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Wenn morgen der Hauptangriff begann, fiel Twiggs’ Division die Aufgabe zu, über die Hügel vorzustoßen und die mexikanische Flanke anzugreifen. Die Division Worth, in der sich George und Orry befanden, war bis zur Nationalstraße vorwärtsgestürmt und stand dort bereit, falls Twiggs Verstärkung brauchte. George glaubte aber, daß Orry einmal mehr enttäuscht sein würde, weil die Division vielleicht gar nicht in den Kampf eingreifen mußte. Nachdem er Hoctors Wein getrunken hatte, fiel George mühelos in Schlaf.

Er war schon lange vor Sonnenaufgang aufgestanden, als ein Artillerieduell losging. Von der Stelle aus, an der er und seine Männer warteten, konnte man nur Rauch und ein rotes Glühen sehen. Dann hörte man Schüsse, Trommeln und gelegentlich einen Schmerzensschrei. Georges Männer warteten schweigend und blickten einander stumm an.

George hatte es schon vor langer Zeit aufgegeben, etwas über die Strategie der Schlacht, an der er sich beteiligte, in Erfahrung zu bringen. Er war nur ein kleiner Frontleutnant, ein Rädchen in einer Riesenmaschine. Abgesehen davon kam es ihm nur darauf an, seine Pflicht zu erfüllen und zu überleben. Orry war anders. Er war von Strategie fasziniert, denn sie war das A und O einer militärischen Laufbahn. George konnte seinen Freund weiter vorne mit seinem Zug entdecken und hoffte, daß Orry etwas von dem großangelegten Plan mitbekommen würde.

Die Schlacht dauerte etwas mehr als drei Stunden. Um halb neun hörte man wieder Trommeln, und die Männer von Worths Division machten die üblichen nervösen Witze, als sie sich für den Marsch vorbereiteten. Sie hatten den Befehl erhalten, die geschlagene Armee der Mexikaner auf der Hauptstraße zu verfolgen. Santa Anna hatte öffentlich geschworen, daß er in Cerro Gordo entweder siegen oder sterben würde. Doch der Napoleon des Westens hatte schon oft seine Versprechen überlebt. Als die Niederlage nahte und ihre Schatten warf, hatte sich Santa Anna – wie George später erfuhr – ein Pferd geholt und war davongaloppiert.

Bereits lagen von der Hitze aufgedunsene Leichen zu beiden Seiten der Hauptstraße. Es waren meistens Mexikaner, aber es befanden sich auch einige amerikanische Dragoner unter ihnen. Vom Gestank, der vom toten Fleisch und den Darminhalten aufstieg, wurde George so übel, daß er sich in einen Graben erbrechen mußte. Er fragte sich, was Orry nun wohl von Glanz und Gloria des Kriegs hielt.

Tote Pferde, umgestürzte Munitionswagen und andere Trümmer des Rückzugs der Mexikaner erschwerten den Vormarsch zum La Joya-Paß. Etwa zwei Meilen weiter oben auf der Paßstraße wurden sie plötzlich von einem felsigen Hügel über der Nordseite der Straße unter Feuer genommen.

»In Deckung!« schrie George und zog Pistole und Säbel. Der Befehl erwies sich als überflüssig, denn seine Männer hatten sich bereits nach rechts und links in den Straßengraben geworfen. Mit Ausnahme von zweien waren alle dem Kugelhagel schnell genug ausgewichen.

Am Straßenrand kauernd, sah George, wie sich der eine der Männer noch bewegte. George blinzelte mehrere Male im weißen Rauch, der von der Hügelseite her aufstieg, schluckte zweimal und kletterte dann den Graben hoch.

»Zurück, Leutnant«, rief ihm Hauptmann Hoctor von links zu. Aber George war schon halbwegs beim verwundeten Unteroffizier angelangt, hob ihn hoch und schleppte ihn durch den Kugelregen auf die Seite.

Er ließ den Verwundeten in den Graben nieder und sprang dann selbst hinein. Die amerikanische Artillerie eröffnete das Feuer auf die versteckten Heckenschützen. Nach drei Salven hörte man nur noch Schreie und Stöhnen.

