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Orry faltete ein Hemd zusammen und packte es in seine Feldkiste. Er hatte langsam gelernt, alles mit einer Hand zu tun. Einmal hatte er sich beklagt, der mit Leder überzogene Stummel bereite ihm viel Schmerzen und hindere ihn oft am Schlafen, aber darüber hinaus hatte er nie etwas über seine Verletzung gesagt. In letzter Zeit hatte er nur selten gelächelt.

Er setzte sich einen Augenblick hin, um kurz auszuruhen. »Hast du bereits entschieden, was du tun willst, Stumpf?« Seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus hatte er George nie mehr mit seinem Spitznamen gerufen.

George nickte unglücklich. »Ich werde meiner Familie treu bleiben, wenn sie mich braucht. So sehr ich die verdammte Armee auch hasse – sosehr ich Constance wiedersehen möchte –, ich habe kein gutes Gefühl, was meine Entscheidung anbelangt. Wahrscheinlich, weil ich vier Jahre Dienst leisten wollte – und versprochen ist versprochen. Nun, ich kann nichts ändern. Ich werde Stanley schreiben und ihm mitteilen, daß ich nach Hause zurückkehre. Natürlich ist es nicht sicher, ob mich das Kriegsministerium befreien wird. Zumindest sicher nicht so schnell.«

Aber da sollte er noch eine Überraschung erleben. Am Tag vor Orrys Abreise kam ein weiterer Brief von Stanley. Er schrieb, daß er seinem neuen Freund, Simon Cameron, einem demokratischen Senator aus Pennsylvania, Georges Fall übergeben habe.

»Der Senator ist ein schlagender Beweis dafür, daß die Demokratie in unserm Staat zum Himmel stinkt«, sagte George zu seinem Freund. »Er ist schlau wie eine Schlange und ein Makel für die ganze Partei. Stanley hat schon seit jeher durchblicken lassen, daß er politische Ambitionen hat, aber ich hätte nie geglaubt, daß er sich mit einem Mann wie Cameron einlassen würde.«

»Ist dein Bruder politisch begabt?«

»Meiner Meinung nach, Orry, geht man in die Politik, wenn man unfähig ist, sein Brot ehrlich zu verdienen. Aber um deine Frage zu beantworten, nein. Mein Bruder hat sich noch nie durch intellektuelle Fähigkeiten ausgezeichnet. Cameron kann nur aus einem einzigen Grund an Stanley interessiert sein: wegen seines Bankkontos. Drahtzieher in Washington – Gott im Himmel!«

George schlug mit der Faust auf die Handfläche. »Da stehe ich mit Bent auf demselben Niveau. Ich werde Stanley schreiben und ihm sagen, daß er sofort aufhören soll.«

Am nächsten Morgen verabschiedeten sich die Freunde voneinander. Orry reiste mit einem Zug von Verwundeten und mehreren Kompanien von Freiwilligen, die nach Hause entlassen wurden, an die Küste.

Es war ein peinlicher Moment für sie beide. Orry bat George, auf seinem Heimweg in Mont Royal Halt zu machen. George sagte, er würde es versuchen. Er war jedoch nicht darauf erpicht, den langsamen Zerfall seines Freundes mitanzusehen. Orry war sehr dünn geworden und machte einen völlig geschlagenen Eindruck.

Georges Protestbrief kam zu spät. Drei Wochen, nachdem er ihn abgeschickt hatte, rief ihn Hauptmann Hoctor zu sich.

»Es sind eben Befehle an Sie eingegangen. Mir war bis dahin nicht bekannt, daß Söhne reicher Eisenhüttenbesitzer zu Sozialfällen werden können.« Hoctor räusperte sich. »Sie werden Freitag in einer Woche entlassen.«

Später hatte Hoctor zu begreifen versucht, weshalb diese Nachricht beim Leutnant eine Tirade von Flüchen ausgelöst hatte. Er war froh, daß er diesen Unruhestifter endlich los war.

Der nächste Zug sollte am Morgen nach dem Tag, an dem Georges Entlassung bekanntgegeben worden war, fahren. George hatte bis dahin über einiges nachgedacht. Daß er auch nur eine Sekunde wegen Constances Religion gezweifelt hatte, zeigte, was für ein kleinmütiger Wurm er war. Er würde von Veracruz aus geradewegs nach Corpus Christi reisen, egal mit welchen Transportmitteln.

