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Der Marmorstein mit den eingravierten Worten WILLIAM HAZARD glänzte im prächtigen Sonnenuntergang. George rückte den schwarzen Kranz, den er niedergelegt hatte, nochmals zurecht, bevor er wieder aufstand. Als seine Mutter auf ihn zukam, war er dabei, Erde von seiner Hose abzuklopfen. Sie hatte ihn auf den Friedhof begleitet, war aber im Hintergrund geblieben, als er schweigend von seinem Vater Abschied nahm.

Sie gingen den steilen Pfad zur wartenden Kutsche hinunter. George war erst seit wenigen Stunden zu Hause, aber Maude Hazard schmiedete bereits tausend Hochzeitspläne.

»Es ist ein Jammer, daß dein Vater nicht mehr lebt, um Constance kennenzulernen«, sagte sie.

»Glaubst du, sie hätte ihm gefallen?«

Maude seufzte. »Wahrscheinlich nicht. Aber wir werden sie willkommen heißen, das verspreche ich dir.«

»Wird Stanley sie auch willkommen heißen?« In seiner Stimme schwang Skepsis.

»George« – sie sah ihn direkt an –, »du weißt, daß einige dich für deinen Schritt hassen werden. Die Iren werden verachtet, obwohl mir nicht ganz klar ist, weshalb. Aber du bist offensichtlich sehr realistisch, und das bewundere ich. Ich bewundere dich für deine Bereitschaft, dem Haß die Stirn zu bieten.«

»Ich habe mir das noch nicht so rum überlegt, Mutter. Ich liebe Constance.«

»Ich weiß, aber es gibt immer noch sehr viel unchristlichen Haß in der Welt. Die Liebe wird ihn irgendwie besiegen, da bin ich sicher, und wenn wir alle überleben sollen, dann muß die Liebe stärker sein.«

Er dachte an Elkanah Bent, an Tillet Main und an seine eigene Schwester. Er konnte sich das ›muß‹ vorstellen, aber das ›wird‹? Daran zweifelte er.

Zweites Buch.

Freunde und Feinde

Die Menschen mögen widersprüchlich sein, aber die menschliche Natur bleibt sich selber treu. Seit dem das Monstrum der Sklaverei geschaffen wurde, hat sie immer wieder schreiend davon Zeugnis abgelegt, und bis es unter den Verwünschungen des Universums zugrunde gegangen ist, wird es unbeirrt ihren Weg gehen, ihre Pfeile abschießen und die Brut verurteilen.

Theodore Dwight Weld. American Slavery As It Is 1839

18

Mit einem Weihnachtsfest wurde George bald darauf feierlich zu Hause willkommen geheißen. Er hatte Gelegenheit, all die Veränderungen, die sich in kurzer Zeit in der Familie ereignet hatten, zu beobachten. Einiges überraschte ihn sehr.

Sein Bruder Billy, der erst zwölf war, handelte bereits wie ein Erwachsener und sah auch so aus. Sein Gesicht war voller geworden und hatte nun ebenfalls den leicht derben Ausdruck angenommen, der allen Hazards – mit Ausnahme von Stanley – eigen war. Sein braunes Haar war dunkler als dasjenige von George, seine blauen Augen weniger blaß und durchdringend. Er hatte ein liebenswürdiges Lächeln, aber wenn er sachliche und intelligente Fragen zum Krieg stellte, war er sehr ernst. Wer war der bessere General, Taylor oder Scott? Was konnte man über einen Vergleich der mexikanischen mit der amerikanischen Armee sagen? Was hielt George von Santa Anna? Billy konnte wohl nicht so ernst sein, wie es den Anschein erweckte, dachte George. Aber dann erinnerte er sich daran, daß es ihm selbst, als er in Billys Alter gewesen war, meistens sehr ernst gewesen war. Manchmal hatten ihn Frauen in Verlegenheit gebracht. Ob wohl Billy ähnliche Probleme hatte?

Dann mußte er über sich selbst lachen. Auch er hatte sich verändert, nicht nur die andern Hazards.

Virgilia schwatzte pausenlos über die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei. Sie nannte es ihre Arbeit. Sie war nicht nur fanatisch geworden, sondern nahm sich selbst auch sehr wichtig. Natürlich sagte George dies nicht laut, aber er verbarg auch nicht seinen Ärger, als er ihr mitteilte, daß Orry sein Trauzeuge sein würde.

Virgilia entgegnete darauf: »Ach ja, dieser Freund von dir, der Sklaven besitzt. Nun, George, sei gewarnt: Ich werde ihn weder anlächeln noch vor ihm kriechen.«

Es versprach eine unangenehme Hochzeit zu werden. Virgilia war offensichtlich entschlossen, Orrys Besuch zu verderben, und Stanleys Frau machte mehrere eisige und sarkastische Bemerkungen in bezug auf Constance Flynns Religion und den Ort der Hochzeit – die kleine, unprätentiöse katholische Kapelle am Kanal.

