George befolgte Charles’ Rat und preßte ein Taschentuch auf den Mund. Den schwarzen Frauen schien der Rauch nichts auszumachen. Vielleicht hatten sie ihn schon während so vieler Jahre einatmen müssen, daß sie sich daran gewöhnt hatten. Wenn die Flammen zu hoch schlugen, rannten die Frauen zum nächsten Bewässerungsgraben und brachten sich so in Sicherheit.
»Achtung Feuer«, riefen sie einander zu. »Los, lauf weg!« Mit Hallorufen und Lachen taten sie dies denn auch. Aber es kam George kaum wie ein Spiel vor, eher wie eine Szene aus dem Inferno. Doch vielleicht war das Stoppelfeuer eine willkommene Abwechslung zum täglichen Einerlei?
»Es ist jetzt nicht mehr weit«, sagte Charles und führte ihn über bereits abgebrannte Felder. Riesige Scharen schwarzer Vögel und wilder Enten machten sich auf der Erde zu schaffen.
»Sie suchen ungekeimte Körner«, sagte Charles auf Georges Frage hin. Während der Wachstumszeit verjagten die Mains die Vögel, aber zur Zeit des Stoppelfeuers rechneten sie mit ihrer Hilfe.
Lautes Hämmern lenkte Georges Aufmerksamkeit in Richtung Fluß. Er konnte Orry erspähen, der einzige Weiße in einer Gruppe von sechs schwarzen Männern. Orry schlug Nägel ein. Ein nervöser Sklave brachte jeden Nagel in die richtige Stellung und trat dann schnell zur Seite, bevor Orry den ersten Schlag ausführte. Er holte wuchtig aus.
Warum in aller Welt versuchte Orry sich als Zimmermann, wenn er ein Krüppel war? George war ratlos. Dann wurde ihm bewußt, daß Orry wohl gerade, weil er ein Krüppel war, so wild arbeitete.
Schließlich war er fertig. Er wandte sich seinem Freund zu, der in der Nähe gewartet hatte:
»Grüß dich, George. Tut mir leid, daß ich dich nicht abgeholt habe. Diese Knaben hier haben die Reparaturen verpfuscht, und ich mußte ihnen zeigen, wie man es richtig macht.« Er ließ den Hammer fallen, ohne darauf zu achten, daß er fast den Fuß eines Sklaven getroffen hätte.
George war über den Anblick seines Freundes schockiert. Er sah älter aus, hager, grimmig, beinahe biblisch mit seinem ungezähmten Bart. Der linke Ärmel seines schmutzigen, weißen Hemds war an der Schulter mit einer Stecknadel befestigt.
»Wie ist es dir ergangen?« fragte George, als sie in Richtung Herrenhaus gingen.
»Ich bin sehr beschäftigt«, Orry spuckte die Worte beinahe aus. »Ich versuche so schnell wie möglich, mich wieder an die Alltagsroutine zu gewöhnen. Vater ist zu alt, um alles alleine zu machen, und Cooper geht fort. Heute nach dem Abendessen, um genau zu sein.«
George runzelte die Stirn. »Wohin geht er?«
»Nach Charleston. Im Einverständnis mit Vater. Eine Art selbstgewähltes Exil. Er kommt mit Vater einfach nicht mehr zurecht. Er hat zu viele radikale Ideen, und beide sehen das klar. Cooper hat sich anerboten, wegzuziehen, bevor der Streit zu heftig wird.«
Eine verblüffende Nachricht. Kein Wunder, schien Orry nervös zu sein.
»Wird er eine Stelle finden?«
»Ja. Vor einem Jahr schuldete ein Mann Vater eine Menge Geld und konnte nicht zahlen. Er hat ihm seinen einzigen Besitz verschrieben, eine kleine Baumwollfirma. Das Vermögen ist nicht sehr groß: zwei alte Schaufelraddampfer, ein heruntergekommenes Warenlager und ein Dock. Vater ist überhaupt nicht daran interessiert. Deshalb regte er sich auch nicht auf, als Cooper sagte, er wolle das Ganze übernehmen. Ich freue mich, dich zu sehen, George, aber es ist eine ungünstige Zeit für einen Besuch in Mont Royal. Seit Tagen schreit man einander hier nur noch an.«
Schreist du auch, wunderte sich George. Aber er behielt die Frage für sich. Wie hager und hohlwangig Orry aussah. Der Zustand seines Freundes machte George traurig.
»Ich mußte hier Halt machen«, sagte er, als er bemerkte, daß Vetter Charles verschwunden war. Er sah, wie der Junge in einem Feld grinsend den Rücken einer schwarzen Frau tätschelte, die etwa doppelt so alt sein mochte wie er. »Ich werde Constance heiraten und würde mich freuen, wenn du unser Trauzeuge wärst.«
»Das ist eine gute Nachricht. Meinen Glückwunsch.« Orry hielt die Hand hinter dem Rücken und suchte nach dem Taschentuch in seiner rechten Hosentasche.
