. und 12. April stießen Twiggs Einheiten mit feindlichen Aufklärertruppen zusammen. General Worth erhielt den Befehl, Twiggs im Dorf von Plan del Rio mit vereinten Kräften zu Hilfe zu eilen.

In den ersten Marschstunden fielen viele Männer wegen der Hitze auf der Straße um. Orry, der beinahe auch ohnmächtig wurde, riskierte eine Kritik seiner Vorgesetzten, als er zurückblieb, um einem stolpernden Soldaten wieder auf die Beine zu helfen.

Bis es Abend wurde, hatten vier Männer in Orrys Zug Durchfall. In den anderen Zügen ging es nicht besser. Die Gräben entlang der Straße stanken und wimmelten von grünen Fliegen. Doch Ruhr war nicht die einzige Krankheit, die sie zu befürchten hatten. Schon seit Wochen waren die Offiziere wegen der bevorstehenden Gelbfieber-Zeit beunruhigt gewesen, die jedes Jahr zahlreiche Menschenleben an der Küste hinwegraffte. Scott hatte seine Männer vor dem Ausbruch des Fiebers ins Hochland bringen wollen, und Twiggs Alarm bot ihm nun auch Gelegenheit dazu. Als sich ein Unteroffizier darüber beklagte, daß man so schnell so weit ging – es waren etwa sechzig Meilen –, sagte Orry rasch:

»Sobald wir bei General Twiggs sind, wird es Ihnen sehr viel bessergehen.«

»Besser? Wenn ich dauernd den Kugeln der Mexikaner ausweichen muß! Bitte um Entschuldigung, Leutnant, aber das kann ich nicht glauben.«

»Aber es stimmt. Es ist weniger wahrscheinlich, daß Sie einer Kugel zum Opfer fallen, als dem vomito.«

An jenem Abend stellte Orry beim Lagerfeuer fest, daß der Rauch in einen klaren, dunstfreien Himmel aufstieg. Kühlere Luft. Sie waren bereits über der Ebene, deren feuchtheißes Klima ihn an zu Hause erinnerte. Er machte den Unteroffizier auf die Veränderung aufmerksam, aber der Mann war nicht zu überzeugen.

Sergeant Flicker kam. Er meldete, daß die Wachen gemäß Orrys Befehl auf Posten standen. Er kauerte am Feuer nieder, nahm einen Keks und pickte die Kornwürmer heraus. Er bemerkte, daß die meisten Soldaten einen Kampf mit den Mexikanern wünschten, es war zu lange ruhig gewesen. Dann sagte er:

»Übrigens Sir, ich habe noch nie Gelegenheit gehabt, Ihnen diese Frage zu stellen. Haben Sie mit den Señoritas in Veracruz Kontakt gehabt?«

Orry war über seine Frechheit erstaunt. Wahrscheinlich ging Flicker davon aus, daß sein Dienstalter ihm gewisse Privilegien im Umgang mit Offizieren einräumte. »Nein, Sergeant«, sagte er, »ich habe ein Mädchen zu Hause.« Eine passende, wenn auch schmerzhafte Lüge.

»Oh.« Flickers Gesichtsausdruck besagte, daß es ihm nicht klar war, weshalb das eine das andere ausschließen sollte. »Sehr angenehm, einige dieser Damen. Ich hatte natürlich das Pech, eines ihrer Etablissements in derselben Nacht zu besuchen wie der Hauptmann des dritten Regiments. Er benahm sich recht unsanft einem Mädchen gegenüber, das er bezahlt hatte. Sie schrie fürchterlich laut, und die Haupthure hätte beinahe das Etablissement geschlossen.«

»Drittes sagten Sie? Wie war der Name des Hauptmanns?«

»Bent.«

Mit ruhiger Stimme: »Ich habe von ihm gehört.«

»Klar. Wer nicht. Schlächter Bent nennen ihn seine Leute. Es war ein Skandal, was er in Monterrey getan hat.«

»Davon ist mir nichts bekannt.«

»Sie sind doch im vergangenen Herbst dort durchgekommen, nicht wahr? Sicher kennen Sie den Grundriß der Festung auf der Ostseite, das Black Fort mit der Redoute. Nun, Bent befand sich in der Kolonne von Garland, die am Black Fort vorbei vorwärtsstürmte. Es wurde ziemlich scharf geschossen. Als die Kolonne kehrtmachte, flog die linke Flanke der Redoute in die Luft. Die Männer rannten los und wollten in den umliegenden Straßen Schutz suchen, aber die waren natürlich auch nicht sicher. Während einiger Minuten ging alles drunter und drüber. Der einzige Ausweg waren die Nebenstraßen, wo nicht so viele Mexikaner versteckt waren. Aber Schlächter Bent war gegen diese rettende Lösung. Er beschloß, ein Held zu sein und die Redoute zu stürmen. Er sandte einen Zug los.«

