Irgendwo draußen begann ein Soldat eine bekannte Melodie auf einer Mundharmonika zu spielen. George wäre am liebsten hinausgestürmt und hätte den Mann erwürgt. Die Musik war zu sehr voller Lebensfreude und erinnerte zu stark an alles, was ein Mann im Leben tun konnte, sofern er gesund war.
Orry blickte ihn jetzt wieder an. »Ich nehme an, daß ich dir zu Dank verpflichtet bin, weil du mir das Leben gerettet hast. Die meiste Zeit über liege ich jedoch da und wünsche mir, du hättest es nicht getan.«
George sagte etwas scharf: »Aber, aber, Stiel, kein Selbstmitleid. Du lebst! Das Leben ist kostbar.«
»Ja, wenn es etwas gibt, für das es sich zu leben lohnt. Schau mal, ich habe mit Madeline nie eine richtige Chance gehabt. Ich hatte sie bereits verloren, bevor ich ihr begegnete. Aber ich hatte noch die Chance, die einzige berufliche Laufbahn, die mich interessiert, einzuschlagen. Jetzt werden sie mich ausmustern.«
»Aber du wirst nach Hause gehen können.«
Als George bemerkte, wie sehr er Orry verletzt hatte, kam er sich wie ein Idiot vor.
»Wozu?« fragte Orry.
Jetzt stieg Zorn in George auf. Aber er unterdrückte ihn, weil ihm bewußt war, daß er eigentlich auf sich selbst wütend war. Er hatte alles verdorben, er hatte jämmerlich versagt, weil er seinen Freund nicht aufmuntern konnte. Wenn er es nicht konnte, wer dann? Er machte einen letzten Versuch:
»Ich komme morgen wieder. Bis dahin kannst du dich ausruhen, dich fassen, und bald wirst du dich besser f…«
Er hielt inne. Die Schamröte stieg ihm ins Gesicht. Gedankenlos hatte er nach Orrys Arm gegriffen, nach seinem linken Arm. Als er nur noch einige Millimeter vom Leintuch weg war, war es ihm bewußt geworden.
Orrys dunkle Augen schienen zu sagen: Siehst du, ich bin nicht mehr derselbe, also tu nicht so, als ob. Als er sich umdrehte, murmelte er teilnahmslos: »Danke, daß du gekommen bist.«
George schlich geschlagen hinaus. Er hoffte, daß die Zeit Orrys Verbitterung und Melancholie heilen würde, aber sicher war er nicht. Orry hatte die beiden Dinge, die er sich am sehnlichsten im Leben gewünscht hatte, verloren. Wie konnte ein Mann so noch weiterleben? Nur dank der Tatsache, daß er einen Brief von Constance erhielt, endete der Tag für ihn nicht in der totalen Katastrophe.
George setzte sich in einem Café in Mexico City an einen Tisch im Freien. Die Oktobersonne schien sanft. Vor sich hatte er den Nationalpalast, wo jetzt die amerikanische Flagge wehte. Pickett, Tom Jackson und Sam Grant waren ebenfalls dabei. Seit Monaten waren die vier zum erstenmal wieder zusammen.
Pickett und Grant wie auch George hatten mehrere leere Biergläser vor sich. Vor Jackson stand ein volles Glas Wein. Er machte sich dauernd Sorgen um seinen Magen, bestellte jedesmal ein Glas Wein und ließ es dann stehen.
Die mexikanische Bevölkerung schien merkwürdigerweise nicht sehr traurig über den Ausgang des Krieges. Die Ladenbesitzer und Wirte hatten den Verlust bald verschmerzt und versuchten nun, mit den Besatzern ihre Geschäfte zu machen. Die Regierung hatte nach der Art der Europäer Gedenkmedaillen zu jeder denkwürdigen Schlacht prägen lassen. Pickett, der sich über Robert Lee ausließ, hatte sich eine Churubusco-Medaille ergattert und sie an seine Weste gepinnt.
»Ich sage dies nicht als jemand, der aus Virginia stammt, obwohl ihr das wahrscheinlich denkt. Bob Lee ist der beste Mann der Armee. Er hat dies einmal und für immer im Pedregal bewiesen.« Pickett bezog sich auf ein Gebiet mit Vulkangestein, auf das die Amerikaner auf ihrem Weg nach Mexico City gestoßen waren. Es schien unmöglich, es zu durchqueren, aber Lee und Pierre Beauregard hatten das Terrain rekognosziert und das Gegenteil behauptet. Dann hatte Lee sich während eines Gewitters freiwillig zur Verfügung gestellt, den Pedregal nochmals zu durchqueren und Scott wichtige Informationen zu übermitteln. Er war im unregelmäßigen Licht der Blitze über scharfe Grate und durch trügerische Schluchten geritten.
