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Er eilte die große Treppe hinunter und fand die Mains im Eßzimmer. Draußen zog das erste schwache Tageslicht durch die Bäume. Ein leichter Nebel hing über den frostbedeckten Wiesen.

»Guten Morgen, George«, sagte Clarissa. Er hatte sie noch nie mit gelöstem Haar gesehen. Das Kleid, das sie trug, war alt und verschossen.

»Guten Morgen.« Was sollte er als nächstes sagen? Weshalb hatten sie sich schon so früh versammelt? War jemand während der Nacht gestorben?

Tillet plumpste in einen Stuhl; er sah älter aus denn je. Neben ihm stand eine Tasse mit dampfendem Kaffee. Orry stieß einen langen Seufzer aus und wandte sich seinem Freund zu. »Es ist sinnlos, es vor dir verstecken zu wollen. Die ganze Pflanzung ist in Aufruhr. In letzter Zeit haben wir mit dem Nigger Priam – du erinnerst dich? – nichts als Ärger gehabt.«

George nickte. Wie hätte er die Schreie jener Nacht vergessen können?

»Nun«, sagte Orry, »es sieht aus, als ob er davongelaufen wäre.«

Während des darauffolgenden Schweigens kam eines der Hausmädchen mit einem Tablett mit Keksen und einem Topf wilden Honig. George erinnerte sich von seinem früheren Besuch her an sie. Sie hatte ein sonniges Gemüt und spaßte mit allen. Heute morgen jedoch hielt sie den Kopf gesenkt und den Blick abgewandt. Man hörte ihre Schritte kaum.

Als sie wieder hinausging, hörte er ängstliche Stimmen. Die Hausboten unterhielten sich in der Küche. George hörte kein einziges Lachen. Das Verbrechen eines Sklaven war offensichtlich das Verbrechen aller. Aber die Sklaven waren nicht die einzigen, die sich Sorgen machten. Hier im Wohnzimmer konnte man die Angst beinahe so gut riechen wie die heißen Kekse.

»Was ist los, Papa? Weshalb sind alle auf?«

Alle fuhren hoch. Brett stand mit ernstem Gesicht im Nachthemd in der Halle.

»Einer der Nigger ist davongerannt. Wir werden ihn einfangen. Geh wieder ins Bett zurück!«

»Wer ist es, Papa? Wer ist davongerannt?«

Tillet schlug mit der Faust auf den Tisch. »Zurück auf dein Zimmer!«

Brett flüchtete. George hörte das Geräusch ihrer nackten Füße auf der Treppe. Clarissa rückte ihren Stuhl zurecht. Sie verschränkte die Arme und starrte auf den glänzend polierten Tisch. Orry wanderte vor dem Fenster auf und ab.

Mit zunehmender Morgendämmerung lichtete sich der Nebel. Tillet fuhr sich mit den Handflächen über Gesicht und Augen.

George knabberte an einem Keks; er war verwirrt. Weshalb waren drei Erwachsene so aufgeregt, weil ein Mann geflohen war? In die Freiheit. War Freiheit eine solch unannehmbare Vorstellung? Hatten denn nicht Tillet Mains Vorfahren in diesem Staat für ihre Freiheit gegen die Briten gekämpft? Aber er wußte, daß dies eigentlich müßige Fragen waren. Die Mains hatten für die Freiheit von Weißen gekämpft. Mit der Freiheit von Schwarzen war es etwas anderes. Es ging nicht nur um den Flüchtling selbst, sondern auch um die Konsequenzen seiner Flucht. Endlich begann George etwas vom Dilemma, in dem der Süden steckte, zu verstehen. Er begann zu begreifen, welcher Angst die Sklavenhalter selbst ausgesetzt waren. Nicht ein einziger Sklave durfte entfliehen, denn wenn die Flucht einem einzigen gelang, so könnten Tausende es versuchen. Die Mains und alle andern waren Gefangene des Systems, aus dem sie ihren Nutzen zogen. Und sie waren Gefangene ihrer Angst. Er hatte Mitleid mit Orrys Familie, aber zum erstenmal verachtete er sie auch.

Das Geräusch eines Pferdes brachte Tillet auf die Füße. Salem Jones tauchte in der Toreinfahrt auf. Einen Augenblick später trat er ins Zimmer. Der Aufseher machte einen fröhlichen Eindruck. Er unterdrückte ein Lächeln, als er Bericht erstattete.

»Immer noch keine Spur von diesem Nigger. Man hat ihn offensichtlich gestern zum letztenmal bei Sonnenuntergang gesehen. Ich habe seine Hütte durchsucht. Jetzt verstehe ich, weshalb er soviel Schwierigkeiten gemacht hat.« Er warf Clarissa einen kurzen, anklagenden Blick zu. Sie war offensichtlich in Gedanken versunken, aber Tillet entging der Blick des Aufsehers nicht.

