Zweifellos wurde Stanley von Isabel dazu angespornt, auf fast alle Vorschläge seines jüngeren Bruders mit nein zu reagieren. Dies geschah auch, als George seinen Investitionsvorschlag machte. Er wütete tagelang, und erst Constances Ankündigung, daß sie ihr zweites Kind erwartete, konnte seinen Zorn besänftigen.
Im Sommer 1849 erhielten Stanley und seine Frau Besuch von einem Herrn aus Middletown. Der Gast blieb über Nacht. George und Constance wurden nicht zum Abendessen eingeladen, Virgilia war in Philadelphia, und Maude war mit Billy nach New York gefahren. Offensichtlich wollten sie den Besuch geheimhalten.
Vom gesellschaftlichen Standpunkt aus gesehen war es George egal, aber er fragte sich, was wohl der Zweck des Besuchs sein mochte. Er hatte den großen, etwa fünfzigjährigen, würdigen Mann, der aus der Kutsche stieg und dann in Stanleys Haus verschwand, sofort erkannt. Simon Cameron war überall in Pennsylvania bekannt; er hatte im Lauf der Jahre mit Druckereien, Banken, Eisenbahnen und sogar mit Eisenwerken Geld gemacht.
George hatte jedoch das Gefühl, daß er aus ganz andern Gründen nach Lehigh Station gekommen war. Handelte es sich um politische Interessen? Als George später im Bett lag, seine Hand auf Constances Bauch, wurde ihm plötzlich eine Verknüpfung zwischen der Situation von Cameron und einer andern Tatsache klar.
»Um Gottes willen! Ich frage mich, ob er der Empfänger jener Schecks sein könnte?«
»Ich weiß nicht, wovon du redest, Liebling.«
»Ich hatte noch keine Zeit, es dir zu sagen, aber ich habe vor kurzem entdeckt, daß Stanley in den vergangenen drei Monaten Schecks im Betrag von je 500 Dollar ausgestellt hat. Ohne Namen – bar an den Empfänger. Vielleicht versucht er, Cameron wieder politisch auf die Beine zu helfen.«
»Du meinst, daß er in den Senat zurückkehren kann?«
»Möglich.«
»Als Demokrat?«
»Nein, das nicht. Er hat zu viele Leute verärgert, als er von der Parteilinie abgewichen ist. Der alte Jim Buchanan war besonders wütend. Andererseits wird man Cameron nicht los. indem man einfach nein sagt. Im Gegenteil, das spornt ihn geradezu an. Ich muß herausfinden, ob Stanley ihm Geld gibt, um eine neue Organisation aufzuziehen.«
Sie küßte ihn sanft auf die Wange. »All diese Streitereien mit Stanley machen dich vorschnell alt.«
»Und wie ergeht es dir mit Isabel?«
Sie wandte sich mit einem Achselzucken ab, das zu übertrieben war, um echt zu sein. »Sie läßt mich in Ruhe.«
»Ich erwarte nicht, daß du etwas anderes sagst, aber ich weiß, daß sie dich belästigt.«
»Ja«, sagte Constance. »Sie ist niederträchtig. Gott vergebe mir, aber ich wünsche mir, daß sie beide von der Erde verschluckt würden.« Sie kuschelte sich an ihn, die eine Hand auf seiner Brust, und weinte.
»Ja, ich gebe Cameron Geld«, gab Stanley am nächsten Morgen zu. Er fuchtelte vor seinem Gesicht herum. »Mußt du dieses verdammte Kraut auch hier drin rauchen?«
George paffte weiter an seiner Havanna. »Weich nicht vom Thema ab. Du gibst Geld der Gesellschaft aus, Geld, das im Geschäft bleiben sollte, schlimmer noch, du gibst es einem politischen Mietling.«
»Simon ist kein Mietling. Er hat seinen Dienst in Ehren geleistet.«
»Ach ja? Weshalb wollten die Demokraten ihn denn nicht mehr? Ich muß sagen, es überrascht mich keineswegs. Niemand weiß, wo er steht, oder welche Partei er unterstützt, es sei denn die Partei, die gerade emporstrebt. Wo steht er denn gegenwärtig? Aber du weißt sicher von nichts.«
Stanley hustete heftig, um zu zeigen, daß er mit dem Rauch gar nicht einverstanden war, und um Zeit für eine Antwort zu gewinnen. Draußen rannten Männer in schmutziger Kleidung den Hügel hinunter – die Nachtschicht. Ein kohlebeladener Güterzug knirschte in die andre Richtung.
