»Verschwinde«, sagte er, »bevor ich meine Meinung ändere.«
Priam verlor keine Zeit mit Worten. Seine großen, wäßrigen Augen wandten sich George eine Sekunde lang zu – sein einziger Dank. Dann verschwand er hinter den Pinien auf der Nordseite der Lichtung.
Orry machte ein paar Schritte, hielt dann mit gesenktem Kopf inne. Priams Fußstapfen verhallten. Von der anderen Seite her hörte George das Pfeifen des nahenden Passagierzugs.
George holte Luft und ging dann auf seinen Freund zu. »Ich weiß, daß ich dich nicht hätte darum bitten sollen, ihn gehen zu lassen. Ich weiß, daß er dein Eigentum ist. Aber ich konnte einfach nicht danebenstehen und – «
Er hielt inne. Orry wandte ihm immer noch den Rücken zu. »Na, auf jeden Fall danke ich dir.«
Orry wirbelte herum; er umklammerte die Pistole so fest, daß seine Hand schneeweiß war. George glaubte, er würde brüllen, aber seine Stimme war sehr leise, als er sagte:
»Ich habe schon einmal versucht, dir etwas über den Süden zu erklären. Ich habe dir gesagt, daß wir unsre eigenen Probleme und unsre eigenen Bedürfnisse besser verstehen als Außenseiter. Ich habe dir gesagt, daß wir diese Probleme lösen werden, solange Außenseiter sich nicht einmischen. Ich nehme an, daß dies alles keinen Eindruck auf dich gemacht hat, sonst hättest du mich nicht gebeten, Priam freizulassen. Ich bin deiner Bitte nachgekommen, weil wir Freunde sind. Aber wenn du möchtest, daß wir Freunde bleiben, dann verlange nie mehr so etwas von mir.«
George fühlte einen Augenblick lang Ärger in sich aufsteigen. Orrys heftige Entschlossenheit beeindruckte ihn. Er hatte den zukünftigen Rahmen für ihre Freundschaft klar abgesteckt.
»Einverstanden«, sagte George, »ich kann deine Gefühle verstehen.«
»Das hoffe ich.«
Orry nahm die Pistole unter den Arm und wühlte in der Tasche nach seiner Uhr. Bis der Passagierzug in die kleine Bahnstation einfuhr, hatte er sich weit genug gefaßt, um andere Dinge zu besprechen.
»Tut mir leid, daß dein Besuch in eine Zeit fiel, in der hier alles drunter und drüber zu gehen scheint.« Sein Blick war jetzt weniger ernst. Er hielt ihm einen verbalen Friedenszweig hin. »Wenn du das nächste Mal kommst, wird es anders sein. Bis dahin freue ich mich, bei deiner Hochzeit Trauzeuge zu sein, das heißt, wenn du das immer noch möchtest.«
Mit großer Erleichterung klopfte George seinem Freund auf die Schulter. »Natürlich. Sobald ich die Einzelheiten weiß, schreibe ich dir.«
»Schön. Gute Reise – und grüß mir deine Familie.«
»Das werde ich, Orry, danke.«
Er mußte einsteigen. Bald stand er auf der Plattform und winkte. Orry winkte zurück. Er hielt immer noch die Pistole. Langsam entfernte sich der Zug, und Orry verschwand aus Georges Blickfeld. Er verstaute seinen Koffer und starrte zum Fenster hinaus auf die vorbeifliegenden Pinien. Ab und zu wurde der Wald von Sumpfland unterbrochen. Doch das Bild, das immer wieder vor seinem inneren Auge aufstieg, sah anders aus. Er sah Priam, der aus dem Güterwagen herausgezerrt wurde, das Gesicht verzerrt durch das Wissen um seinen bevorstehenden Tod.
Priam mußte bestraft werden, weil er Freiheit wollte, dieselbe Freiheit, die Orry genießen konnte, weil er ein weißer Mann war. George hatte sich nie als Fürsprecher der schwarzen Rasse betrachtet, aber er nahm an, daß das jetzt anders werden würde, besonders was das Thema Freiheit betraf. Weshalb hatten nicht alle Menschen ein Recht auf Freiheit? Besonders in Amerika?
Er hoffte, Orry habe in bezug auf die Lösung der Probleme im Süden recht. Wenn der Süden seine Probleme nicht zu lösen vermochte, würde die restliche Nation sicherlich Schritte unternehmen. Zum erstenmal sah er dies ganz klar, und zum erstenmal verstand er auch die Gründe dafür.
