Georges Augen füllten sich mit Tränen, als er die Urkunde in Empfang nahm; Billy klatschte. Stanley und Isabel schlossen sich ihm ohne Begeisterung an. George verstand den Grund ihres Verhaltens. Stanley war nicht sonderlich darauf aus, die Leitung des Unternehmens mit einem Bruder zu teilen, den er als unerfahren und waghalsig betrachtete.
Constance und ihr Vater trafen Ende März im Norden ein, und die jungen Leute heirateten an einem milden Apriltag. George hatte seinen neuen, verantwortungsvollen Posten bereits vor drei Monaten übernommen.
In seiner Jugendzeit hatte er hier und dort einige Arbeiten in den Eisenwerken verrichtet, aber jetzt betrachtete er das Ganze mit den Augen eines Unternehmers und nicht mit dem Blick eines gelangweilten Knaben, der anderswo zu sein wünschte. Er streifte oft durch die Hochofenanlagen, die Gießerei und das Walzwerk, lernte die Arbeiter kennen und hoffte, ihnen zeigen zu können, daß sie ihm vertrauen konnten. Er stellte Fragen und konzentrierte sich immer voll auf die Antwort. Stieß er dabei auf ein Problem, das er lösen konnte, so tat er es.
Viele Male blieb er bis zur Morgendämmerung auf und las. Er sah die alte Korrespondenz durch, schlug sich mit dicken Handbüchern über die Eisenindustrie und mit technischen Büchern herum. Seine Neugier ärgerte Stanley. George war es egal. Was er las, war recht aufschlußreich und manchmal ärgerlich. Die Akten zeigten nämlich, daß Stanley jedesmal den Weg des geringsten Risikos eingeschlagen hatte, wenn ihm sein Vater die Entscheidung über ein Projekt erlaubt hatte. Glücklicherweise hatte William Hazard seinem ältesten Sohn nicht zu viele Kompetenzen übertragen. George war davon überzeugt, daß die Werke sonst auf den Stand des 18. Jahrhunderts zurückgefallen wären.
George fand daneben noch Zeit, einen Architekten aus Pennsylvania kommen zu lassen, der Pläne für sein neues Haus entwerfen sollte. Villen im italienischen Stil waren jetzt sehr en vogue, und der Architekt entwarf einen Plan für eine Villa in asymmetrischer L-Form mit einem raffinierten Aussichtsturm im Winkel. Dieser Turm sollte dem Gebäude den Namen geben: Belvedere – schöne Aussicht. War das Haus einmal fertiggestellt, würde dies sicher stimmen. Die Fundamente waren eben ausgehoben worden, als die Flynns ankamen.
Constance merkte bald, daß Isabel sie verachtete; sie lächelte und versuchte, das beste daraus zu machen. Fühlte sich Orry während der Hochzeitsfeierlichkeiten durch Virgilia beleidigt, so zeigte er dies nicht. Die beiden Neuvermählten machten sich auf ihre Hochzeitsreise nach New York. Die Familienkutsche führte sie am Handelsposten vorbei, der der Stadt ihren Namen verliehen hatte, aber Constance hatte keinen Blick für die Landschaft übrig. Sie lagen einander in der Kutsche in den Armen. Sie hatten eine einzige Nacht für sich allein in Easton, eine selige Nacht, als ein Kurier George nach Hause rief – für eine der ersten großen Auseinandersetzungen mit seinem Bruder Stanley.
Einer der Hochöfen war durch die enormen Spannungen, die sich im Innern anstauten, explodiert – ein Unfall, der sich bereits mehrere Male ereignet hatte. Zwei Arbeiter hatten dabei den Tod gefunden. Nachdem George die Unfallstelle inspiziert hatte, ging er in Stanleys Büro.
»Weshalb waren die Schornsteine nicht mit den gußeisernen Ringen versehen? In den Akten steht, daß Geld dafür vorgesehen war.«
Stanley sah blaß und erschöpft aus. Seine Stimme verriet Unmut, als er sagte: »Das war Vaters Idee, nicht meine. Nachdem er gestorben war, habe ich den Auftrag annulliert. Ich hatte den Eindruck, daß wir uns das nicht leisten könnten.«
»Du glaubst, daß wir uns zwei Leichen und zwei vaterlose Familien eher leisten können! Ich möchte, daß diese Ringe angebracht werden, und werde sofort einen Auftrag erteilen.«
Stanley versuchte einen entrüsteten Ton anzuschlagen. »Ich glaube nicht, daß du das Recht hast, eine Bestellung – «
»Verdammt! Du hast auf einem einzigen Gebiet mehr Rechte als ich. Du bist der einzige, der Wechsel unterschreiben darf. Diese Ringe werden bestellt. Und wir bezahlen jeder Familie tausend Dollar.«
»George, das ist blödsinnig.«
»Nicht, wenn wir weiterhin gute Arbeiter haben wollen. Nicht, wenn wir ruhig schlafen wollen. Du unterzeichnest die Wechsel, Stanley, oder ich komme mit hundert Mann und belagere dein Haus so lange, bis du es tust.«
»Verdammter Emporkömmling«, knurrte Stanley, aber er unterzeichnete.
