»Sobald ich wieder auf den Füßen bin, gehe ich zum Divisionsvorgesetzten und erzähle die ganze Geschichte. Wenn es in dieser verdammten Armee noch Gerechtigkeit gibt, dann wird Schlächter Bent verurteilt und entlassen werden.«
»Sie wollen also Bent eines Vergehens anklagen?«
»Ich werde es auf jeden Fall – « er hustete erneut und hatte offensichtlich große Schmerzen dabei, »ich werde es todsicher versuchen.«
»Aber wenn Sie der einzige sind, der Klage erhebt?«
»Werde ich nichts ausrichten. Ist es das, was Sie sagen wollen?«
George nickte.
»Nun, ich werde nicht allein sein. Ich habe Zeugen vom Zug, ein halbes Dutzend, vielleicht mehr.«
»Sind alle bereit, eine Zeugenaussage zu machen?«
»Sie sind alle hier gewesen und haben es mir gesagt.«
»Sind Offiziere dabei?«
»Nein, Sir.«
»Schade. Es würde der Anklage mehr Gewicht verleihen.« Erst nachdem George das gesagt hatte, bemerkte er den intensiven Blick des Sergeanten.
»Ja, das stimmt, Sir. Würden Sie helfen? Würden Sie über das aussagen, was Sie von Bent wissen? Ich nehme an, Sie halten nicht viel von ihm?«
»Nein, aber …«
»Er muß bestraft werden. Er muß aufhören. Helfen Sie mir, Sir. Bitte.«
George holte tief Luft. Er war beinahe erstaunt, als er sich sagen hörte:
»Einverstanden, ich werde tun, was ich tun kann.«
Später am selben Abend stieß er auf Orry mit seinem Zug. Er nahm ihn beiseite und erzählte ihm von seiner Unterredung mit dem rotbärtigen Sergeanten, dessen Namen er am Schluß erfahren hatte: Lennard Arnesen.
Als George zu Ende geredet hatte, schüttelte Orry den Kopf. George wurde zornig. »Glaubst du Arnesens Geschichte nicht?«
»Doch, natürlich. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß du dich in so was hineinziehen läßt.«
George ging in die Hocke und versuchte sich unter dem rechten Hosenbein zu kratzen. Er entdeckte eine Zecke und riß sie los. »Ich kann es selbst kaum glauben. Hazard, der Experte für Selbsterhaltung, war drauf und dran, Arnesen im Stich zu lassen. Aber dann hab’ ich mich an all das erinnert, was das fette Schwein in West Point angerichtet hat, und ich habe mir gesagt, wenn unsre Männer erschossen werden, dann sollten die Mexikaner dafür verantwortlich sein, nicht unsre eigenen Offiziere.«
»Was willst du tun?«
»Erst einmal will ich mit meinem Hauptmann reden und ihm sagen, daß ich die Absicht habe, Arnesen zu unterstützen. Ich kann nicht bezeugen, was in Arnesens Trupp vorgefallen ist, aber ich kann auf jeden Fall Maßgebliches zu Bents Charakter und Vergangenheit sagen. Wie der Sergeant sagte – wenn es irgendeine Gerechtigkeit in der Armee gibt, dann wird der Divisionsstab auf uns hören. Natürlich«, – er schaute Orry fest in die Augen – »wären zwei Offiziere überzeugender als einer.«
»Ich hatte das Gefühl, daß du mich darum bitten würdest.«
»Bist du einverstanden?«
Ohne zu zögern sagte Orry ja. Er gähnte. »Aber nicht mehr heute abend.«
»Ich bin schockiert«, sagte Hauptmann Hoctor. »Nein, schlimmer, ich bin entsetzt.«
George warf Orry, der neben ihm stand, einen Blick zu, erfreut darüber, daß seine einleitenden Worte eine solch heftige Reaktion hervorgerufen hatten. »Es macht mir Mut, daß Sie das sagen, Sir«, fuhr er fort, »Bents Verhalten ist wirklich – «
»Ich habe nicht von Hauptmann Bents Verhalten gesprochen, sondern ich meinte Sie. Ehrlich gesagt, ich kann es nicht glauben, daß ein Akademieabsolvent die Fähigkeiten, die Motive, die Eignung eines andern Akademiemitglieds anfechten kann. Hat überdies nie jemand den beiden Herren gesagt, daß man von einem Kommandanten erwartet, daß er seine Männer gegen feindliche Stellungen schickt, egal wie gesichert sie auch immer sein mögen und ungeachtet der Umstände?«
George schwindelte. »Ja, natürlich, Sir. Und oberflächlich betrachtet hat Hauptmann Bent ja auch nichts anderes getan. Aber da gibt es noch andere Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt. Sein Charakter, seine – «
»Seine Vergangenheit«, warf Orry ein. »Muß man die Anklage nicht auch in diesem Licht betrachten?«
Hoctors Blick war vernichtend. »Ich habe noch nie eine Vorschrift in diesem Sinn gelesen, Leutnant. Mein Standpunkt ist klar: Ich kann es nicht fassen, daß Sie, Gentlemen, sich zu einer solch unmoralischen Anklage hinreißen lassen können, wenn doch der gute Ruf der Akademie – vielleicht sogar ihr Fortbestehen – davon abhängt, was die Öffentlichkeit – und auch das Parlament – von ihren Absolventen hält.«
Mit mühsam beherrschter Stimme sagte George: »Sir, darf ich untertänigst fragen, was die Angelegenheit mit der Akademie zu tun hat? Sergeant Arnesen wird darauf schwören, daß Hauptmann Bent beinahe Mord begangen hat. Der Zugführer von Bent hat den Befehl in Frage gestellt, und deswegen hat ihn Bent auch in den Tod geschickt. Der Sergeant hat Zeugen, die bereit sind – «
»Das wissen wir alles schon, Leutnant.« Der Ton des Hauptmanns war schneidend.
