Virgilia spielte nervös mit einem Taschentuch, als der Vorsitzende sie ankündigte. Er betonte besonders ihren Familiennamen. Gemurmel in der Halle zeigte, daß einige sie als Familienmitglied der berühmten Eisenhüttenbesitzer erkannten. Eine der Frauen in der Loge drehte sich nach George um und nickte ihm kurz zu. Er fühlte sich jetzt, nachdem man seine Person gewürdigt hatte, etwas besser.
Als Virgilia das Podium bestieg, war sie immer noch nervös. Das arme Mädchen war wirklich zu drall, dachte George. Überhaupt nicht anziehend. Aber vielleicht würde ein Mann Gefallen an ihrer Intelligenz finden. Er hoffte dies für sie.
Zuerst sprach Virgilia sehr zögernd und gab den Zuhörern nicht mehr als die üblichen Argumente gegen die Sklaverei. Aber nach etwa vier bis fünf Minuten nahm ihre Rede plötzlich eine andere Wendung. Das Publikum hörte auf, nervös mit den Füßen zu scharren, und buchstäblich alle Augen waren auf sie gerichtet.
»Ich hasse es, in Anwesenheit von Frauen und kleinen Kindern über solche Dinge zu reden, aber man sagt, daß die Wahrheit nie und nimmer unrein sein kann. Wir dürfen deshalb nicht davor zurückschrecken, jeden Aspekt des merkwürdigen Systems des Südens zu prüfen, wie geschmacklos und wie unmoralisch es auch immer aussehen mag.«
In der Halle herrschte absolutes Schweigen. Die Zuhörer spürten, daß Virgilia geschickt mit ihren Gefühlen spielte. Die Männer und Frauen, die vor George saßen, lehnten sich vor, um sie besser hören zu können. Er starrte in die Menge und sah schweißglänzende, aber ernste Gesichter. Was ihn jedoch am meisten beunruhigte, war seine Schwester. Sie hielt sich am Rednerpult fest, und in ihrer Stimme war jetzt nicht mehr das geringste Zögern.
»Der Süden legt zwar Höflichkeit und Kultiviertheit an den Tag, aber diese Eigenschaften ruhen auf einem faulen Fundament. Auf einem Fundament, das für die meisten Menschen und für Gott ein Hohn ist. Das hassenswerte System des Südens, die Sklaverei, braucht ein unerschöpfliches Reservoir an Arbeitskräften. Und woher kommen die neuen Arbeitskräfte, wenn die alten durch grausame Plackerei und brutale Behandlung erschöpft am Wegrand liegen bleiben? Die neuen Arbeiter kommen von denselben Plantagen, deren wirkliche Ernte Menschen sind!«
Ein Schauer erfaßte die Zuhörer, als ihnen klarwurde, was sie meinte. Auf der Galerie stand eine Frau auf und zog ihr kleines Mädchen zum Ausgang. Um sie herum mahnte man zur Ruhe.
»Die Plantagen im Süden sind nichts anderes als Zuchtfarmen für Schwarze. Gigantische Bordelle, die von einer dekadenten Aristokratie gutgeheißen, aufrechterhalten und fortgeführt werden, einer Aristokratie, die sich blindlings hinwegsetzt über den christlichen Glauben einiger weniger freier Südstaatler, die mit schwachen Stimmen gegen diese verrückten Satyre, gegen diese Gottlosigkeit protestieren!«
Dekadente Aristokratie? Verrückte Satyre? Zuchtfarmen für Schwarze? George saß mit trockenem Mund da und traute seinen Ohren nicht. Virgilia warf alle Südstaatler in einen Topf, aber ihre Anklagen trafen schlichtweg nicht auf die Mains zu. Es sei denn, er wäre ein Idiot und hätte sich in Mont Royal blödsinnig hinters Licht führen lassen. Das System wies viele Übel auf, aber er hatte keine Spur von dem entdecken können, was Virgilia behauptete. Was ihn jedoch am meisten entsetzte, war die Reaktion der Zuhörer. Sie glaubten jedes Wort. Sie wollten jedes Wort glauben. Und wie eine gute Schauspielerin hatte Virgilia dieses Fluidum aufgefangen und reagierte darauf. Sie trat hinter dem Rednerpult hervor, um sich ihren Zuhörern ganz zu zeigen. Sollten sie ihre selbstgerechte Raserei, ihren flammenden Blick, ihre vor Zorn zitternden Hände, die sie in Richtung ihres Bruders hob, sehen.