»Haben sie sie eingenommen?«

»Natürlich nicht. Es war unmöglich. Bent verlor mehr als den halben Zug. Hinterher habe ich gehört, daß man mindestens zwei Mann mit Kugeln im Rücken gefunden hat.«

»Sie wollen sagen, daß sie erschossen wurden, als sie von der Redoute wegrannten?«

»Sie wurden erschossen, als sie vor Bent wegrannten.«

»Mein Gott, weshalb erstattet nicht jemand Meldung?«

»Er ist ein Arschkriecher, Leutnant. Und einigen der Leute, die für diese Armee hier verantwortlich sind, ist es völlig egal, wie ein Mann zu seinen Ergebnissen kommt, Hauptsache, er läßt sie in Ruhe. Man sagt auch, daß Bent recht viele Freunde in Washington habe.«

Orry hätte das bestätigen können, aber er unterließ es.

»Niemand kann beweisen, daß er diese Leute erschossen hat«, fuhr Flicker fort. »Ich habe gehört, daß Bent mit dem Kriegsgericht gedroht hat, falls jemand Fragen zu dieser Operation stellen sollte. Das sagt Ihnen sicher einiges, oder nicht?«

Orry nickte. »Seine Männer reden also nicht über ihn?«

»Mit Recht. Sie haben viel zuviel Angst. Gott weiß, wie viele er noch in den Tod schickt, bevor man ihn erwischt – oder bevor er zum Präsidenten gewählt wird, was eher wahrscheinlich ist. Verdammt, kann man uns kein anständiges Essen geben!« Er lehnte sich vor und spie einen sich windenden Kornwurm ins Feuer.

Später stieß Orry auf die Kompanie von George. Er berichtete, was Sergeant Flicker ihm mitgeteilt hatte.

»Ich glaube jedes Wort davon«, sagte George. Sorgfältig setzte er einen Stein auf ein dünnes, vollgekritzeltes Blatt Papier. Darunter befanden sich noch weitere acht oder zehn. Wieder ein Brief nach Texas, dachte Orry.

»Ich sag’ dir eins, Stiel«, fuhr George fort. »Falls die Sterne je gegen mich sein sollten und ich unter Bents Kommando käme, ich glaube, ich würde mich umbringen, bevor ich mich zum Dienst melden würde. Übrigens: Ich habe eben erfahren, daß sich in unserem Artilleriebataillon in Veracruz einige Waffen befanden, die in Cold Springs geschmiedet wurden.« Und damit überkam ihn die Begeisterung des Eisenherstellens.

In jener Nacht hatte Orry Mühe mit Schlafen. Flickers Worte und Bents Augen ließen ihn kaum zur Ruhe kommen.

Am Abend vor Cerro Gordo trank George eine Drittelflasche mexikanischen Wein, der von seinem Kompaniekommandant Enos Hoctor geschmuggelt worden war. George mochte Hauptmann Hoctor nicht besonders. Er war zu ernst und machte sich oft und gern lauthals und ausgiebig Sorgen um den Ruf von West Point.

George teilte Hoctors Sorgen nicht, aber er teilte gern den Wein mit ihm. Er hatte Orry auch einladen wollen, aber sein Freund wollte sich unbedingt nochmals in Scotts »Taktik der Infanterie« vertiefen. Der arme Orry, er konnte seine erste Schlacht nicht schnell genug erwarten. George würde sich glücklich schätzen, wenn ihm niemals eine feindliche Kugel um die Ohren pfiff!

Um ihren Marsch nach Mexico City fortsetzen zu können, mußten die Amerikaner die Festung von Cerro Gordo einnehmen. Auf dem Telegrafo, einem befestigten Gipfel, waren die mexikanischen Batterien in Stellung gebracht. Die Straße führte in westlicher Richtung vom Camp der Amerikaner in Plan del Rio nach Cerro Gordo. Auch auf einem zweiten Hügel, dem Atalaya, waren feindliche Kanonen stationiert. Hauptmann Robert Lee von den Pioniertruppen hatte einen Maultierpfad entdeckt, der um die Nordflanke dieses Hügels herumführte. Am frühen Vormittag des 17. April hatten amerikanische Scharfschützen diesen Weg genommen und nach kurzer Zeit Atalaya eingenommen. Die Kanonen wurden jetzt in Position gestellt, um den Telegrafo unter Feuer zu nehmen.