Für einige Augenblicke betrachtete er das Problem von einer anderen Seite, indem er davon ausging, daß seine Freundschaft mit Orry unbedingt erhalten werden mußte. Auch dann ergaben sich Schwierigkeiten. Er erinnerte sich an Orrys klare Warnung, als er sich für Priams Freiheit eingesetzt hatte. Wenn ihm an der Freundschaft etwas gelegen war, so durfte er sich nie wieder einmischen. Aber wie stark war diese Freundschaft? Konnte sie Uneinigkeit über eine grundlegende Frage wie menschliche Freiheit einfach ausschalten? So als ob das Problem und die Meinungsverschiedenheiten einfach nicht existierten? Konnte Freundschaft in einem Klima zunehmender Spannung überhaupt überleben? Orry sagte ja, wenn man die Frage der Sklaverei beiseite ließe. Aber der alte, kranke und verbitterte Calhoun hatte angedeutet, daß eine Trennung die einzig mögliche Lösung für das Problem sei.
Sollte eine Lösung gefunden werden, glaubte George, dann mußten Leute wie die Mains die Hauptlast und Verantwortung dafür tragen. Auch wenn der Süden nicht allein am Problem schuld war, so hatte er es doch gefördert, und es lag am Süden, Schritte zu dessen Lösung zu unternehmen. George glaubte, daß den Norden in der ganzen Angelegenheit keine Schuld traf. Zumindest dachte er dies, als er mit seinem Koffer über den Bahnsteig ging.
Glücklicherweise konnte er ohne vorherige Reservation im Haverford House übernachten. Er war gerade dabei, sich einzutragen, als der Empfangschef sagte: »Ich glaube, wir haben noch einen andern Gast aus Ihrer F…«
»George, bist du es?«
Die Stimme hinter ihm hatte diejenige des Mannes übertönt.
George drehte sich um und lächelte dann die junge Frau an, die auf ihn zukam. Die schmelzenden Schneeflocken funkelten wie Diamanten auf ihrem Muff und dem Pelzrand ihres Hutes.
»Virgilia! Guter Gott, ich hatte nicht erwartet, dich hier zu treffen.«
Sie war ganz aufgeregt, und für einen Augenblick schien ihr viereckiges Gesicht fast hübsch. Sie hatte während seiner Abwesenheit zugenommen, wie er feststellte.
»Ich habe ein Zimmer reserviert, weil ich heute hier in der Stadt bleibe«, sagte sie atemlos.
»Allein? Was tust du hier?«
»Ich halte meine erste Rede auf einer öffentlichen Versammlung, die von der Gesellschaft organisiert wurde.«
»Von welcher Gesellschaft?« Er runzelte die Stirn.
»Der Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei natürlich. O George, ich bin so nervös – ich habe die Rede während Wochen vorbereitet und auswendig gelernt.« Sie nahm seine Hände – wie kalt und hart sich ihre Finger anfühlten, fast wie diejenigen eines Mannes! »Ich habe völlig vergessen, daß du heute zurückkommst. Du mußt unbedingt zur Versammlung kommen. Alle Karten sind schon seit Wochen ausverkauft, aber wir werden sicher noch einen Platz für dich finden.«
»Ich komme gern. Ich gehe erst morgen nach Hause.«
»O prima. Möchtest du erst was essen? Ich kann nicht, ich bin zu nervös. George, ich habe endlich eine Sache gefunden, für die ich mich voll engagieren kann.«
»Ich freue mich darüber«, sagte er, als sie hinter dem Portier, der Georges Gepäck trug, zur Hoteltreppe gingen. Du hast eine Sache gefunden, weil du keinen Mann gefunden hast.
Er tadelte sich im stillen für seine Lieblosigkeit. Er und Virgilia waren einander nie nahegestanden, aber sie war immer noch seine Schwester. Er war müde, und ihre Begeisterung stieß ihn etwas ab.
