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Der Major galoppierte an ihnen vorbei und versuchte säbelschwingend, die Männer um sich zu sammeln. Dann tauchte Bent auf, keuchend, aber in sicherer Begleitung mehrerer Soldaten. George warf dem Hauptmann einen vernichtenden Blick zu. Georges Gesicht war schwarz, die Augen stachen merkwürdig hell hervor. Auch wenn Bent die Erscheinung mit dem über der Schulter liegenden Körper erkannt hatte, so ließ er sich nichts anmerken.

Die Soldaten verschwanden auf der Straße nach Mexico City. George ging weiter in die andere Richtung; die Anstrengung trieb ihm Schweiß und Tränen in die Augen. Seine Brust schmerzte. Wenige Minuten später sah er am Straßenrand ein Pferdefuhrwerk, auf dem Verletzte lagen.

Ein Sanitäter untersuchte Orry flüchtig. »Helft mir, ihn hineinzuheben.« Auf die Anweisung des Sanitäters hin wendete der Fuhrmann rasch und trieb die Pferde an. George wurde hin- und hergeschüttelt. Er stützte sich mit den Handflächen gegen die Wand, um nicht gegen seinen Freund zu fallen.

»Um Himmels willen, ihr bringt ihn noch um«, protestierte er, »langsamer!«

»Wollen Sie ihn lebend und verletzt oder tot?« rief der Sanitäter. »Seine einzige Hoffnung ist der Chirurg. Halten Sie’s Maul und kümmern Sie sich um ihn.«

George preßte die Augen zusammen, um wieder klar zu sehen. Er starrte auf seinen Freund. Orrys Kopf schlug gegen die schmutzige Wolldecke, die auf dem Boden des Gefährts ausgebreitet war. George zog sein Hemd aus, rollte es zu einem Kissen und legte es sorgfältig unter Orrys Kopf. In diesem Augenblick – Staub wirbelte durch das Fuhrwerk, draußen tobte immer noch die Schlacht – wurde ihm klar, wie sehr er seinen Freund liebte.

Er flehte Gott an, in der Hoffnung, er möge ihn erhören: »Laß ihn nicht sterben.« Tränen liefen ihm über die Wangen.

Das Feldlazarett war ein Durcheinander von Blut und Geschrei. Der erschöpfte Chirurg zündete die Lampe über dem roten Tisch an, und ein Sanitäter hielt die Aderpresse. Nach einer flüchtigen Untersuchung befahl der Chirurg: »Macht ihn bereit.«

»Was werden Sie tun?« fragte George.

»Den Rest des Arms abnehmen. Nur so kann ich ihn retten.«

»Nein«, schrie George mit einer solchen Heftigkeit, daß alle ihn anstarrten. Der Chirurg warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

»Möchten Sie den Fall übernehmen?«

George fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. »Nein, natürlich nicht, aber – wenn Sie ihm den Arm abnehmen, bringen Sie ihn um.«

»Unsinn. Die Hälfte hat er schon verloren, und er atmet immer noch – dank Ihrer schnellen Reaktion. Nach jeder Schlacht nehme ich Dutzende von Amputationen vor. Die Hälfte der Männer überleben.«

»Ich hab’ nicht das gemeint, als ich sagte, daß – «

»Wir haben keine Zeit für Rätsel«, unterbrach ihn der Chirurg. »Bitte verlassen Sie das Zelt, wenn wir fertig sind, gebe ich Ihnen Bescheid.«

Orry wachte in einer fremden Umgebung auf. Über sich sah er acht brennende Laternen. Schmerz durchflutete ihn in großen Wellen. Er versuchte, seine Arme zu bewegen, aber es ging nicht. Er hatte das Gefühl, daß etwas nicht in Ordnung sei, aber er konnte nicht herausfinden, was es war. Plötzlich tauchte ein beleibter Mann mit einer schmutzigen Schürze auf. In seiner plumpen Hand hielt er eine triefend nasse, rote Säge. Orry wußte sofort, wo er war und weshalb. Er schrie. Hände packten ihn an den Schultern. Er drehte den Kopf und sah einen weiteren Mann, der ein Brenneisen über einem Becken mit glühenden Kohlen erhitzte. Er schrie von neuem. Sie schütteten ihm Whiskey in den offenen Mund, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Sechs Tage später ging George in das Zelt von Orrys Kompaniekommandant. Ohne zu fragen, schenkte er sich ein Glas von Hauptmann Places Whiskey ein. Im Tal von Mexiko herrschte Stille; nur in der Ferne waren einige Hörner und ab und zu ein Krachen von Musketen zu hören. Die Generäle hatten einen weiteren Waffenstillstand vereinbart, wahrscheinlich um die Friedensbedingungen auszuhandeln. George waren die Einzelheiten nicht bekannt, und es war ihm auch gleichgültig. Wie die meisten Frontoffiziere und Soldaten der amerikanischen Armee war er der Meinung, daß derjenige, der kurz vor dem Fall von Mexico City diesen Stillhaltebefehl ausgegeben hatte, gelyncht werden sollte.

