Dies beeindruckte sie während etwa dreißig Sekunden, dann tauchte die ganze Gruppe in den Straßengraben. Eine Granate riß ein riesiges Loch auf.
Orry versuchte erneut, im Dreck- und Trümmerregen die Böschung hinaufzuklettern. Er bemerkte, daß sein Fuß plötzlich in etwas Nassem steckenblieb. Ich dachte, das Wasser sei nur im Kornfeld. Er blickte zu Boden. Sein Fuß stak in der roten warmen Höhle von etwas, das einmal ein Magen gewesen war. Er schreckte zurück und würgte erneut, aber sein Magen war schon leer.
Jemand rempelte ihn von hinten an. Er fluchte und merkte dann, daß es George war, der ihn von der Leiche weglotsen wollte. Sie gelangten wieder auf die Straße und versuchten, ihren Trupp neu zu formieren. Vier Mann waren umgekommen.
Plötzlich stürmten uniformierte Männer von der befestigten Brücke her. Es waren Amerikaner. »Wir sind zurückgeschlagen worden«, schrien sie und rannten an ihnen vorbei.
Durch den Rauch sah Orry eine Gestalt von links auf sich zukommen: »Vielleicht täten wir besser daran, herauszufinden, ob das stimmt, meine Herren.«
Orrys Unterkiefer fiel herunter. Auch George war wie versteinert. Dreckig, zerzaust und schweißtriefend stand Elkanah Bent mit gezogenem Säbel und Pistole vor ihnen. Orry war nun todsicher, daß der Mann verrückt war, als er sah, wie Bent inmitten dieser Feuerhölle lächelte. Lächelte.
Bent zeigte wild auf den vorbeihastenden Trupp: »Leutnant Main, gehen Sie mit diesen Männern und erstatten Sie mir Bericht über die Lage am Fluß.« Sein verschlagener Blick fiel auf George: »Gehen Sie mit, Leutnant Hazard.«
»Gott im Himmel, Bent, wissen Sie eigentlich, was Sie da sagen? Es ist ausgeschlossen, daß ein Trupp weit genug die Straße hinunterkommt, um – «
Bent entsicherte den Revolver und richtete ihn auf George. Es rannten immer noch Männer an ihnen vorbei, starrten sie an, blieben jedoch nicht stehen, um sich nach dem Grund für dieses merkwürdige Schauspiel zu erkundigen. Es erweckte den Anschein, als ob der fette Hauptmann zwei feige Untergebene zur Ordnung rufen würde.
Orry umklammerte den Griff seines Säbels. Er kämpfte gegen den Impuls, Bent zu durchbohren und damit sein eigenes Leben zu verlieren. Bent spürte es und richtete seinen Revolver nun auf Orry.
George legte seine Hand auf den Arm seines Freundes. Beiden war klar, daß Bent keine Sekunde zögern würde, sie in den Tod zu schicken. George blinzelte Orry zu und machte eine schnelle Kopfbewegung in Richtung Brücke, als wollte er sagen: So haben wir wenigstens eine Chance, hier sind wir verloren.
Sie standen eng nebeneinander, kehrten dem fetten Hauptmann den Rücken zu und beobachteten die Hauptstraße. Etwa eine Viertelmeile jenseits der Kreuzung standen zwei weitere, offensichtlich verlassene Hütten. »Komm, laß uns dahin gehen«, flüsterte George. »Wenn wir einmal dort in Deckung sind, kann er uns nichts mehr anhaben. Dann werden wir sehen, was wir als nächstes tun können.« Einen kurzen Augenblick lang ließ sich Orry von seinem Haß überwältigen. »Ich werde ihn umbringen.« Er wiederholte dies zweimal mit monotoner Stimme. George packte seinen Freund so hart er nur konnte am Arm.
Orry stieß einen kurzen Schmerzenslaut aus, schüttelte den Kopf und faßte sich wieder. George erteilte den Befehl, vorwärtszustürmen. Orry schloß sich stolpernd den andern an. Sie waren noch keine zehn Schritt weit gekommen, als in einer der beiden Hütten eine Fensterscheibe in Brüche ging und ein Gewehrlauf auf sie gerichtet wurde. Die Tür flog auf, und drei weitere Musketen wurden sichtbar. Noch bevor sie sich von ihrer Überraschung erholt hatten, fielen zwei der Männer knapp neben Orry tot um. George schrie seinen Männern zu, sich in den Graben zu werfen. George wurde plötzlich von einer unbändigen Wut gepackt. Er blickte zurück und sah, wie Elkanah Bent auf einen Major des berittenen Schützenbataillons einredete. Der Himmel wußte, wie der Major und sein Pferd sich in dieses Fleckchen Hölle hatten verirren können. Dieselben Gefühle, die vorhin Orry übermannt hatten, überwältigten nun auch ihn, und er rannte los. Er war zum Äußersten entschlossen. Ungeachtet aller möglichen Folgen würde er Bent auf der Stelle umbringen.