16
Einige Tage später stand Madeline in Resolute im Dunkel ihres Ankleidezimmers und berührte sich selbst. Sie hatte Schmerzen – nicht körperlicher Art: schmerzhaft waren die Einsamkeit, der Mangel an Liebe, die zunehmende Isolierung. Sie drückte die Hände auf ihre Brüste, als ob sie so dem Schmerz Einhalt gebieten könnte. Einen Augenblick stand sie mit zurückgelehntem Kopf und geschlossenen Augen da, aber es half nicht. Mutlos ging sie durch das geräumige Schlafzimmer auf die Veranda im zweiten Stockwerk. Sie zitterte in der Dämmerung. Vom Küchengebäude stieg der Duft von gebratenem Wild für das Samstagabendessen auf. Morgen war doch Samstag? Die Tage hatten nicht mehr viel Sinn. Der eine war wie der andere: eine Prüfung. Wie sehr wünschte sie sich, daß Maum Sally noch bei ihr wäre. Aber die alte Frau war nach New Orleans zurückgegangen, um Madelines Vater in den letzten Tagen beizustehen. Da sie eher eine Angestellte als eine Sklavin von Nicholas Fabray war, hatte sie es vorgezogen, nach dessen Tod nicht nach South Carolina zurückzukehren. Madeline konnte ihre Entscheidung begreifen: Einige Monate mit den LaMottes hatten Sally gereicht. Sie hatte keine Geduld mit arroganten, lieblosen Menschen, und Justin sowie die meisten Familienmitglieder schienen beide Eigenschaften zur Genüge zu besitzen.
Madeline hatte eine Person gefunden, die eines Tages vielleicht an Maum Sallys Stelle treten könnte. Nancy war ein Hausmädchen, etwa zwanzigjährig, eine wunderschöne Mulattin. Sie und Madeline kamen sehr gut zusammen aus und waren so etwas wie Vertraute geworden. Zweimal hatte Nancy Madeline eine mündliche Botschaft von Mont Royal überbracht.
Beide Male war die Nachricht kurz gewesen: »Salvation Chapel«, dann folgten Zeit und Datum. Kein Name wurde ausgesprochen, und in Nancys Blick war keine Spur eines listigen Lächelns. Ihr Blick drückte – wenn überhaupt etwas – Sympathie. Verständnis aus.
Madeline hatte nie danach gefragt, wie die Botschaft von den Sklaven einer Plantage zu denjenigen der andern getragen wurde. Sie vertraute auf die Diskretion der Botschafter. Hatte sie eine andere Wahl? Indem sie Nancy als Mittlerin akzeptierte, hatte sich eine Brücke des Vertrauens zwischen ihnen entwickelt.
Madeline hatte nie auf eine der beiden Botschaften geantwortet, und sie war auch nicht zur Kapelle gegangen, obwohl sie förmlich danach lechzte, von Orry umarmt und geküßt zu werden. Als sie jetzt am Geländer der Veranda lehnte, stellte sie fest, daß sie keine Gespräche aus der Küche hören konnte, obwohl die Sklaven doch dort an der Arbeit waren. Sie wunderte sich über das merkwürdige Schweigen. Dann hörte sie ein Geräusch aus dem Büro – dem kleinen Gebäude, in dem Justin so wenig Zeit verbrachte. Es war das Geräusch von Hieben auf einen nackten Rücken.
Noch ein weiteres Geräusch war klar durch die Abendstille zu hören. Ein Stöhnen. Justin peitschte einen der Sklaven aus. Es war schon früher vorgekommen.
Abgestoßen und doch unwiderstehlich angezogen, huschte sie hinunter und durch das Foyer, wo ein alter Säbel als Schmuck an der Wand hing. Er befand sich schon seit mehreren Generationen im Besitz der LaMottes. Justin hatte ihr erzählt, ein Vorfahre habe damit an der Seite von Gamecock Sumter in der Revolution gekämpft.
Sie rannte einen Pfad entlang, der sie zu einem Gebüsch in der Nähe des Büros führen sollte. Als sie hinter das Gebüsch kroch, hörte sie Schreie und Stöhnen. Dann die rauhe Stimme von Justin:
»Mein Bruder hat mir gesagt, daß in der Nacht, als Mains Nigger davonrannte, jemand auf dieser Plantage ihm geholfen hat, sich zu verstecken. Wer war es, Ezekiel? Sag es mir!«
»Ich weiß es nicht, Mr. LaMotte. Ich schwöre bei Gott, daß ich es nicht weiß.«
»Lügner.« Justin schlug wieder zu. Ezekiel schrie auf.
Madeline verhielt sich still, ein Schatten im Schatten. Sie war beunruhigt, daß Justin sich nach Priam erkundigte. Wie hatte Francis LaMotte entdecken können, daß jemand in Resolute dem Fliehenden geholfen hatte? Beruhte sein Wissen auf Tatsachen, oder handelte es sich nur um einen Verdacht? Wie weit würde Justin mit seinen Fragen gehen? Bis ins Haus hinein? Bis zu Nancy? Madeline wußte, daß sie eigentlich Angst hatte, hier herumzustehen. Wenn jemand sie entdeckte, würde sie in Verdacht geraten. Aber nicht weit vom Büro gab es eine kleine Pergola. Dort konnte sie sich hinsetzen, und dann würde es den Anschein erwecken, als ob sie frische Luft schnappen würde. Der Abend war windstill, und mit etwas Glück würde sie hören können, was im Büro vor sich ging.