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»Sind Sie ganz von Sinnen, Leutnant? Das beste Beweisstück im Zusammenhang mit dem Tod dieses Leutnant Cummins ist pures Gerücht, und jetzt können Sie nicht einmal sagen, woher es kommt! Der Sergeant ist tot, Sie kennen die sogenannten Zeugen nicht – lassen Sie die Sache fallen.«

»Ich könnte mich erkundigen und versuchen, die Namen der – «

»Tun Sie das, aber ohne meine Hilfe. Sie sind schon weit genug gegangen. Zu weit, wenn Sie mich fragen.«

Es war mehr als klar, worauf er hinauswollte. Beharrte George auf seinem Bericht, so würde die Sache nicht weitergeleitet, sondern als Akte verstauben oder vielleicht sogar vernichtet werden. Aber sein Gewissen trieb ihn dazu an, noch einen letzten Versuch zu wagen.

»Sir, Hauptmann Bent ist ein eher labiler Mensch. Er hat einen Fehler begangen, er ist gefährlich, und er sollte aus der Armee ent…«

Hoctor fuhr auf. »Ich will nichts mehr davon hören. Auch wenn in Ihren Aussagen ein Körnchen Wahrheit steckt, so glauben Sie doch wohl nicht allen Ernstes, daß Bent der einzige schlechte Offizier – oder gar der schlechteste – der Armee ist? Haben Sie nicht gehört, was man alles dem miesen Gideon Pillow vorwirft? Hauptmann Bent ist zumindest ein Absolvent der Akademie, genau wie Sie und Ihr Freund Main. Weiß Gott, weshalb Sie diesen gemeinsamen Nenner nicht sehen können oder die Verantwortung, die Sie beide damit übernommen haben. Aber ich hoffe, daß Sie und Leutnant Main, Ihrer Karriere zuliebe, dies demnächst einsehen werden. Entlassen.«

»Hauptmann Hoctor – «

Hoctors Gesicht wurde puterrot. »Entlassen!«

Gedemütigt ging George hinaus.

»Nun, das ist keine schöne Lektion«, sagte Orry, als sein Freund ihm den Sachverhalt mitteilte. »West Point protegiert die eigenen Leute. Ich nehme an, wir hätten das bereits beim ersten Mal Hoctors Worten entnehmen können.« Er seufzte. »Wenigstens wird Bent nicht erfahren, daß wir versucht haben, ihn seiner Lorbeeren zu berauben und ihm einen Strick zu drehen.«

»Meinst du? Ich habe Hoctor erzürnt. In seinen Augen sind wir es, die gefährlich sind. Ich mache jede Wette, daß Hauptmann Schlächter Bent demnächst genauestens über unser Vorhaben informiert sein wird. Verdammt, ich bin sicher, daß Hoctor es ihm sagen wird. Schließlich« – George zog eine Grimasse –, »protegiert West Point seinesgleichen.«

Als es Orry langsam dämmerte, konnte er kein Wort sagen.

Bald darauf schrieb George wieder einen Brief an Constance. Der Brief begann folgendermaßen:

Noch nie bin ich so erschöpft gewesen, obwohl ich glaube, daß das nicht nur auf mangelnden Schlaf, sondern auch auf meine Abneigung diesem Krieg gegenüber zurückzuführen ist. Tod, Unrecht, Dreck, ewige Angst – eine Armee von Scharlatanen, Angsthasen, politischen Proteges und Opfern – es gibt immer Opfer, die an Stelle der andern geschlachtet werden –, das ist der Glanz, von dem Orry sich hat verführen lassen. Wann wird er entdecken, daß der ›Glanz‹ nur eine schlecht aufgetragene Goldschicht ist, die die darunterliegende Fäulnis übertünchen soll? Ich hoffe um seinetwillen, daß die Augen ihm aufgehen, bevor er sein Leben in den Dienst der Armee stellt. Doch in letzter Zeit, Liebes, bin ich manchmal sogar zu müde, um mir über das Schicksal meines besten Freundes Gedanken zu machen.

Was mir hilft, die Tage und Nächte durchzustehen, was mich wie sonst nichts aufrechterhält, ist der Gedanke daran, daß wir eines Tages vereint sein werden und keine geringere Angst vor uns haben werden als diejenige vor den Schicksalsschlägen eines Lebens zu zweit. Ich bin kein tief religiöser Mensch, aber ich habe mich in der letzten Zeit oft dabei ertappt, daß ich für diese Vereinigung bete. Man sagt, daß auf dem Schlachtfeld viele zu Gott bekehrt werden, und langsam beginne ich das endlich zu verstehen.