»Wie geht’s ihm?« Die Frage des Hauptmanns sowie der abendliche Besuch waren zu einem Ritual geworden.

»Immer noch unverändert. Könnte so oder so ausgehen.«

George kippte seinen Whiskey hinunter. Manchmal dachte er beschämt, daß es wohl besser wäre, wenn Orry sterben würde.

Place ging einen Stapel Berichte und Befehle durch. Er zog ein Dokument heraus, das er George hinhielt; George starrte leer darauf. »Nun«, sagte der Hauptmann, »ich hoffe, daß er sich so weit erholt, daß er das lesen kann.«

»Was ist es?«

»Seine Beförderung. Er ist nicht mehr Titularoffizier. Von General Scott liegt ebenfalls eine Empfehlung vor. Er wird dafür gelobt, daß er dazu beigetragen hat, die Hauptstraße zu säubern, so daß die Brücke gestürmt und eingenommen werden konnte. Ich nehme an, daß Hauptmann Hoctor für Sie die gleiche Frohbotschaft haben wird.«

»Voller Rang«, sagte George mit ausdrucksloser Stimme. »In weniger als einem Jahr.«

»Ich habe noch eine Neuigkeit, die weniger zufriedenstellend ist. Hauptmann Bent vom dritten Infanterieregiment hat offensichtlich eine akzeptable Erklärung dafür abgegeben, weshalb er sich so weit von seinem Kommandoposten entfernt hat. Es ist ihm ebenfalls gelungen, seine Vorgesetzten davon zu überzeugen, daß er den Angriff auf dieses Widerstandsnest geleitet hat. Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, daß er nun Titularmajor ist.«

George fluchte und langte nach dem Whiskey. Place war nicht zimperlich, aber sogar er geriet durch Georges Sprache in Verlegenheit.

Einer der Chirurgen teilte Orry mit, daß er am Leben bleiben würde, aber es verging ein ganzer Tag, bis ihm klarwurde, was das genau hieß. Als es endlich soweit war, tobte und weinte er eine Stunde lang; dann drehte er das Gesicht zur Zeltwand und schloß die Augen. Er wollte nur noch schlafen. Aber auch dieser Fluchtweg war ihm verbaut. Wieder und wieder träumte er von einer Armeetrommel, die im Sonnenlicht auf einem Felsen stand. Sie war verstummt. Jemand hatte sie mit einem Bajonett oder einem Säbel angegriffen. Das Fell der Trommel war zerfetzt.

Erst am sechzehnten September war Orry bereit, einen Besucher zu empfangen. Zwei Tage vorher war General Scott als Sieger in Mexico-City eingeritten. Der Waffenstillstand war fehlgeschlagen, es war in mehreren Ortschaften zu heißen Kämpfen gekommen, und die Mexikaner hatten schließlich kapituliert.

»Tag, Orry.«

George setzte sich auf eine Munitionskiste neben dem Lager. Orry hatte eine gesunde Gesichtsfarbe. Sein Bart war prächtig und üppig gewachsen, aber seine Augen waren tot. Er hatte das verschmutzte Leintuch über seine Schulter gezogen, so daß sein Freund den bandagierten Armstummel nicht sehen konnte.

Nach einer Weile erwiderte Orry: »Tag, George. Ich habe gehört, daß wir gesiegt haben.«

George nickte. »Auf dich wartet eine Empfehlung. Du bist jetzt ein richtiger Leutnant. Ich auch. Unser Freund Bent ist leider zum Titularmajor befördert worden. Man hat mir gesagt, daß wir alle auf der Straße nach Churubusco große Helden gewesen sind.«

Er lächelte, aber Orry verzog keine Miene, sondern starrte auf den Zeltpfosten. George drehte seine Feldmütze in den Händen. »Wie fühlst du dich?«

»Ach, ich weiß nicht.« Orrys Stimme war derart tonlos, daß nicht klar war, was er genau hatte sagen wollen. George saß unbeweglich da und hielt seine Mütze in beiden Händen. Er wollte seinem Freund von den harten Kämpfen, die zur Übergabe von Mexico City geführt hatten, erzählen, aber es war offensichtlich nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Würde es jemals einen richtigen Zeitpunkt geben?