»Sie haben sich unnötiger Gefahr ausgesetzt«, sagte Hoctor mürrisch zu George, als Sanitäter den Verwundeten auf einer Bahre davontrugen. »Ihre Pflicht ist es, bei Ihren Männern zu sein.«

»Tut mir leid, Sir«, gab George zurück, »ich glaube, ich habe meine Pflicht getan.«

Gefühlloser Hund, dachte er. Der Soldat ist ihm egal gewesen – und meine Panik auch. Wenn West Point viele von Hoctors Art hervorbrachte, so war seine Kritik durchaus berechtigt.

Am Abend verschaffte sich George ein Pferd und ritt zum Feldlazarett, um sich nach dem Unteroffizier zu erkundigen. Der junge Mann war in guter Stimmung und würde davonkommen. Auf der Pritsche neben ihm lag ein rotbärtiger Sergeant, dessen Leib mit einer braungefleckten Bandage umwickelt war. Das bedeutete, daß er eine der gefürchteten Magen- oder Darmverletzungen hatte. George hörte, wie sich der Mann bei einer Ordonnanz über Bent beklagte.

»Entschuldigen Sie, Sergeant, reden Sie von Elkanah Bent?«

Der Mann wurde sofort argwöhnisch und flüsterte mit schwacher Stimme: »Ist er ein Kamerad von Ihnen, Sir?«

»Genau das Gegenteil. Ich verachte den Hund.«

Der Sergeant kratzte sich im Bart. Überrascht und mißtrauisch schwieg er eine Weile, bis er schließlich davon überzeugt war, daß er unbehelligt weiterreden konnte.

»Woher kennen Sie Schlächter Bent?«

»Wir waren zusammen in West Point. Ich habe zusehen müssen, wie er ein halbes Dutzend Junioren fast umgebracht hat. Was haben Sie über ihn erzählt? Ist er tot?«

»Nein, leider nicht. Bent hat mich um meinen besten Zugführer gebracht. Er hat Leutnant Cummins gegen eine Redoute auf dem Telegrafo, die nicht einmal von einer Brigade eingenommen werden konnte, geschickt. Natürlich blieb Bent wie immer geschützt im Hintergrund. Ein Fehlschuß von unseren Kanonen auf dem Atalaya hat den Leutnant, seinen Trupp sowie eine beträchtliche Anzahl Mexikaner in Stücke gerissen. Später führte uns der Schlächter durch den Rauch hinauf und befahl uns, die toten Mexikaner zehn Minuten lang mit dem Säbel zu traktieren.«

»O Gott«, keuchte George. Er sah Bents rundes, wächsernes Gesicht fast vor sich; er war sicher, daß der Hauptmann während des Geschehens gelächelt hatte.

Die Augen des Verwundeten glühten im Lampenlicht wie Feuer. »Was von Cummins übriggeblieben war, steckten sie in einen Sack. Aber Sie wissen ja, wer den Orden bekommen wird.«

»Sagen Sie, Sergeant, wenn Cummins wußte, daß der Angriff selbstmörderisch war – «

»Natürlich wußte er das. Wir alle haben es gewußt.«

»Was ich wissen möchte: Hat er den Befehl in Frage gestellt?«

»Nein, das konnte er nicht.«

»Hat es sonst jemand getan?«

»Der Zugführer. Er ist – er war ein zäher, alter Knabe; Offiziere beeindruckten ihn nicht so schnell, besonders nicht diejenigen von der Akademie.« Er hustete verlegen. »Ich will Sie keineswegs beleidigen, Sir.«

»Tun Sie nicht. Weiter.«

»Der Sergeant hat kein Blatt vor den Mund genommen. Er sagte geradeheraus, daß es glatter Mord sei, Männer gegen die Redoute zu schicken.«

»Wie reagierte Bent?«

»Er steckte den Sergeanten auch in die Angriffstruppe.«

»Und Cummins sagte immer noch nichts?«

»Weil er ein guter Offizier war! Und weil er – wie ich annehme – nicht eine von Bents Kugeln im Rücken haben wollte. In Monterrey – «

»Ja, ich habe davon gehört. Ich habe den Eindruck, wenn Bent so weitermacht, wird er von seinen eigenen Männern umgebracht werden.«

Der Sergeant sagte mit schwacher, aber plötzlich eiskalter Stimme: »Nicht, wenn ich ihn zuerst erwische.«

»Erwische? Wie?«