»Es ist eine Sache, für die es sich lohnt, obwohl Orry Main sicher anderer Meinung wäre. Ehrlich gesagt, ich verstehe nicht, wie du dich mit solchen Menschen abgeben kannst.«
»Orry ist mein Freund. Komm, lassen wir ihn aus dem Spiel.«
»Aber das ist unmöglich. Er besitzt schließlich Negersklaven.«
George schluckte eine heftige Bemerkung hinunter und überlegte sich, ob er den Rest des Abends allein verbringen sollte. Später bereute er, es nicht getan zu haben.
Es waren an die zweitausend Menschen in der Halle, die bis auf den letzten Platz besetzt war. Sogar in den Seitengängen standen die Männer; es waren auch Kinder anwesend und einige gutgekleidete Schwarze. Die überall in der Halle angezündeten Lampen verbreiteten ein rauchiges, gelbes Licht.
George wurde in einen Stuhl in der hinteren Reihe der Loge auf der rechten Seite der Tribüne gedrückt. Vor ihm saßen drei Männer und drei Frauen, alle in formeller Kleidung. Als er sich vorstellte, zeigten sie sich kurz angebunden und reserviert. Vermutlich gehörten sie zu den oberen Zehntausend von Philadelphia.
Obwohl es draußen ziemlich kalt war, war es in der Halle durch die vielen Menschen sehr heiß, und alle Gesichter waren mit einem leichten Schweißfilm überzogen. Noch bevor das offizielle Programm eröffnet wurde, waren die Zuhörer bereits in Stimmung, viele stampften, klatschten oder sangen Lieder.
George warf einen Blick auf die Karte, die man ihm beim Eingang in die Hand gedrückt hatte. Er seufzte. Das Programm umfaßte neun Teile. Es würde ein langer Abend werden.
Die sechs Redner, die auf die Tribüne traten, wurden mit lautem Applaus begrüßt. Virgilia sah ruhig und gefaßt aus, als sie durch die langen Stuhlreihen, die vor einem knallroten Vorhang aufgestellt waren, hindurchschritt. Sie setzte sich auf den dritten Stuhl auf der linken Seite und warf George einen Blick zu. Er nickte und lächelte. Der Vorsitzende, ein methodistischer Geistlicher, näherte sich dem Podium und rief mit dem Hammer zur Ruhe. Zuerst sang die Hutchinson-Familie aus New Hampshire. Die Sänger wurden mit viel Beifall empfangen, als sie sich auf der rechten Seite der Tribüne aufstellten.
Der Älteste stellte die Gruppe vor: »Mitglieder des Stammes Jesse und Freunde der Gleichberechtigung.« Daraufhin wurde noch mehr gestampft, geklatscht und gerufen. Die Gruppe war in Kreisen der Sklavereigegner offensichtlich bekannt, obwohl George noch nie etwas von diesen Leuten gehört hatte. Die Begeisterung des Publikums überraschte und befremdete ihn. Er hatte nicht gewußt, daß die Gegner der Sklaverei in Pennsylvania so emotional sein konnten.
Die erste Rede, die zehn Minuten dauerte, wurde von einem Geistlichen aus New York City gehalten. Er erläuterte und unterstützte die Haltung des berühmten Gegners der Sklaverei, William Ellery Channing aus Boston. Laut Channing konnte die Sklaverei am besten dadurch überwunden werden, daß man an die christlichen Prinzipien der Sklavenbesitzer appellierte. Der Redner kam etwa zur gleichen Schlußfolgerung wie George während der Bahnfahrt. Als George sich jedoch vor seinem geistigen Auge Tillet Mains Reaktion auf diese Theorie vor Augen hielt, hatte er einen Schock. Er wußte, daß Channings Plan niemals funktionieren konnte.
Auch die Zuhörer schienen nicht sonderlich begeistert und spendierten nur mäßig Applaus.
Der zweite Redner erntete mehr Beifall. Es handelte sich um einen großen, grauhaarigen Schwarzen namens Daniel Phelps, der früher ein Sklave gewesen war, über den Ohio geflüchtet war und nun über seine Tage der Gefangenschaft in Kentucky berichtete. Ein guter Redner. Seine vierzehn Minuten dauernde Ansprache brachte die letzten Emotionen aus den Zuhörern heraus; seine grauenhaften Schilderungen von Schlägen und Folter brachten die Männer mit Wutgeschrei auf die Füße. Er erhielt eine stehende Ovation.