Einige Stunden später machten George und Orry sich auf den Weg zur Bahnstation. Unterwegs tauschten sie nur wenige Worte. Der Nebel lag immer noch über dem Boden, und das orangefarbene Licht der Sonne, das durch die Bäume drang, verlieh dem Wald, durch den sie ritten, eine beinahe gespenstische Schönheit. Die Pferdehufe hinterließen auf dem feinen Nadelteppich und dem faulenden Laub ein sanftes Geräusch. Georges Koffer schwang hinter seinem Sattel hin und her.
Weshalb war Orry so schweigsam? Er schien wütend. Aber auf wen? Auf Priam? Auf seinen Vater? Die Welt im allgemeinen? Oder auf mich?
Er wollte nach Madeline LaMotte fragen. Ihr Name war nicht einmal erwähnt worden. Aber er beschloß, es lieber bleibenzulassen.
Als sie etwa eine halbe Meile von der kleinen Bahnstation entfernt waren, war ein langgezogenes Pfeifen zu hören. George trieb sein Pferd neben dasjenige von Orry. »Ist das mein Zug?«
Orry zog eine schwere Golduhr aus der Tasche. Er ließ den Deckel aufspringen, klappte ihn dann wieder zu und schüttelte den Kopf. »Ein Güterzug nach Norden. Er kommt jeden Morgen um diese Zeit. Er ist immer noch fünf bis sechs Meilen südlich von uns. In den Sümpfen werden Geräusche über lange Strecken übermittelt. Der lokale Personenzug kommt erst in zwanzig Minuten.«
Er ritt weiter. Der Pfad führte sie aus den Bäumen heraus an den Rand eines weiteren Sumpfes und dann wieder zurück in den Wald. Kurz danach tauchten sie in einer düsteren Lichtung auf, die durch einen von Südosten nach Nordwesten laufenden Pfad praktisch zweigeteilt war. Auf der einen Seite befand sich ein baufälliger Unterstand aus Zypressen, der auf die Seite der Eisenbahn hin offen war. Orrys Einschätzung der Entfernung war richtig gewesen. Der Güterzug war nah, aber noch nicht in Sicht. Man hörte Weichenstellen und Räderknirschen. Während George die nervösen Pferde zügelte, ging Orry in den Unterstand und hob den Deckel eines an der Wand hängenden Holzkastens. Er zog eine rote Flagge heraus, die er auf einem Mast auf der anderen Seite des Unterstands hißte.
»So. Nun weiß der Zugführer, daß er halten muß.« Er überquerte die Schienen, als die Lok des Güterzugs zu ihrer Linken um die Ecke bog. Wieder ertönte ein ohrenbetäubendes Pfeifen. Die Lok ratterte mit einer Geschwindigkeit von zehn Meilen pro Stunde an ihnen vorbei. Zugführer und Mechaniker winkten ihnen zu. Orry winkte automatisch zurück; George wischte sich die Kohlenasche aus dem Haar.
Die Lokomotive verschwand im Wald zu ihrer Rechten. Orry wollte etwas sagen, aber George starrte an ihm vorbei; er war durch den Anblick eines schwarzen Mannes, der aus dem Unterholz hervorgebrochen war und nun am Zug entlanglief, verblüfft. Orry bemerkte den entgeisterten Gesichtsausdruck seines Freundes und drehte sich um. Überraschung machte rasch Ärger Platz. »Priam! Halt!«
Der Sklave hatte die weißen Männer gesehen, aber offensichtlich nicht erkannt. Er sah verängstigt aus, als er an der Türöffnung des Waggons festen Griff bekam und sich hochzuziehen begann. Orry hatte sich mit einem Schrei auf sein Pferd gestürzt.
Priam machte den Fehler, zurückzuschauen. Er erkannte das bärtige Gesicht. Schrecken füllte seine Augen; Orry gab dem Pferd die Sporen. Weiter, rief George schweigend, steig in den Waggon, damit er dich nicht sieht und erschießt!
Aber der Anblick seines Besitzers brachte Priam offensichtlich in Verwirrung. Er lag jetzt bäuchlings im Eingang des Waggons, beide Beine hingen in der Luft, er schien irgendwie festzustecken und zappelte wie ein Fisch an der Angel. Keuchend gelang es ihm schließlich, das rechte Bein in den Zug zu kriegen. George war klar, daß der Sklave nicht nur verängstigt, sondern auch erschöpft war, sonst hätte er ohne Schwierigkeiten in den Waggon hineinklettern können. Sein linkes Bein hing immer noch in der Luft.
