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»Orry, das ist unmöglich.«

»Wegen Justin?«

»Nicht wegen seiner Person, sondern wegen meines Versprechens, als ich ihn geheiratet habe. Ich habe ein lebenslanges Versprechen abgegeben. Wenn ich es brechen würde, wenn ich mit dir fortginge, hätte ich mein Leben lang Schuldgefühle. Die Schuld würde unser Leben ruinieren.«

»Fühlst du dich auch schuldig, wenn du mich hier triffst?«

»Natürlich, aber es ist erträglich. Ich kann mich davon überzeugen, daß ich die ehelichen Gebote immer noch einhalte.«

Er schöpfte Verdacht. Sie war nicht ganz aufrichtig. Sie hatte einen andern Grund, um nein zu sagen. Dann beschloß er, daß er sich das bloß einbilde, vielleicht, um der Ablehnung etwas von ihrer Schärfe zu nehmen.

Sie löste sich von ihm und machte einige rasche Schritte auf den Rand des Sumpfes zu. »Wahrscheinlich denkst du, daß ich eine gemeine Heuchlerin bin.«

Er stand hinter ihr und hob ihr Haar hoch, damit er ihren Nacken hinter dem Ohr zärtlich küssen konnte. »Ich denke, daß ich dich liebe, das ist alles. Ich möchte, daß du bis ans Ende unsrer Tage bei mir bist.«

»Ich fühle genau gleich, Liebster. Aber auch du hast eine Verantwortung. Was auch immer du sagen magst, ich glaube nicht, daß du einfach davonrennen und glücklich sein könntest.«

Er versuchte dem Gespräch eine andre Wendung zu geben, damit sie beide eine Atempause kriegten. »Ich wäre glücklich, wenn mein Vater vernünftig werden würde. Weißt du, daß er Priams Körper als Beispiel für unsere Sklaven ausgestellt hat?«

»Nein, das wußte ich nicht.« Sie rieb ihre Arme, ohne ihn anzusehen. »Das ist barbarisch.«

»Auf jeden Fall überflüssig. Unsere Leute haben den Sinn von Priams Tod schon lange, bevor sie seinen Körper gesehen haben, verstanden. Manchmal glaube ich, daß mein Vater bereits senil ist. Oder vielleicht wird er von den verdammten Sklavengegnern dazu getrieben? Er ist ein stolzer Mann, und er kann trotzig sein.«

»Es scheint eine Eigenschaft dieser Gegend zu sein«, sagte sie mit trotzigem Lächeln.

Er fand es unmöglich, so weiterzureden, als ob sie oberflächliche Bekannte wären. Der physische Hunger war zu groß, fast schmerzhaft. Er sah sie direkt an.

»Kein Gerede mehr. Was ich möchte, bist du. Komm – bitte – « Er nahm sie an der Hand und zog sie in unmißverständlicher Absicht zu einem Platz, wo das Laub und die Baumnadeln trocken aussahen.

»Nein, Orry.« Als sie sich von ihm löste, flammte Ärger in ihren Augen auf. Sie warf sich ihm entgegen und umklammerte mit ihren Armen seine Brust. »Kannst du nicht sehen, daß wir nicht so weit gehen dürfen? Nie! Wenn wir es tun, wird die Schuld fast so groß sein, wie wenn wir davongerannt wären.«

Mit harten Bewegungen wühlte er in ihrem Haar, küßte ihre Augen und die feuchten Mundwinkel. »Du möchtest mich lieben, du kannst es nicht leugnen.« Er legte den Arm um ihre Taille, überrascht über seine eigne Kühnheit. Er war wie von einem Fieber gepackt, und es schien absolut natürlich, ihre Hüften an sich zu ziehen und sie erneut zu küssen. »Nein, du kannst nicht.«

»Nein, ich möchte so von dir gehalten werden. Aber wir dürfen nicht.«

Er ließ sie los. »Ich verstehe dich nicht.«

Eine Strähne ihres schimmernden schwarzen Haars war ihr in die Stirn gefallen. Sie schob sie zurück und lächelte dann traurig.

»Wie kannst du das von dir erwarten, wenn ich mich selbst nicht ganz verstehe? Wer versteht sich schon? Ich weiß nur, daß ein bißchen Schuld erträglich ist. Mehr nicht.«

Orry wurde wieder blaß. Die Spannung, die er mit der Umarmung übertragen hatte, ließ nach. »Wenn wir nicht zusammen leben können oder einander richtig lieben können, was bleibt dann noch?«

»Wir können – «, sie holte tief Luft und sah ihn an. Ihre Stimme wurde entschlossener. »Wir können uns ab und zu hier treffen. Das würde mir das Leben zumindest erträglich machen.«

»Aber auch das ist Untreue, Madeline.«

»Aber nicht Ehebruch.«

»Ich dachte, das ist dasselbe.«

»Nicht für mich.«

»Nun, der Unterschied ist subtil. Ich zweifle daran, ob Außenstehende ihn sehen könnten.«

»Ich kann nicht anders. Können Außenstehende denn Liebe überhaupt begreifen?«

Er preßte die Lippen zusammen, und mit einem scharfen Kopfschütteln ging er in Richtung Sumpf in den leichten Regen hinaus. Sie war zu einer Affäre mit ihm bereit, aber nach ihren Regeln.