Die Lage, über die ich schreibe, wurde noch dadurch verschlimmert, daß es mir neulich nicht gelungen ist, in einer ungerechten Situation Abhilfe zu schaffen. Ich habe es zwar versucht, aber …

Plötzlich las er alles, was er geschrieben hatte, nochmals durch. Angewidert stellte er fest, daß er in seinem grimmigen Gedankengang nur über sich selbst geschrieben hatte. Er hatte Schläge dafür verdient, daß er ihr noch mehr Sorgen aufhalsen wollte. Er nahm den angefangenen Brief und zerknüllte ihn. Es war der einzige, der niemals aus Mexiko abgeschickt wurde.

13

Eine Granate pfiff über die Hauptstraße, die nach Churubusco führte. Die mexikanischen Schützen im Kloster San Mateo waren dabei, sich einzuschießen. Genau wie diejenigen auf der befestigten Brücke über den Rio Churubusco auf der Straße nach Mexico City. Den Säbel in der Rechten, die Pistole in der Linken kauerte Orry im sumpfigen Kornfeld neben der Straße. Er duckte sich in Erwartung der Explosion. Die Erschütterung warf ihn beinahe um.

Links von ihm schoß eine Fontäne aus dem nassen Feld: Getreidehalme, blutige Köpfe und Glieder wirbelten durcheinander. Es war am frühen Nachmittag des 20. August. Orry hatte seit fast drei Stunden schwer gekämpft und geglaubt, daß er den gewaltsamen Tod nun gleichgültig mitansehen könne. Doch das Verschwinden eines ganzen Trupps, als die Kanonenkugel einschlug, belehrte ihn eines Besseren. Er würgte, als die Überreste menschlicher Körper zurück auf die Erde fielen.

Der Rauch brannte in seinen Augen, und er konnte die Turmspitzen der mexikanischen Hauptstadt und den schneebedeckten Gipfel des Popocatepetl kaum noch erkennen. Er schaute sich nach vertrauten Gesichtern um, konnte jedoch keines entdecken.

Von der Hauptstraße her hörte er heisere Kommandorufe; man versuchte die Division Worth wieder zu sammeln. Nachdem sie die Garnison von San Antonio besiegt und in die Flucht geschlagen hatten, waren Worths Soldaten in Richtung Churubusco vorwärtsgestürmt, hatten dann aber von der Straße weg in Kornfelder flüchten müssen, als der mörderische Beschuß vom Kloster und von der Brücke her losbrach.

Eine untersetzte Gestalt schälte sich mit zusammengebissenen Zähnen und einem unter der Dreckschicht kaum erkennbaren Gesicht aus dem Rauch heraus. Orry brach in ein wildes, rauhes Lachen aus und gestikulierte wie verrückt mit den Armen.

»George, George, hierher.«

George taumelte auf ihn zu. Soldaten und Offiziere rannten kreuz und quer an ihnen vorbei. »Ich hab’ die Soldaten aus den Augen verloren«, keuchte Orry.

»Ich hab’ alle meine Männer verloren«, schrie George zurück. »Als das Kreuzfeuer losging, schien sich die ganze Division förmlich aufzulösen, aber dann sah ich, wie Hauptmann Smith vom Fünften auf die Straße rannte, um die Truppe wieder – Himmel. In Deckung!«

Er stieß Orry mit dem Gesicht in den Schlamm. Orry schluckte und schluckte, aber das war immer noch besser, als von den explodierenden Kartätschen zerfetzt zu werden.

Sie warteten darauf, daß das Artilleriefeuer nachlassen würde; dann rannten sie gebückt nebeneinander Richtung Hauptstraße. Der Kugelregen von der Brücke und aus dem Kloster ließ keine Sekunde nach. George sammelte unterwegs acht seiner Männer ein. Sie waren verwirrt und verängstigt.

Unter Georges Führung kletterten sie die Böschung bei einer Kreuzung zu einigen Lehmhütten hinauf. Die Wände waren von amerikanischen und mexikanischen Kugeln durchsiebt, und zwei Dächer brannten lichterloh. Überall schrien Offiziere wild durcheinander und versuchten, die Truppen mit den noch kampffähigen Männern neu zu formieren. Orry sah unbekannte Gesichter und die Abzeichen von Einheiten, die nicht zu diesem Schlachtfeld gehörten.

Er übernahm den Befehl der andern Offiziere: »Formiert euch zu Gruppen!« schrie er, indem er die herumrennenden Männer packte und in eine Reihe am Straßenrand stellte. Es gelang ihm, etwa zwanzig zusammenzubringen, aber die Hälfte machte sich wieder davon. George bedrohte die andern mit der Pistole.

»Ich erschieße den nächsten, der ausreißt.«