Ein Schrei stoppte ihn. Es hörte sich an, als ob es Orry gewesen wäre, und hatte etwas Entsetzliches an sich. George spähte durch den Rauch, als das Schreien sich zu einem Crescendo steigerte.
Es war kein Schmerzensschrei, sondern ein Wutgebrüll. Orry rannte die Straße hinunter, wild den Säbel schwingend. Die Mexikaner, die sich in der Hütte versteckt hatten, schienen so fassungslos, daß keiner auf die ihnen entgegenrennende Gestalt schoß. Als ihnen klarwurde, daß sie dies tun sollten, stand Orry kurz vor der Tür.
Die erste Kugel verfehlte ihn, mit der zweiten flog ihm die Mütze vom Kopf. Er war an der Tür angelangt, stieß sie auf und sprang immer noch brüllend und säbelschwingend in die Dunkelheit hinein.
George sah, wie Bent und der berittene Offizier die Szene mit erstaunten Gesichtern betrachteten. Aus der Hütte hörte man Schreie. Vielleicht war es Orry. George duckte sich und rannte seinem Freund zu Hilfe.
Drei der Männer, die er um sich geschart hatte, kletterten die Straßenböschung hinauf und folgten ihm. In Georges Nähe schlug eine Granate ein. Er schloß die Augen, um sich gegen den auffliegenden Schmutz zu schützen, wich nach rechts aus und rannte weiter. Man hörte immer noch Schreie; die Hütte schien ein Schlachthaus zu sein.
Plötzlich stürzten zwei Mexikaner in zerlumpten Uniformen aus der Hütte, und zwei weitere suchten durch ein Fenster das Weite. Orry tauchte mit tropfendem Säbel im Türrahmen auf. Er hielt etwas in seiner linken Hand – ein Stück eines Menschen –, das er mitleidvoll versteckte, bevor George es erkennen konnte. Die Soldaten gingen mit gesenkten Bajonetten auf die Mexikaner los. George rannte seinem Freund entgegen, doch bevor er irgend etwas rufen konnte, hörte er ein scharfes Zischen. Er gestikulierte wild. »Orry, raus h…«
Die Granate schlug ein, die Hütte flog in tausend Stücke. Schmutz und Trümmer entluden sich in einer pilzartigen Wolke. George blinzelte, würgte und spürte einen Schmerz in seiner Brust. Er lag auf der Straße und konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wie er sich hingeworfen hatte. Es mußte die Druckwelle der Explosion gewesen sein. Doch wo war sein Freund? Er konnte Orry nirgends entdecken. Er krabbelte auf die Füße und erblickte an der Stelle, wo früher die Hütte gestanden hatte, einen Trümmerhaufen. Der Rauch löste sich langsam auf. Hinter ihm hörte er Offiziere schreien – Bent war unter ihnen –, als sie erneut versuchten, die im Kornfeld herumirrenden Männer zu einem Trupp zu formieren. Plötzlich bemerkte George etwas zwischen den Trümmern. Er schüttelte den Kopf, als wolle er eine Fliege verscheuchen. Er wollte und konnte seinen Augen nicht trauen. Er rannte los.
Neben geborstenen Mauerstücken lagen die linke Hand und der halbe Unterarm eines Menschen. Der Stoff um den Unterarm herum war zerrissen und versengt. Er fand Orry ausgestreckt daneben liegen – dem Verbluten nahe.
Die folgenden vier oder fünf Minuten waren George nicht im Gedächtnis haften geblieben. Später wurde ihm klar, daß er den Anblick niemals hätte ertragen oder das Nötige hätte tun können, wenn er auch nur eine Sekunde nachgedacht hätte. Indem er sich des Schreckens nicht bewußt wurde, war er zum Handeln fähig.
Er erinnerte sich zwar, daß er neben seinem Freund niedergekniet war und ihm immer wieder die Worte »du darfst nicht sterben« zugeflüstert hatte, aber er konnte sich überhaupt nicht mehr daran erinnern, daß er Orry mit einem Fetzen seiner Uniform und unter Zuhilfenahme seiner Pistole den Armstummel abgeschnürt hatte.
Er hatte den verwundeten Freund über seine Schulter gelegt und stolperte mit ihm vorwärts. Er hätte nicht sagen können, ob Orry immer noch atmete. Vielleicht war er dabei, eine Leiche zu retten, aber er wagte nicht, darüber nachzudenken. Mit ungeahnter Kraft beschleunigte er seinen Schritt, bis er schließlich rannte.