Stanley hatte vor etwas mehr als einem Jahr geheiratet, als George nach Mexiko unterwegs war. Isabel Truscott Hazard war 28, zwei Jahre älter als ihr Mann. Sie kam aus einer Familie, die von sich behauptete, einen Freund und Kollegen von William Penn als Stammvater zu haben. Obwohl sie sich während ihres ersten Jahres in Lehigh Station vornehmlich ihrer Schwangerschaft gewidmet hatte, war sie dank dem Namen ihres Mannes und ihrem eigenen Ehrgeiz zu einer führenden sozialen Position aufgerückt.

George versuchte Isabel zu mögen, aber nur fünf Minuten lang. Isabel war häßlich wie ein Pferd, was ihn nicht gestört hätte, wenn sie intelligent oder anmutig gewesen wäre. Aber sie betonte mit einigem Stolz, daß sie nie etwas anderes als den Gesellschaftsklatsch lese. George hätte Mitleid mit ihr haben können, aber weshalb sollte er sich überhaupt um sie kümmern? Sie glaubte ja doch, daß sie perfekt sei. Dasselbe dachte sie auch über ihr Zuhause, ihre Garderobe, ihren Geschmack in bezug auf Möbel und ihre Zwillingssöhne, die neun Monate auf den Tag genau nach der Hochzeit auf die Welt gekommen waren. Sie hatte Stanley bereits darüber informiert, daß sie keine weiteren Kinder mehr haben wollte, da sie das ganze ekelhaft gefunden hatte.

Mit großem Stolz zeigte George seiner Familie eine kleine Photographie von Constance. Wenige Minuten später, als ein Diener ihnen Rumpunsch servierte, bemerkte Isabeclass="underline"

»Miß Flynn sieht sehr hübsch aus.«

»Danke, da bin ich einverstanden.«

»Man sagt, daß die Männer des Südens körperliche Schönheit ohne, sagen wir, Substanz mögen. Ich hoffe, deine Verlobte ist nicht so naiv zu glauben, daß man im Norden auch so denkt.«

George wurde rot. Offensichtlich hatte Isabel beschlossen, Constance zu verurteilen, weil sie zufällig schön war.

Maude Hazard mochte die Bemerkung ihrer Schwiegertochter nicht. Stanley bemerkte, wie seine Mutter die Stirn runzelte und etwas zu Isabel sagte. Für den Rest des Abends schwieg sie nun zwar, aber George war sicher, daß dies nicht für immer sein würde.

Für die Weihnachtsfeiertage war der Kamin mit Berglorbeer geschmückt worden. Fenster und Türen ebenfalls. Auf dem Kaminsims stand der Stolz der Familie, ein massiver, etwa siebzig Zentimeter hoher Pokal, der vom berühmten John Amelung aus Maryland stammte. Williams Vater hatte den Pokal in einer Zeit des Überflusses gekauft. Auf dem Glas hatte der Künstler einen Schild und einen amerikanischen Adler mit ausgebreiteten Schwingen eingraviert. Vom Schnabel des Adlers flatterte ein Band mit der Inschrift E pluribus unum. Gegen Ende der Feier stellte Maude sich vor den Kamin und hielt eine kurze Ansprache.

»Nun, da George endgültig zu Hause ist, müssen wir eine Änderung der Leitung der Hazardwerke vornehmen. Von jetzt an werden Stanley und George in gleichem Maße für den Betrieb des Ofens und des Walzwerks verantwortlich sein. Deine Zeit wird auch noch kommen, Billy, mach dir keine Sorgen.«

Stanley versuchte, ein Lächeln aufzusetzen, aber er sah aus, als hätte er eine Zitrone verschluckt. Maude fuhr fort:

»Da die Familie immer größer wird, können wir nicht mehr alle unter einem Dach wohnen. Es müssen also auch in dieser Hinsicht einige Änderungen vorgenommen werden. Dieses Haus wird von nun an Stanley und Isabel gehören. Ich werde auch hier wohnen, und für eine gewisse Zeit auch noch Billy und Virgilia.«

Sie wandte ihren Blick George zu und nahm ein gefaltetes Dokument vom Kaminsims, das er vorher nicht bemerkt hatte. »Einer der letzten Wünsche deines Vaters war, daß du ein eigenes Haus haben sollst. Dies also für dich und deine Braut: Es ist eine Urkunde für ein Stück Land. Die Parzelle ist recht groß und befindet sich gleich nebenan. Dein Vater hat das Schriftstück zwei Tage vor seinem Schlaganfall unterzeichnet. Bau Constance und deinen Kindern ein Heim.«