»Entschuldigen Sie, Sir.« Er griff nach seinem Kragen. »Aber ich bin sicher, daß es triftige Gründe für die Anklage gibt und daß ein Verschulden vorliegt. Leutnant Main und ich sind bereit, weitere Informationen zu liefern. Es gibt vieles zu sagen. Sicher haben Sie von Monterrey gehört – «
»Natürlich. Tapfere Offiziere sind seit jeher die Zielscheibe der weniger Tapferen gewesen.« Hoctors Gesichtsausdruck ließ durchblicken, daß er George zur letzten Kategorie zählte.
»Mit Verlaub, Sir«, sagte Orry, »ich glaube, hier muß man unterscheiden. Nehmen Sie Hauptmann Lee als Beispiel. Es ist mir nicht bekannt, daß auch nur ein einziger Offizier oder Soldat seinen Mut je bezweifelt hätte. Er hat in Cerro Gordo seine Tapferkeit durch einen persönlichen Einsatz bewiesen und nicht dadurch, daß er gute Soldaten einer hoffnungslosen Situation ausgesetzt hätte. Bent hingegen – «
»Genug«, unterbrach ihn Hauptmann Hoctor. »Sie haben beide Ihren Standpunkt dargelegt. Ich möchte Ihnen eine Frage stellen.« Seine Stimme war jetzt bedrohlich. »Haben Sie wirklich die Absicht, diese Angelegenheit auf formellem Weg weiterzuleiten?«
George zögerte keine Sekunde. »Ja, Sir.« Orry schloß sich ihm an. »Ich nehme an, Sir«, fügte George hinzu, »daß Sie meinen Bericht an die Division erhalten und weiterleiten werden.«
Hoctors Augen glühten. Mit gefährlich leiser Stimme sagte er: »Im Gegensatz zu dem, was ich Ihren Worten und Ihrem Benehmen entnehmen darf, bin ich ein Ehrenmann.«
»Sir, ich habe niemals sagen wollen – «
»Gestatten Sie mir, daß ich zu Ende rede. Natürlich werde ich Ihren Bericht nicht zurückhalten oder begraben, das wäre gegen meine Pflicht als Offizier. Das bedeutet jedoch nicht, daß ich mit Ihrem Vorgehen einverstanden bin. Ich verabscheue es. Wenn wir uns nun darüber einig sind – hinaus mit Ihnen.«
In dem Gefühl, einen Sieg – wenn auch einen gefährlichen – errungen zu haben, kehrte George an diesem Abend ins Lazarett zurück, um Sergeant Arnesen zu informieren. Als er am Fußende des Betts stand, starrte er blöd vor sich hin: An Arnesens Stelle lag ein blonder junger Mann.
George drehte sich der Magen um. Er kehrte sich abrupt um und suchte Arnesen fieberhaft im Halbdunkel, dort wo andere Männer stöhnten. Eine Ordonnanz eilte mit einer übelriechenden Schüssel vorbei.
»Sergeant Arnesen? Er ist gestern abend auf dem Operationstisch gestorben. Den meisten ergeht es so, wenn sie unters Messer kommen.«
Der blonde Soldat beobachtete sie mit erstaunten, umnebelten Augen. Die Ordonnanz eilte davon. George konnte nur eines denken: Er hat mir die Namen der andern Zeugen nicht gesagt.
Obschon ihm nicht wohl dabei war, ging George zu Hauptmann Hoctor zurück, um ihm den neuesten Stand der Dinge mitzuteilen und ihm zu sagen, daß er immer noch die Absicht habe, einen Bericht abzufassen.