»Einverstanden«, sagte Grant, »mir ist kein klügerer oder tapfererer Soldat bekannt. Gott sei Dank ist er nicht beim Feind.«
Im allgemeinen hatten die Akademieabsolventen während der sechsmonatigen Kampagne gute Arbeit geleistet. Sogar Elkanah Bent wurde als Held betrachtet. Wenn George ihn wegen Unfähigkeit angeklagt oder ihn körperlich angegriffen hätte, hätten sich nur wenige mit ihm verbündet, und das wußte er.
George begann unruhig zu werden. Die andern hatten immer noch nicht ausgetrunken, und er hatte zwei neue Briefe in seiner Tasche – einer von Constance. Als das Gespräch sich einem neuen Thema zuwendete, riß er ihren Brief heraus und öffnete ihn. Als er mit Lesen fertig war, lachte er und steckte den Brief sorgfältig weg. Er wollte ihn mit all den andern, die er bisher bekommen hatte, aufbewahren.
»Von wem ist er?« fragte Grant. »Von deinem Mädchen?«
George nickte.
»Wirst du sie heiraten?«
»Vielleicht.« Er klopfte mit der Hand auf den dicken Brief. »Sie liebt mich immer noch.«
»Natürlich.« Pickett grinste. »Du bist ein Held. In diesem Monat sind wir große Helden. Sogar das Repräsentantenhaus ist für einmal dieser Meinung.«
Der ernste Jackson räusperte sich. »Ist deine Freundin katholisch, George?«
»Ja, warum fragst du?«
»Nur um dich daran zu erinnern, daß deine Karriere beeinträchtigt werden könnte, wenn du eine Papstgläubige heiraten solltest. Ich habe das neulich erfahren, weil ich – weil ich mich mit einer jungen Frau aus dieser Stadt angefreundet habe.«
Pickett lehnte sich neugierig vor. »Was, du, General? Du machst einer Señorita den Hof?«
Jackson errötete und starrte in sein Weinglas. »Ja. ich habe die Ehre. Leider befürchte ich, daß eine Heirat ausgeschlossen ist. Vor Gott sind zwar alle Menschen gleich, aber in den Augen des Generalstabs und der Mehrheit der Amerikaner sind die Katholiken weniger gleich als andere.«
Grant und Pickett lachten, aber George blieb ernst. In seiner Liebe zu Constance versuchte er, die religiöse Frage beiseite zu lassen. Er wußte zwar, daß es ein potentielles Problem war, versuchte jedoch, sich nichts anmerken zu lassen, als er sagte:
»Ich mache mir keine großen Sorgen um meine Karriere. In weniger als drei Jahren ist meine Dienstzeit um.«
»Das reicht, um dir das Leben schwerzumachen«, sagte Grant.
»Besonders dem verehrten Major Bent«, fügte Pickett hinzu.
Die Glocken läuteten in der nahegelegenen Kathedrale. Eine Taubenschar flog vom Nationalpalast auf. Die späte Nachmittagssonne tauchte nun alles in ein bernsteinfarbenes Licht. Die unbeschwerte Runde, die sich am Kaffeetisch eingefunden hatte, war nun für George plötzlich weit weg.
Nun, vielleicht stand in dem andern Brief, den er aus Lehigh Station erhalten hatte, etwas Aufmunterndes. Während Grant und Pickett eine weitere Runde bestellten, brach George das Siegel auf und las die ersten Zeilen, die in der Handschrift seiner Mutter geschrieben waren. Er wurde blaß.
»Was, ist. Stumpf?«
Er blickte teilnahmslos auf Grant. »Mein Vater. Vor acht Wochen hat er einen Schlaganfall erlitten. Er ist tot.«
Zwei Tage später folgte auf den kurzen Brief von Maude Hazard ein sehr viel längerer von Stanley. Stanley bat seinen jüngeren Bruder, den Abschied zu nehmen und eilends nach Hause zu kommen. Hazard Iron war ein zu großes Unternehmen, als daß es ein Mann allein hätte leiten können, besonders jetzt, da ein neues Walzwerk in Betrieb genommen werden sollte. William Hazard hatte die Pläne für dieses Walzwerk entworfen, den Bau überwacht und hatte sich am Tag, an dem er starb, mit einem Problem der technischen Anlagen auseinandergesetzt. Die neueste Errungenschaft Hazards war eine Walzmaschine, mit der die schmiedeeisernen Eisenbahnschienen der T-Norm gewalzt werden sollten, die jetzt immer mehr aufkamen. Stanley schrieb, daß Vater habe expandieren müssen, weil in Danville, Pennsylvania, ein Konkurrenzbetrieb aufgemacht hatte. Hätte er entscheiden können, fügte er an, so hätte er die Idee als zu neu und riskant abgelehnt. »Zu neu«, sagte George aufgebracht zu Orry, der seine Sachen packte, um nach Hause zu gehen. »Obwohl in Fontley in England Henry Cort seit mehr als zwanzig Jahren ein solches Walzwerk betreibt. Mein Hasenfuß von Bruder wird wahrscheinlich so lange, bis das Eisenbahngeschäft vorbei ist, ›zu riskant‹ schreiben.«