Als der gedeckte Güterwagen langsam vorbeifuhr, streckte Orry den Arm aus und packte Priams Fußgelenk. Priam wurde rückwärts durch die Öffnung gezogen. Er versuchte sich festzuhalten, doch dann schrie er und ließ los, als ob seine Hand zersplittert wäre. Orry zog immer noch. Priam landete schließlich auf dem Schotter neben den Schienen. George konnte die Schluchzer des Sklaven durch das Rattern des Zugs hindurch hören.
»George, ich brauche deine Hilfe«, schrie Orry, indem er vom Pferd stieg und die Pistole zog. George eilte zu ihm. Orry hielt ihm den Pistolenknauf hin.
»Richte sie auf ihn. Wenn er sich bewegt, dann schieß!«
Priam blickte auf. George konnte seinen Blick fast nicht aushalten.
»Mist’ Orry – bitte, Mist’ Orry – «
»Schlag diesen Ton nicht mit mir an«, unterbrach ihn Orry und nahm ein Tau von seinem Sattel. »Du wußtest, was du tatest, als du wegranntest. Steh auf, die Hände auf den Rücken!«
»Mist’ Orry«, wiederholte Priam, als er auf die Füße stolperte. Keine Spur mehr von seinem früheren Trotz. Seine Flucht hatte ihn verletzlich wie ein Kind gemacht. Es lag etwas Beschämendes, ja, etwas Unanständiges im Gesicht dieses verzweifelt flehenden Mannes. Tränen liefen über seine Wangen.
»Halte die Pistole auf ihn gerichtet«, sagte Orry, ohne seinen Blick von Priam abzuwenden. Er band das eine Ende des Stricks an Priams Handgelenken fest. Er war mit einer Hand so geschickt wie die meisten Menschen mit zwei Händen. Er hatte sich selbst in kurzer Zeit vieles beigebracht.
George leckte sich die Lippen. »Und was geschieht jetzt?«
»Ich weiß nicht, wahrscheinlich wird man ihn lähmen, damit er nicht mehr wegrennen kann. Aber mein Vater ist so wütend, daß er ihn vielleicht töten lassen wird.«
Priam senkte den Kopf. »O Jesus, Jesus.«
»Ruhe, Priam. Die Strafe war dir bekannt, bevor du – «
»Orry, laß ihn gehen.«
George war über die Rauheit seiner eigenen Stimme überrascht. Er war vor einem Abgrund gestanden und impulsiv darüber hinweggesprungen. Die Angelegenheit ging ihn nichts an. Aber etwas in ihm konnte nicht unbeteiligt dabeistehen und zusehen, wie der schwarze Mann nach Mont Royal zurückverfrachtet und verkrüppelt oder wahrscheinlich getötet werden würde.
Für einen Augenblick kam er sich wie ein Idiot vor. Priam bedeutete ihm nichts: seine Freundschaft zu Orry hingegen sehr viel. Aber er wußte, er würde niemals wieder mit sich in Frieden leben können, wenn er jetzt schwieg.
»Was hast du gesagt?« fragte Orry mit einem Gesichtsausdruck, der so ungläubig war, als wäre die Sonne im Westen aufgegangen oder als würden Banknoten statt Blätter an den Bäumen wachsen.
»Laß ihn gehen. Werde nicht zum Mitmörder.«
Orry unterdrückte eine wütende Bemerkung und holte tief Luft: »Du verwechselst Sklaven mit Menschen. Das ist nicht dassel…«
»Verdammt noch mal, nein! Tu es nicht!« George zitterte und versuchte die Kontrolle nicht zu verlieren. Seine Stimme mäßigte sich. »Wenn dir unsre Freundschaft etwas bedeutet, so gewähre mir diese eine Bitte.«
»Das ist unfair. Du übervorteilst mich.«
»Ja, um sein Leben zu retten.«
»Ich kann nicht nach Mont Royal zurückkehren und meinem Vater sagen – «
»Mußt du denn etwas sagen?« unterbrach ihn George. »Ich werde schweigen, und du wirst Priam nie wiedersehen.«
»Ja, Sir, ich werde den Mund halten«, brabbelte Priam. »Um Gottes willen, Mist’ Orry, ich schwöre, daß nie jemand – «
»Halt’s Maul, verdammt noch mal!«
Orrys Ruf widerhallte in der Stille. Er warf seinem Freund einen wütenden Blick zu, dann riß er ihm die Pistole aus der Hand. O Gott, er wird ihn auf der Stelle erschießen.
Orrys Gesichtsausdruck sagte, daß er das am liebsten getan hätte. George wußte, daß seine Bitte all dem, was Orry gelernt hatte, zuwiderlief. Plötzlich schlug Orry mit der Pistole in die Luft, die Bewegung drückte Wut und Einverständnis aus.