Am Vorabend seiner Abreise waren George, Pickett und Grant stockbetrunken. George wachte eine Stunde vor der Morgendämmerung auf. Sein Magen schmerzte, sein Kopf drehte sich, und er hatte einen schalen Geschmack im Mund. Eine Stunde später begegnete er Major Bent zum erstenmal wieder seit Churubusco.

George eilte grußlos an ihm vorbei; er befürchtete, daß die geringste Provokation ihn zum Mord verleiten könnte.

Bent rief ihn zurück: »Weshalb tragen Sie keine Uniform, Leutnant?«

»Weil ich nicht mehr in der Armee bin, Major.«

Georges Schläfen schmerzten. Er wußte, daß er dabei war, die Kontrolle zu verlieren. Es war ihm egal.

Bent verdaute die Nachricht mit einem enttäuschten Blick. George fuhr fort: »Meine Glückwünsche zu Ihrer Beförderung. Sie haben sie auf Kosten meines Freundes Orry Main verdient. Wenn Sie nicht gewesen wären, hätte er jetzt noch beide Arme. Alle glauben, daß Sie ein Held sind, aber wir beide wissen, was Sie auf der Straße nach Churubusco getan haben, Major.«

»Lassen Sie meinen Arm los, Sie arroganter kleiner – «

Georges Faust traf ihn mitten ins Gesicht. George fühlte den Aufprall bis in die Schulter. Bents Nase explodierte. George entfernte sich mit langsamen, entschlossenen Schritten; Bent war zu verblüfft, vielleicht auch zu verängstigt, um zurückzuschlagen.

Georges Hand fühlte sich an, als ob sie gebrochen wäre. Er hatte nicht gewußt, daß Schmerz so befriedigend sein konnte.

14

George kam Ende Oktober in Corpus Christi an. Es wehte ein kräftiger Wind, und sogar mittags war es kühl. Als er an Land ging, war es gerade vier Uhr nachmittags, doch die Sonne ging bereits unter. Die Gebäude warfen lange Schatten. Es herrschte eine typische Herbststimmung, das Licht war gleichzeitig hell und sanft.

Melancholie überkam ihn. Das Jahr neigte dem Ende zu, und auch seine Zeit auf Erden war nur kurz. Mexiko hatte ihn mit dem Tod bekanntgemacht; dies war der Preis, den man bezahlen mußte, wenn man in den Krieg zog – auch wenn man auf der Siegerseite stand.

Auf dem Pier wartete niemand auf ihn. Seine Stimmung sank noch mehr, hob sich jedoch plötzlich, als er eine Stimme hörte: »Hier bin ich, George.«

Constance bog gerade um die Ecke eines Gebäudes. »Entschuldige, daß ich so spät komme, ich habe länger als üblich gebraucht, um fertig zu werden. Ich wollte mich für dich schön machen und mußte dann feststellen, daß man mit diesem Kleid unmöglich rennen kann. Ich hätte so gerne schon gewartet, als dein Schiff anlegte …«

Sie lachte und weinte. Er stellte seinen Koffer ab. Ihre Hand berührte erst seinen Arm, dann sein Gesicht, als wolle sie, nun, da er aus dem Krieg zurückgekehrt war, prüfen, ob er noch ganz sei, ob er noch gesund sei.

»Ich war erschüttert über die Nachricht von deinem Vater. Ich hätte niemals gedacht, daß du auf dem Heimweg noch hier Halt machen würdest.«

»Das Begräbnis fand schon vor Wochen statt. Ein paar Tage mehr machen auch nichts mehr aus. Ich muß«, – er erstickte beinahe an den Worten – »dich etwas Wichtiges fragen.«

»Was ist es?« Ein fröhliches Lächeln zeigte, daß sie es wußte.

»Ich glaube, ich sollte erst mit deinem Vater reden.«

»Er wartet auf uns. Er hütet den Lammbraten, den ich für dich gekocht habe. Aber ich brauche einen Kuß.«

Sie ließ ihren steifen Rock los, den sie hochgehoben hatte, und schlang die Arme um ihn. Weil der Rock so steif war, mußte er sich vorbeugen, um sie zu umarmen. Sein Koffer verschwand unter ihrem Kleid. Es machte nichts; auch die Leute, die sie teils amüsiert, teils empört anstarrten, waren ihm egal. Ihn interessierten nur die Worte, die sie ihm ins Ohr flüsterte. »O George – wie hab’ ich dich vermißt. Ich liebe dich so sehr.«