»Es ist in der andern Tasche«, sagte George und wollte es ihm geben.
»Danke, ich finde es allein.« Mit grimmigem Gesicht versuchte Orry, mit seinem Arm an die linke Hosentasche heranzukommen. Er erwischte schließlich einen Zipfel des Taschentuchs und zog es heraus.
»Wirst du kommen, Orry?«
»Was? O ja, natürlich. Vorausgesetzt, es gibt hier nicht zuviel Arbeit. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, mit meinem Vater und mit Cooper Abendbrot zu essen. Wahrscheinlich wird es nicht sehr angenehm sein.«
Heute war nichts angenehm in Mont Royal. George wünschte, er wäre gar nicht gekommen, und beschloß, so schnell wie möglich wieder abzureisen.
Das Abendessen erwies sich als genauso unangenehm, wie Orry es vorausgesagt hatte. Auch Tillet war um Jahre gealtert. Er und Cooper führten eine oberflächliche Diskussion über Probleme der kleinen Baumwollfirma. Sogar einem Außenstehenden war klar, daß Tillet nicht das geringste Interesse an der Angelegenheit hatte. Er wollte lediglich ein harmloses Gesprächsthema.
Cooper hingegen sprach mit Begeisterung von einem Plan, der der Gesellschaft Gewinn bringen sollte. »Jedes Jahr wird mehr und mehr Baumwolle aus diesem Staat verschifft, sicher werden wir unseren Anteil an diesem Handel vergrößern können.«
»Nun, tu, was du kannst«, sagte Tillet mit einem Schulterzucken. Orry hatte einmal erwähnt, daß Tillet es nicht gern hörte, wenn man sagte, South Carolina expandiere die Baumwollindustrie. Er betrachtete es irgendwie als eine Bedrohung für die Reisbauern im allgemeinen und für die Mains im besonderen. Er war der Meinung, daß alle Baumwollpflanzer Emporkömmlinge ohne jegliche Abstammung waren, obwohl einer der geachtetsten und wahrscheinlich der reichsten Bürger dieses Staates, Wade Millwood, Baumwolle anpflanzte.
Cooper konnte dies alles aus der Bemerkung des alten Mannes heraushören, und es ärgerte ihn. »Darauf kannst du dich verlassen«, sagte er entschlossen. Clarissa seufzte und tätschelte seinen Arm. Tillet beachtete ihn nicht weiter.
Während der Mahlzeit starrte Ashton, die langsam zur jungen Frau heranwuchs, George unentwegt an. Es machte ihn nervös. Brett stieß ihre Schwester mit dem Ellbogen an, damit sie aufhöre. Ashton zog Brett an den Haaren, worauf Tillet in Wut geriet und die beiden mit Clarissa für eine Tracht Prügel hinausschickte.
Brett hatte rote Augen und würgte, als die andern herauskamen. Ashton starrte ihren Vater mit wildem, haßerfülltem Blick an. Wenn das Kind überhaupt irgendwelche Gefühle hatte, dachte George, so waren sie alle verkehrt.
Vetter Charles saß mit dem Rücken gegen eine der Säulen und schnitzte. Ungewöhnlich mürrisch, zupfte Clarissa ihn am Ohr und sagte: »Steh auf, und sag deinem Vetter auf Wiedersehen!«
Charles blickte verdrießlich. »Ich versuche gerade, mit dieser Schnitzerei fertig zu werden.«
Orry trat vor. »Auf die Füße.« Er schob seine Hand unter den linken Arm von Charles und riß ihn so heftig hoch, daß der Junge aufschrie. Wütend starrte Charles ihn an. Orry starrte ohne mit der Wimper zu zucken zurück.
George betrachtete Orrys Hand. Sie sah viel kräftiger aus, als er sie in Erinnerung hatte. Orry hatte offensichtlich Übungen gemacht, um sie zu stärken.
Nachdem Charles ein Adieu hingemurmelt hatte, steckte er sein Jagdmesser in den Gürtel und rieb sich den Arm. Er rieb immer noch, als Coopers Kutsche fünf Minuten später Mont Royal verließ.
George teilte den Mains noch am selben Abend mit, daß er am andern Morgen weiter nach Pennsylvania müsse. Orry sagte, er würde seinen Freund bis zur kleinen Bahnstation der Nordwestlinie begleiten. George schlief unruhig und war beim ersten Lichtstrahl wach. Er zog sich an und verließ sein Zimmer. Er nahm an, daß außer den Sklaven noch niemand auf sein würde. Zu seiner Überraschung hörte er unten lautes Stimmengewirr; es schien eher von den Herrschaften als von den Sklaven zu kommen. Tillet, Clarissa und Orry waren auf. Warum?