Als er Maude mitteilte, daß man Schutzringe an den Schornsteinen anbringen würde, stellte er die Sache so dar, als ob das Ganze seine Idee gewesen sei.
Im November 1848 ging Zachary Taylor als Sieger aus der Präsidentenwahlkampagne hervor. Ungefähr gleichzeitig wurde Belvedere fertiggestellt, und George und Constance, die schwanger war, zogen in das neue Haus. Nicht lange danach kam William Hazard III zur Welt. Die beiden liebten ihr neues Zuhause. Constance möblierte erst das Kinderzimmer und stattete dann die übrigen Räume mit teuren, aber bequemen Möbeln aus, die dazu da waren, benützt und nicht bewundert zu werden. Im Gegensatz dazu betrachteten Stanley und Isabel ihr Haus als Museum.
George besprach jede wichtige Entscheidung mit Constance. Am Anfang wußte sie noch nichts über Eisen, aber sie war intelligent und praktisch und lernte schnell. Er gestand ihr, daß er wahrscheinlich des öfteren einen Mißerfolg haben würde, weil er oft zu rasch und unüberlegt handelte, besonders bei Problemen, bei denen er sich nicht auf seinen Instinkt verlassen konnte. Aber er glaubte, daß der Fortschritt nicht auf einem andern Weg zu erreichen sei, und sie teilte seine Meinung.
Das sich stetig erweiternde amerikanische Eisenbahnnetz brauchte bald alle Schienen auf, die das Walzwerk in 24 Stunden herstellen konnte – und dies trotz der schlechten Wirtschaftslage. Doch George mußte weiterhin um jeden Schritt, um jede wichtige Entscheidung mit seinem Bruder feilschen.
»Um Himmels willen, Stanley, wir befinden uns im Herzen einer wichtigen Kohleregion, aber du scheinst das nicht zu bemerken. Es ist fast hundertfünfzig Jahre her, seit die Darbys in England versucht haben, Eisen mit Koks zu schmelzen. Ist dies für dich immer noch zu neu?«
Stanley blickte George an, als ob dieser verrückt geworden wäre. »Holzkohle ist traditionell und sehr zufriedenstellend. Wozu sie aufgeben?«
»Weil die Bäume nicht ewig leben. Nicht, wenn wir weiterhin so abholzen.«
»Wir können Holzkohle verwenden, bis es keine mehr gibt, dann können wir experimentieren.«
»Aber Holzkohle ist schmutzig. Wenn sie dies bewirkt«, er wischte mit dem Zeigefinger über Stanleys Pult: sein Finger war schwarz, »was glaubst du, was geschieht, wenn wir den Staub und Ruß einatmen? Ich möchte, daß du zustimmst, daß wir ein Experiment – «
»Nein, ich werde nicht dafür bezahlen.«
»Stanley – «
»Nein. Du hast mich zu allem anderen gedrängt, aber da wirst du mich nicht herumkriegen.«
George wollte auch etwas Kapital in ein Verfahren investieren, mit dem die Garrard-Brüder in den 1830er Jahren in Cincinnati hochqualitativen Tiegelgußstahl hergestellt hatten. Cyrus McCormick war offensichtlich genug von dem Verfahren überzeugt gewesen, um damit die Sicheln für seine ersten Mähmaschinen herzustellen. Aber während der Regierung Jackson hatte eine Verringerung der Einfuhrabgaben dazu geführt, daß genug europäischer Stahl eingeführt wurde, um die Inlandnachfrage zu sättigen. Die noch in den Kinderschuhen steckende amerikanische Stahlindustrie war somit nicht zum Zug gekommen.
Amerika stellte gegenwärtig nur etwa zweitausend Tonnen harten Kohlestahl pro Jahr her. Mit der zunehmenden Expansion sah George jedoch eine wachsende Nachfrage und größere Absatzmärkte voraus. Das Problem war nicht die Stahlherstellung an und für sich – das Verfahren war seit Jahrhunderten bekannt –, sondern wie rasch man ihn herstellen konnte, damit die Produktion gewinnbringend wurde. Mit dem alten Verfahren dauerte es zehn Tage, bis eine kleine Menge hergestellt war. Die Garrard-Brüder hatten offensichtlich ein besseres Verfahren entdeckt. George gab also in der Koksfrage nach und sparte seine Energien für den Kampf, der ausbrechen mußte, wenn er Stanley vorschlug, das Garrard-Verfahren anzuwenden.