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Konnte die Freundschaft zwischen Männern verschiedener Regionen oder die aus gemeinsamen Erlebnissen geborene Kameradschaft einem solch entsetzlichen Druck standhalten? Hatten die Menschen und die Nation genug guten Willen, um die kopflosen Leidenschaften, die seine Schwester heute abend entfesselt hatte, wieder einzudämmen?

Er fröstelte, als der Wind ihm Schnee ins Gesicht trieb. Der Sturm wurde heftiger, und man konnte kaum noch die Lichter der Stadt sehen. Plötzlich sah er eine sehr viel grimmigere Zukunft vor sich, als er sich das bis jetzt hatte vorstellen können. Eine kurze, düstere Vision tauchte vor ihm auf: die Nation unter dem Hammer des Sklavenproblems, bis sie schließlich wie sprödes Gußeisen auseinanderbrach.

Er vermutete, daß er bis zu diesem Augenblick in Unwissenheit oder mit einer Illusion gelebt hatte. Jetzt, an die Wand gelehnt und wegen des aufkommenden Windes kaum in der Lage, seine Zigarre anzuzünden, sah er der Realität ins Auge. Er war erschüttert.

Die letzte Etappe seiner Reise bewältigte George mit einem Lehigh-Kanalboot. Der Kanal folgte dem Flußlauf von Maunch Chunk bis Easton. Vier Generationen der Hazards war das Lehigh-Tal bereits eine Heimat gewesen. Georges Urgroßvater hatte seinen Posten in New Jersey aufgegeben und versucht, in Pennsylvania sein eigener Herr und Meister zu werden.

Es gab keine großen natürlichen Erzvorkommen im Tal wie zum Beispiel das Raseneisenerz in Jersey. Und es bestand auch nicht die Möglichkeit, Flußmittel aus Tonerde und Austernmuscheln zu gewinnen, wie dies die Männer in den Salzbuchten bei Pine Barrens tun konnten. Aber der Urgroßvater von George hatte große Holzbestände entdeckt, die man in Holzkohle verwandeln konnte. Dazu hatte er einen Fluß gefunden, dessen Wasserkraft nutzbar war. Und am wichtigsten von allem: Er hatte Glück. Während Jahren hatte er den einzigen Ofen am Fluß betrieben. Das Erz mußte in Ledersäcken über die Berge gebracht werden, aber das schreckte ihn nicht ab. Auch in Jersey waren Maultiere lange das einzige Transportmittel gewesen.

Man sagte, er sei verrückt, nicht in das Schuylkill-Tal zu gehen, aber Georges Urgroßvater kümmerte sich nicht um solches Gerede und hielt durch. Im Lehigh-Tal war er sein eigener Herr und Meister und war in Glück und Unglück von seinen eigenen Entscheidungen abhängig.

Während der Revolution hatten sich die Hazards ganz auf den Krieg konzentriert und waren hinterher finanziell fast ruiniert. Glücklicherweise trugen die Rebellen den Sieg davon, und die Familie konnte weiterbestehen. Aber der Erfolg erwies sich als sehr wetterwendisch.

Jahr für Jahr mußten die Hazards ihr Eisen auf alte, baufällige Durham-Boote verladen, um es über den Delaware zu bringen. Man wußte nie, ob die Boote ankommen würden. 1829 wurde der Lehigh-Kanal eröffnet. Damit begann jedes Geschäft im Tal zu florieren, und die Hazards waren keine Ausnahme mehr. Ein Jahrhundert lang hatte das Eisen der Familie ein zwar stetiges, aber bescheidenes Einkommen gesichert. Mit dem Kanal waren nun plötzlich mehrere Märkte erschließbar, und im Laufe einer Generation – der Generation von Georges Vater – kamen die Hazards nun zu Reichtum.

George war sozusagen mit dem Kanal aufgewachsen. Die Rufe der Bootsleute und das gelegentliche Iah der Esel auf dem Treidelpfad gehörten unauslöschlich zu seinen Kindheitserinnerungen. Es hieß, die guten Zeiten des Kanals gingen jetzt zu Ende. Sie hatten knapp dreißig Jahre gedauert, ein weiterer Beweis dafür, wie schwindelerregend schnell sich das Zeitalter der Maschine veränderte. William Hazard hatte offensichtlich auf diese Prophezeiungen gehört, sonst hätte er nicht damit angefangen, Eisenbahnschienen herzustellen.

Das Boot hielt eine halbe Stunde in der aufstrebenden Stadt Bethlehem an. Einige Meilen hinter der Stadt erhoben sich die ersten Gipfel der South Mountains. Es war ein stürmischer, dunkler Tag. George stand an Deck und erfreute sich am Anblick seiner Heimat.