Er ging, soweit er konnte, und hielt erst dann inne, als der Boden unter seinen Füßen weich wurde. Seine langen Schritte hatten Spuren hinterlassen. Er drehte sich um; der Regen rieselte durch seinen Bart. »Das sind harte Bedingungen. Ich möchte dich zu sehr. Ich weiß nicht, ob ich einer dauernden Versuchung standhalten kann.«

»Ist ein bißchen Liebe nicht besser als gar keine?« Fast hätte er nein geschrien. Sie kam langsam auf ihn zu. Der Regen ruinierte ihre Kleider und durchnäßte ihr Haar, aber auch so war sie das schönste Geschöpf auf der Welt. Er konnte sie nicht zurückweisen, obwohl ihre Bedingungen fast ebenso schmerzvoll waren wie die Situation, aus der heraus sie entstanden waren.

Sie drückte sich an ihn und starrte in seine Augen. »Stimmt es nicht, Orry?«

Er lächelte, ohne jedoch etwas zu empfinden. »Doch.« Sie stieß einen kurzen Schrei aus und umschlang ihn noch enger. Er legte den Arm um sie, sein Lächeln war hohl. »Gott, ich wünschte mir, du wärest zur Hure und nicht zur anständigen Frau erzogen worden.«

»Manchmal wünsche ich mir das auch.«

Sie mußten beide lachen, und dies minderte ihren Kummer etwas. Sie gingen zu den Bäumen zurück, machten es sich so bequem wie möglich, sprachen eine gute Stunde miteinander. Orry machte sich Sorgen um ihren geheimen Treffpunkt. Je öfter sie hierher kamen, desto größer wurde die Gefahr, entdeckt zu werden. Sie sagte, sie würde dieses Risiko eingehen. Dann küßten und umarmten sie sich wieder. Bevor sie Abschied nahmen, machten sie Pläne für das nächste Rendez-vous. Orry hielt sich für verrückt, weil er den Bedingungen zugestimmt hatte. Das Verleugnen ihrer Bedürfnisse verursachte in beiden eine fast unerträgliche physische und psychische Spannung. Er wußte, daß die Spannung noch schlimmer würde, wenn sie sich weiterhin trafen.

Und doch, als er bei der Ruine der Kapelle stand und ihr zuschaute, wie sie davonritt, änderte sich seine Stimmung. Obwohl die Spannung blieb, schien die Enthaltung seine Sehnsucht und seine Liebe zu vertiefen.

17

Während der ganzen Reise nach Norden sah George Priams Augen vor sich. Auch jetzt, als er mit aufgestütztem Kinn durch das Eisenbahnfenster auf den Delaware River blickte.

In dem düsteren Dämmerlicht fiel Schnee, der schmolz, sobald er den Boden oder das Glas des Fensters berührte. George war von der langen Reise und dem häufigen Zügewechseln erschöpft. Sein Magen reagierte verstimmt auf eine Mahlzeit, und während der letzten hundert Meilen war er fast vor Hitze verschmachtet, weil die andern Passagiere darauf bestanden hatten, immer mehr Holz in den Ofen zu werfen.

Nun ja, morgen würde er in Lehigh Station sein. Er hatte vor, die Nacht in Haverford House zu verbringen, wo die Hazards, wenn sie in Philadelphia waren, immer abstiegen. Am Morgen würde er den Lokalzug nehmen, und wenn er einmal zu Hause war, würde er seine Familie langsam, vorsichtig und sorgfältig darauf vorbereiten, daß er die Absicht hatte, eine Katholikin zu heiraten.

Wieder kam die Erinnerung an Priam. Er dachte nun auch an seine Beziehung zu Orry und zu Orrys Familie. George fand eigentlich an jedem einzelnen Familienmitglied etwas Liebenswertes, sogar am leichtsinnigen Vetter Charles, aber er geriet deswegen auch in die altbekannte Verwirrung und hatte Schuldgefühle, denn die Mains hielten Negersklaven.

Der Zug verlangsamte seine Fahrt, bevor er langsam in den Bahnhof einfuhr. Das Dach über dem Bahnsteig ließ fast kein Tageslicht durch, und statt Schneeflocken wirbelten nun Funken von der Lokomotive am Fenster vorbei. Reisende standen auf und sammelten ihre Gepäckstücke ein. Das rußige Glas warf ihr Spiegelbild zurück, aber George sah nur Priam. Die Sklaverei mußte aufhören. Davon war er seit seinem letzten Besuch in South Carolina überzeugt. Das Ziel würde nicht einfach zu erreichen sein, denn es gab viele Hindernisse auf dem Weg: Tradition, Stolz, wirtschaftliche Abhängigkeit vom System, der verhältnismäßig starke Einfluß der kleinen Anzahl jener, die Sklaven hielten, ja sogar die Bibel. Kurz bevor George die Plantage verlassen hatte, hatte Tillet aus der Bibel zitiert, um die bewaffnete Suche nach Priam zu rechtfertigen. Priam hatte ganz klar gegen das dritte Kapitel des Briefs an die Kolosser verstoßen: »Ihr Sklaven, seid in allem eurem irdischen Herrn gehorsam…« Wollte man das ungerechte und unzeitgemäße System niederreißen, so benötigte man dazu Flexibilität, guten Willen und vor allen Dingen Entschlossenheit. George konnte nichts davon in Mont Royal entdecken.