»Wovon redest du?« fragte er.

Jones zog etwas unter dem Mantel hervor. »Davon. Ich habe es unter Priams Matratze gefunden.« Er schmiß ein schmutziges Buch mit Eselsohren auf den Tisch. Die andern drängten sich heran, um zu sehen. »Ich nehme an, daß er es gelesen hat, bevor er geflohen ist. Sicher hat es ihm einige Ideen gegeben, wie schlecht er behandelt worden ist«, fügte Jones betont hinzu.

George sagte: »Ich dachte, man würde Sklaven das Lesen nicht beibringen?«

»Gewöhnlich nicht«, entgegnete Orry.

»Bei Priam haben wir eine Ausnahme gemacht«, sagte Tillet, ohne seine Frau anzusehen. »Mrs. Main war der Meinung, daß er sehr begabt sei. Sie meinte auch, daß er einen friedfertigen Charakter habe. Was das erste anbelangt, so mag sie recht gehabt haben, aber das zweite – nun, Clarissa, ich will dich nicht tadeln.«

Jetzt endlich blickte er seine Frau an. Er schob die ganze Verantwortung auf sie.

»Ich habe dir erlaubt, Priam Rechnen und Lesen beizubringen«, fuhr Tillet fort, »ein gravierender Fehler.« Er wandte sich George zu. »Jetzt verstehen Sie vielleicht, weshalb der Süden Gesetze haben muß, die die Ausbildung für Neger verbieten. Sogar die Bibel, wenn man sie falsch interpretiert, kann eine Quelle aufständischer Ideen sein.«

Orry nahm das Buch mit dem Papierumschlag in die Hand. »Wer hat diesen Schund auf die Plantage gebracht?«

»Keine Ahnung«, sagte Tillet, »aber kümmere dich darum, daß es verbrannt wird.«

Jetzt endlich konnte George sehen, um welches Buch es sich handelte. Er hatte vor einigen Jahren zu Hause ein Exemplar davon zu Gesicht bekommen. Auf dem Umschlag befand sich das Signet der Amerikanischen Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei, New York, und die Worte »American Slavery As It Is«. Reverend Theodore Weld hatte das Werk 1839 veröffentlicht. Es war ein Kompendium von Gesetzen über die Sklaverei, von Zeugnissen entwichener Sklaven und Zitaten von Südstaatlern, die das System vehement verteidigten und die Mißhandlung von Schwarzen herunterspielten oder gar leugneten. George hatte seine Schwester Virgilia sagen hören, daß Welds Traktat das wichtigste und einflußreichste Dokument gegen die Sklaverei sei, das je in den Vereinigten Staaten veröffentlicht worden war.

Clarissa sagte: »Moralisieren ist gut und recht, Tillet, aber was schlägst du nun vor?«

Salem Jones sprach als erster. »Ich werde Priams Schwester ein paar Fragen stellen, obwohl wahrscheinlich nicht viel dabei herauskommen wird. Sie hat Angst und, was schlimmer ist, sie ist dumm. Auch wenn sie mir noch eine nützliche Antwort geben wollte, könnte sie dies nicht. Wenn ich sie fragte, wohin ihr Bruder gegangen ist, könnte sie nur zwei Worte sagen: nach Norden. Und ich nehme an, sie würde die Wahrheit sagen. Wenn Sie meine bescheidene Meinung wissen wollen, ich glaube, wir haben keine andere Wahl, als uns an unsere Nachbarn zu wenden und eine berittene Patrouille zu organisieren, die den Nigger verfolgen kann.«

Tillet fragte steif: »Eine bewaffnete Patrouille?«

»Schwer bewaffnet, Sir. Bedauerlich, aber notwendig.«

Das wird ein Fressen für dieses Monster sein, dachte George bitter.

Tillet fuhr sich nervös mit der Hand über die Stirn. »Noch nie in der Geschichte von Mont Royal haben die Mains zu diesem Mittel Zuflucht nehmen müssen. In meinem ganzen Leben ist noch nicht einer meiner Sklaven davongerannt. Nicht einer!« Er blickte George ängstlich und flehend an. George, der immer noch verwirrt, aber auch ärgerlich war, wandte den Blick ab.

Tillets Gesicht wurde hart. »Aber du hast recht, Jones. Offenbar hat das Auspeitschen mit der Katze auf Priam keinen Eindruck gemacht. Es muß ein Exempel statuiert werden.«

»Ich stimme dem zu«, sagte Orry, beinahe ohne zu zögern. George starrte seinen Freund an; er war entsetzt. Jones schritt, ohne seine Gier im mindesten verbergen zu wollen, hinaus.