Sie versteckte sich in der Pergola, und ihre Erwartungen wurden belohnt. Justin befragte während der nächsten dreiviertel Stunde verschiedene Sklaven einzeln und schlug sie. Was Madeline in Wut versetzte, war die Art und Weise, wie er mit einigen Negerinnen umging. Er schlug sie genauso hart wie die Männer. Immer wieder stellte er dieselben Fragen.
»Wer hat es getan? Wer hat ihm geholfen? Wer hat mit einem fliehenden Nigger sympathisiert? Sag es mir, Clyta.«
Clyta? Madeline fuhr wie von einer Tarantel gestochen auf. Ihre Gedanken waren herumgewandert; es gab nur eine einzige Clyta in Resolute, ein achtzehnjähriges, lediges Mädchen. Madeline hatte den Verdacht, daß Justin einige Male mit ihr geschlafen hatte. Sie war schwanger. Doch schon hörte sie, wie Justin das Mädchen erneut schlug. Sie schrie auf vor Schmerzen.
»Wer hat es getan?« brüllte er. Madeline grub die Fingernägel in ihre Handflächen.
Der entflohene Sklave Priam hatte das Geheimnis mitgenommen, bis er von einer Patrouille einige Meilen vor der Grenze zu North Carolina aufgegriffen worden war. Er hatte sich zur Wehr gesetzt und war durch Pistolenschüsse tödlich verwundet worden. Mit ihm war auch der Name seines geheimen Wohltäters gestorben.
Madeline fror. Ihr Atem bildete Nebel. Justin wiederholte seine Frage laut. Dann folgten ein weiterer Schlag und ein Schrei. Madeline grub ihre Fingernägel noch tiefer, bis sie wie kleine Messer in ihre Handflächen schnitten.
Wer hat es getan, Justin? Deine Frau. Es war deine Frau, die Nancy in der Nacht, als Priam hungrig und ängstlich ankam, rief. Ich bin hingegangen, um ihm zu helfen. Du hast nichts bemerkt, du warst wieder einmal bei den Pferden oder bei einer Sklavenhure, wie üblich. Ich bin diejenige, die ihm geholfen hat, du Schuft. Ich bin diejenige, die eine merkwürdige Sympathie für deine Nigger empfindet.
Sie hatte nicht den Mut, ins Büro hinüberzugehen und es ihm offen zu gestehen. Sie schämte sich dafür. Sie flüchtete aus der Pergola und bedeckte ihre Ohren mit den Händen, um Clytas Schreie nicht hören zu müssen.
Die meiste Zeit über schlief Justin in einem getrennten Schlafzimmer und kam nur zu ihr, wenn er seine Bedürfnisse befriedigen wollte. Sie war dankbar, daß er sie heute nacht allein ließ. Was sie in der Pergola gehört hatte, hatte sie dermaßen aufgeregt, daß sie nicht schlafen konnte. Sie verspürte den Drang, an ihrem Mann Rache zu nehmen. Rache war auch der Grund gewesen, weshalb sie Nancy geholfen hatte, Priam in der Dachkammer des Krankenhauses zu verstecken.
Sie beruhigte sich jetzt etwas, und ihre Gedanken wandten sich Orry zu. Die Leute sagten, er sei verbittert geworden, seit er einen Arm in Mexiko verloren hatte. Und doch hatte er zweimal eine Botschaft geschickt und hatte sie an ihrem geheimen Ort treffen wollen.
Da sie sich auch jetzt noch an ihren anerzogenen Verhaltenskodex hielt, hatte sie keine der beiden Botschaften beantwortet. Als ob Justin eine solche Rücksichtnahme verdient hätte! Sie rutschte mit der Hand ihren Leib hinunter, als ob sie das, was sie in sich spürte, unterdrücken wollte. Sie konnte es nicht unterdrücken. Morgen nach dem Abendessen würde sie Clarissa Main einen Besuch abstatten. Justin würde nicht mitkommen, weil er für die meisten sozialen Verpflichtungen ja höchstens ein Gähnen übrig hatte. Bei diesem Besuch würde sie selbst eine Botschaft schicken. Warum hatte sie so lange gewartet? Weshalb hatte sie sich auch nur einen Augenblick des Glücks versagt? Die zwingendsten Gründe waren ihre unbegründete Angst wegen Orrys Jugend, ihr strenges Gewissen und das Geheimnis, das ihr Vater ihr kurz vor seinem Tod anvertraut hatte. Aber keiner der Gründe schien mehr eine Berechtigung zu haben. Sie hoffte, daß Orry durch die frühere Abweisung nicht so verärgert war, daß er jetzt nicht auf ihre Bitte eingehen würde.