»Sogar die Steine schreien angesichts dieser Gottlosigkeit. Jedes aufrechte Menschenherz sagt entschlossen und in gerechter moralischer Empörung – nein. Nein! Nein!« Sie warf den Kopf in den Nacken und streckte bei jedem Nein den Busen vor. Ein Mann auf der Galerie griff das Wort auf, und bald sang die ganze Halle. »Nein! Nein! NEIN! NEIN!«
Langsam ließ der Tumult nach. Virgilia hielt sich am Rednerpult fest, sie atmete schwer. Ihre Kleider wiesen Schweißflecken auf, und sie suchte nach ihrem Text. Außer Atem kämpfte sie sich zu ihrer Schlußfolgerung vor, aber George schenkte den Worten wenig Aufmerksamkeit. Er war über ihre heftigen Aussagen entsetzt – und über den Beifall, den sie beim Publikum fanden.
Seine Schwester hatte offensichtlich ein Ventil für ihre lang aufgestauten Emotionen gefunden. Es kam ihm fast unanständig vor, wie sie sich vor den Zuschauern in Szene setzte. Ihre Sprache war sexuell gefärbt, ihr Stil fast orgiastisch, als sie erklärte, daß es die Moral verlange, Schritte gegen die Zuchtfarmen für Schwarze zu unternehmen.
»Sie müssen verbrannt, zerstört, ausgetilgt werden. Mitsamt ihren Besitzern!«
Er sprang auf und verließ die Loge. In der Eile hätte er beinahe seinen Stuhl umgestoßen. Er rannte die endlose Treppe hinunter und wollte so schnell wie möglich frische, klare Luft atmen. Er hörte, wie das Publikum das Ende der Rede mit Fußstampfen und lautem Applaus quittierte, und warf einen Blick zurück. Das Publikum war aufgestanden. Virgilia stand mit zurückgelehntem Kopf auf der Rednertribüne. Ihr Haar hatte sich durch die Anstrengung gelöst, ihre Kleider waren in Unordnung geraten, aber es machte ihr nichts aus. Ihr Gesicht leuchtete in träumerischem Überschwang und in Erfüllung. Er drehte sich um. Ihm wurde übel.
Als er draußen war, atmete er die frische Luft tief ein und freute sich an den Schneeflocken. Er würde ihr natürlich sagen müssen, daß sie gut gesprochen hatte. Aber er nahm sich auch vor, sie auf ihre allzu undifferenzierten Verallgemeinerungen aufmerksam zu machen. Er fühlte sich durch ihr Verhalten tief beleidigt, nicht nur aus intellektuellen, sondern auch aus persönlichen Gründen. Es stimmte zwar, daß Virgilia eine erwachsene Frau war, die für ihr Leben selbst verantwortlich war, aber wenn er seine Schwester oder auch eine andere Frau sich so schamlos produzieren sah, zuckte er innerlich zusammen. Unter dem Deckmantel der Moral war ihre Rede ein Erguß leidenschaftlicher Sexualität gewesen. Sie hatte es seiner Schwester ermöglicht, Dinge zu sagen, die kein Mann und keine Frau jemals in der Öffentlichkeit in einem andern Kontext sagen könnten.
Was ihn am meisten entsetzte, war sein Eindruck, daß Virgilia Gefallen an der Sache gefunden hatte – und nicht nur aus den moralischen Gründen, die sie vorgab.
Aber auch wenn er seine persönlichen Betrachtungen beiseite ließ, ärgerten ihn die Beifallrufe aus der Halle. Sie machten ihn auf eine Dimension des Sklavereiproblems aufmerksam, die er bis jetzt nicht gekannt hatte. Wie gerecht die Sache, für die sich Virgilia engagiert hatte, auch immer sein mochte, sie hatte das Ganze irgendwie verdreht: Ein Aufruf zur Gerechtigkeit wurde zu einem gemeinen, erschreckenden Aufruf zu einem Heiligen Krieg. Und in der Halle schien es viele potentielle Krieger zu geben. Er konnte sie immer noch nach dem Blut des Südens rufen hören.
Auf seiner Reise hatte er geglaubt, daß die ganze Schuld beim Süden liege, bei den Sklavenbesitzern mit ihrem zerstörerischen Hochmut. Heute abend hatte er eine beängstigende Lektion lernen müssen. Er hatte sich geirrt.
In einer Stunde hatte er seine Meinung über die Gegner der Sklaverei geändert, denn sicherlich hatte sich Virgilia nach der Meinung anderer Mitglieder der Bewegung ausgerichtet. Wie viele von ihnen waren mehr an einer Konfrontation als an einer echten Lösung des Problems interessiert? Er entschuldigte weder die Sklaverei noch die Mains aufgrund dessen, was er heute abend gehört und gesehen hatte, aber zum erstenmal glaubte er, daß die Ressentiments der Mains vielleicht nicht ganz unberechtigt waren.