»Simon baut eine staatliche Organisation auf«, sagte Stanley schließlich. »Er wird diejenigen, die ihm geholfen haben, nicht vergessen.«
»Stanley, der Mann ist ein Opportunist! Du kennst doch den Witz, den man sich über ihn erzählt? Camerons Definition eines ehrlichen Politikers: Einmal korrupt – immer korrupt. Möchtest du wirklich mit einem solchen Menschen etwas zu tun haben?«
Stanley blieb unerschütterlich. »Simon Cameron wird es in Pennsylvania zu Macht und Ansehen bringen. Und auch in der Nation. Er hatte nur einige vorübergehende Mißerfolge.«
»Nun, hilf ihm nicht, sie mit unserm Geld zu überwinden. Wenn du es trotzdem tust, werde ich Mutter in die Angelegenheit einweihen müssen. Bedauerlicherweise scheint dies der einzige Weg zu sein, dich vor dem Allerschlimmsten zu bewahren.«
Sein Bruder glühte und fand die Bemerkung überhaupt nicht lustig. George schüchterte ihn ein. Er biß sich auf die Lippen und sagte dann:
»Na gut. Ich werde deinen Einwand prüfen.«
»Danke«, schnappte George und ging hinaus. Er wußte, daß er gewonnen hatte. Er hatte eine Waffe verwendet, eine Drohung, die er früher nie gebraucht hatte. Er tat es ungern; nur ein Narr demütigte andere Menschen, denn ein gedemütigter Mensch schlug oft auf gemeinere Art und Weise zurück. Dieses Risiko war bei Stanley sehr groß. Aber George hatte hier keine andere Wahl.
Constance hat recht, dachte er, als er den Hügel zu den Hochöfen hinaufging. Die endlosen Wortgefechte laugten ihn aus. Heute morgen beim Rasieren hatte er mehrere graue Haare entdeckt. Und er war noch nicht einmal fünfundzwanzig!
Als Isabel vom letzten Streit erfuhr, explodierte sie.
»Willst du ihn damit durchkommen lassen, Stanley? Wenn der Senator wieder oben ist, wird er sich sicher an deine Großzügigkeit erinnern, und dann bekommst du die politische Stellung, die wir beide haben möchten. Es ist unsere Chance, endlich diesem kleinen, schmierigen Dorf zu entfliehen.«
Stanley sank in einen der Stühle, die im Schlafzimmer standen. Mit einer müden Bewegung löste er seine Krawatte. »Wenn ich nicht mit den Spenden aufhöre, wird George Mutter einweihen.«
Sie grinste hämisch. »Der kleine Junge sucht also Hilfe bei Muttern.«
»Ich kann ihn dafür nicht verurteilen. Solange ich die Finanzen verwalte, hat er keine andere Wahl.« Es sei denn, er ginge mit Fäusten auf mich los, dachte Stanley, und ein Angstschauer lief ihm den Rücken hinunter. George war temperamentvoll. Er hatte im Krieg gekämpft und kannte sich aus. Er konnte sich gut vorstellen, daß er seinen eigenen Bruder angreifen würde, und dieses Risiko wollte Stanley nicht eingehen.
Isabel stürmte wieder auf ihn ein. »Nun, du tätest gut daran, diesem verdammten Schuft keine Kontrolle über die Finanzen zu gewähren.«
»Nein, da werde ich nicht nachgeben«, versprach Stanley. Es ist mein letzter Rest Autorität.
»Und du wirst einen Weg finden, Cameron weiterhin Gelder zu schicken, nicht wahr?«
»Ja, Liebling. Das werde ich.« Stanley seufzte schwer. »Ich fürchte, daß ich meinen eigenen Bruder zu hassen beginne.«
»Oh, ich glaube nicht, daß du so weit gehen solltest«, entgegnete sie, aber im geheimen frohlockte sie.
Er errötete und verschwand hinter einem Wandschirm, um sein Hemd auszuziehen. »Ich weiß, ich meine es auch nicht immer so, bloß manchmal.«
»Das Problem, das zwischen dir und deinem Bruder steht, ist jene Götzendienerin, die er geheiratet hat.« Sie betrachtete sich in einem dekorativen Spiegel, aber sie sah bloß das schöne Gesicht der rothaarigen Herrin von Belvedere. »Diese papstgläubige Hexe! Es ist an der Zeit, daß sie mal von ihrem hohen Roß heruntersteigt.«