Am nächsten Morgen vor Tagesanbruch ging sie im Morgenrock in die Küche. Wie sie gehofft hatte, fand sie Nancy vor, allein; sie war dabei, einen Truthahn zu rupfen.
»Heute nachmittag gehen wir nach Mont Royal, Nancy.«
»Ja. Ma’am.«
Madeline war so voller Vorfreude, daß sie sich nicht die Zeit nahm, um zu überlegen, weshalb Nancy einen so ernsten, verhärmten Gesichtsausdruck hatte. »Kannst du dort eine Botschaft übermitteln? Auf demselben Weg wie die andern, die du mir mitgeteilt hast?«
Nancy öffnete die Augen etwas weiter. »Eine Botschaft an den jungen Herrn?«
»Ja. Das soll unser Geheimnis bleiben.«
»Ja, Ma’am. Natürlich.«
»Nancy, was ist los?«
Die Mulattin blickte auf den riesigen Eisenherd, aus dem würzige Düfte aufstiegen. Madeline berührte den dünnen Arm des Mädchens. Ihre Haut war kalt.
»Sag es mir.«
»Clyta, Ma’am. Nachdem Mr. Justin sie letzte Nacht geschlagen hat, hat sie ihr Baby verloren.«
»O nein! O Nancy«, sagte Madeline und nahm das Mädchen in die Arme, um sie zu trösten.
Tränen liefen Madeline über die Wangen, aber tief in ihr drinnen weinte sie nicht, als sie an ihren Mann dachte. Abschaum. Abschaum.
Orry ritt ohne seinen Hut zur Salvation Chapel, obwohl ein düsterer Himmel Regen versprach. Während der letzten halben Meile fing es denn auch an zu regnen, zwar nicht heftig, aber es wurde sehr kühl. Ein Winterregen, das Zeichen, daß wieder eine Erntezeit vorbei war und das gesellschaftliche Leben in Charleston demnächst beginnen würde.
Heute morgen konnte nichts Orrys gute Laune trüben. Er duckte sich unter den letzten tief herunterhängenden Ästen. Die Ruine kam in Sicht. Dahinter war das Sumpfland im Nebel verborgen. Er rief Madelines Namen. »Hier, Liebster.«
Die Stimme kam von seiner Linken. Wie beim ersten Mal hatte sie unter den Bäumen Schutz gesucht. Er sprang vom Pferd herunter, band es fest und rannte ihr entgegen. Er nahm sie an der rechten Schulter, sie wollte nach seinem andern Arm greifen und wurde rot, als sie ihre Gedankenlosigkeit bemerkte. Ein Grinsen überflutete plötzlich sein Gesicht.
»Du wirst dich daran gewöhnen, daß er nicht mehr da ist. Ich habe mich fast daran gewöhnt.«
Das Lächeln verschwand, als er seinen Arm um sie legte. Er zog sie an sich, als wollte er jedes Fleckchen ihres weichen Körpers spüren, aber er war sich auch seiner langen Entbehrung bewußt. Sie konnte seinen Körper durch ihre Kleiderschichten hindurch spüren. Sie rückte näher an ihn heran und stieß einen kleinen Seufzer aus. Sie lehnte sich an seine Brust. Er streichelte ihr Haar. »Ich dachte, du wolltest mich nie wiedersehen.«
»Weil ich die Botschaften nicht beantwortet habe? Ich habe mich nicht getraut.« Sie zog sich etwas zurück. »Ich sollte jetzt nicht hier sein. Ich liebe dich zu sehr.«
»Dann geh fort mit mir.«
»Wohin?«
»Irgendwohin.«
Es erleichterte ihn, dies endlich sagen zu können. Madeline lächelte und weinte gleichzeitig. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen, und preßte ihre Handflächen auf sein Gesicht.
»Ich würde mein Leben darum geben, aber ich kann nicht.«
»Warum nicht? Du hältst sicher nicht so viel von Justin?«
»Ich verabscheue ihn. Erst neulich habe ich entdeckt, wie sehr ich ihn verabscheue. Deshalb habe ich am Samstag deiner Mutter einen Besuch abgestattet. Ich konnte es nicht mehr ertragen, länger von dir getrennt zu sein. Ich möchte, daß du mir alles über Mexiko erzählst.« Sie streichelte sein Gesicht mit langsamen, zaghaften Bewegungen. »Wie du verletzt wurdest, wie es dir ergangen ist – «
»Es würde mir sehr viel besser ergehen, wenn wir zusammen wären.«