Unter den rasch dahintreibenden, grauen Wolken sahen die runden Hügelkuppen beinahe schwarz aus. Jetzt waren sie kahl, aber im Frühling waren sie mit Tausenden von rosa und weißen Blumen übersät. Georges Mutter liebte sie auf eine fast religiöse Art. Sie sagte, sie seien wie die Hazard-Familie: Sie faßten oft auf steinigem Boden Fuß und gediehen, wo andere Pflanzen starben. Sie hatte George dieses Gefühl vermittelt, so wie sein Vater seinen Glauben an die Macht des Eisens auf ihn übertragen hatte. Das Kanalboot bog um eine lange Kurve, und nach und nach kam die kleine Stadt Lehigh Station in Sicht. Etwas weiter flußaufwärts waren die großen Hazardwerke bereits deutlich erkennbar.

In Flußnähe befand sich eine Ansammlung bescheidener Häuser. Hier wohnten die Iren, Waliser und Ungarn, die in den Hazardwerken arbeiteten. Mehr und mehr Gußeisen wurde für den Häuserbau in großen Städten verwendet, es war schon fast zu einer Manie geworden. Und die Hazards stellten jetzt ja auch Schienen her.

Auf dem Hügel oberhalb der Arbeitersiedlung erhoben sich die größeren Ziegelgebäude der Angestellten sowie die Wohnhäuser der Vorarbeiter und Aufseher des Eisenwerks. Und auf dem höchsten Punkt, in der Mitte eines riesigen Grundstücks, stand, terrassenförmig aus dem Berg herausragend, das Haus, in dem George zur Welt gekommen war.

Er liebte das Haus, weil es sein Zuhause war, aber er fand, es sehe scheußlich aus. Der vorderste Teil des Hauses war vor hundert Jahren erstellt und bereits viele Male umgebaut worden – jedesmal in einem andern Stil. Es gab dreißig oder vierzig Zimmer im ganzen, aber es herrschte keine Einheit; das Haus trug nicht mal einen Namen und hatte seiner Meinung nach keinen Stil.

Das Hauptmerkmal der Hazardwerke waren die drei Hochöfen, die kegelförmig in den Himmel ragten. Von der Spitze eines jeden führte eine hölzerne Brücke zu den Hügeln. Zwei der Öfen waren in Betrieb und spien Rauch aus, der den ohnehin schon dunklen Himmel noch mehr verdüsterte. Kohle war ein schmutziger Brennstoff und ziemlich altmodisch. Auf der Brücke des dritten Ofens gingen Arbeiter mit Schubkarren hin und her. Sie schütteten den Inhalt der Schubkarren in ein Ladeloch und kehrten dann für die nächste Ladung zum andern Ende der Brücke zurück. Sicherlich gab es rationellere Methoden, wie etwa ein dampfgetriebenes Förderband. Sein Bruder Stanley wollte sicher, daß jeder Ofen im ganzen Land erst ein solch neues System installierte, bevor er sich dafür entscheiden konnte.

Auch in der Gießerei herrschte reger Betrieb. George staunte, wie groß die Hazardwerke eigentlich waren, besonders nachdem er ein neues Gebäude entdeckte, das er noch nie gesehen hatte. Wahrscheinlich war dies das Schienenwalzwerk.

Hazard Iron war ein lärmiger, geschäftiger und unsauberer Betrieb. Die Landschaft wurde durch die Schlackenhaufen und die Kohle verunstaltet. Der Rauch war scheußlich, die Hitze und das Getöse manchmal infernalisch. Aber mit jedem Tag schien es klarer zu werden, daß die Vereinigten Staaten dank des Eisens wuchsen und gediehen. Das Geschäft war George in Fleisch und Blut übergegangen, und als er diesmal nach Hause kam, wurde es ihm bewußt.

Wie würde Constance darauf reagieren? Würde sie sich hier glücklich fühlen, verheiratet mit einem Eisenhüttenbesitzer, an einem unvertrauten, fremden Ort? Er gelobte, alles Mögliche zu tun, damit sie sich wohl fühlte, aber es lag nicht ganz in seiner Macht, ihr Leben in Lehigh Station glücklich zu gestalten. Und das machte ihm Sorgen.

Er freute sich, daß Virgilia noch in der Stadt hatte bleiben müssen und er somit Gelegenheit hatte, allein nach Hause zu kommen und langsam zu seinem alten Leben und seinen alten Gewohnheiten zurückzufinden. Mit all den Sorgen und Freuden. Sein Vater war nicht mehr da. Er hatte Schuldgefühle, weil er, vom Anblick seiner Heimat überwältigt, seinen Vater ganz vergessen hatte. Das mußte er wiedergutmachen. Er mußte auf Wiedersehen sagen.