Выбрать главу

Im Haus nebenan war das Abendessen fast vorbei. Maude war nach draußen gegangen, um mit Billy einen Spaziergang zu machen. Virgilia war auf ihrem Zimmer. Isabel hatte den Zwillingen Laban und Levi ihren üblichen fünf Minuten dauernden Besuch abgestattet und war dann ins Wohnzimmer zurückgekehrt. Sie und Stanley waren jetzt allein. Sie wollte ihm eben von ihrem Triumph über Constance erzählen, als er wieder auf die Szene im Büro zu sprechen kam. Er hatte sie nach seiner Heimkehr kurz erwähnt und war dann in ein moroses Schweigen versunken. Maude hatte eine leichte Konversation geführt, aber das Thema vermieden.

»Mutter hat mich angeschaut, als ob ich der schlimmste Feigling wäre«, sagte er mit einem wehmütigen Gesichtsausdruck. »Ich komme nicht darüber hinweg.«

»Stanley, ich kann verstehen, daß dich das Ereignis aufgeregt hat, aber ich habe davon gehört. Ich wünschte, du ließest mich etwas sagen.«

Er warf ihr eine zerknüllte Serviette ins Gesicht. »Halt den Mund, du raubgierige Person. Bist du so dumm, daß du nicht siehst, was los ist? George bewirkt, daß Mutter sich gegen uns wendet. Als nächstes wird sie ihm die Kontrolle über die Finanzen übertragen. Und wo bist du dann mit deiner Verschwendungssucht?«

Er schrie so laut, daß das Gehänge am Kerzenleuchter zu klirren anfing. Isabel starrte sprachlos die Serviette an, die ihr ans Kinn und von dort in den leeren Teller geflogen war.

Erst wollte sie ihren Mann wegen seines ungehörigen Betragens zurechtweisen. Doch dann dachte sie rasch, daß er sie bloß anschrie, weil seine Mutter ihn getadelt hatte. Und zu Recht. Stanley war ein Feigling. Es machte nichts, solange er die Autorität in der Familie beibehielt.

Sie überzeugte sich selbst bald davon, daß George der eigentlich Schuldige war. Der streberische, arrogante kleine George. George hatte Stanley in einen solchen Zustand versetzt, daß er sich weigerte, ihren Bericht anzuhören. Natürlich war sie höchst befriedigt zu wissen, daß Constance sich unglücklich fühlte. Aber auch diese Gewißheit wurde einen Augenblick später in Frage gestellt. Von der Wiese beim Belvedere her hörte man fröhliche Stimmen. Isabel trat ans Fenster und sah, wie George und Constance auf dem Rasen in der Dämmerung eine Krocketpartie spielten. Sie lachten und neckten einander wie Kinder.

Stanley redete mit Isabel. Sie ignorierte ihn. Sie starrte auf Maude, die in der Loggia saß und den kleinen William auf ihren Knien hielt. Der kleine Billy lungerte in der Nähe herum. Isabel kochte vor Wut. Maude kümmerte sich nie in dieser Art um ihre Zwillinge.

Constance sah glücklich aus. Glücklich. Ihre Kraft hatte die Niederlage offensichtlich überwunden. Und Isabel war jetzt mehr als klar, daß Constance und ihr Mann alles versuchten, um Maude auf ihre Seite zu bringen. Von diesem Augenblick an haßte Isabel die beiden noch leidenschaftlicher als vorher.

»Wieder ein Zug entgleist«, sagte Constance. »Vier Leute sind dabei ums Leben gekommen. Das ist der dritte Eisenbahnunfall in diesem Monat.« Sie schüttelte den Kopf und faltete die Zeitung zusammen.

George studierte weiterhin die Baupläne, die er auf dem Tisch in der Bibliothek ausgebreitet hatte. Ohne aufzublicken sagte er: »Je mehr Schienenwalzwerke gebaut werden und je mehr Züge es gibt, desto größer sind die Chancen für einen Unfall.«

»Die Erklärung ist sicher zu simpel. Ich habe wiederholt gelesen, daß die Hälfte der Unfälle – oder mehr – verhindert werden könnte.«

»Nun, das mag sein. Es gibt menschliches Versagen, es wird schlechtes Material verwendet. Es wäre gut, wenn die Eisenbahnen sich endlich auf eine Norm einigen könnten.«

Er stand auf, streckte sich und rückte dann sorgfältig den Gegenstand auf dem Tisch zurecht, als ob es sich um eine kostbare Antiquität handelte. Es war jedoch nichts anderes als das Stück Eisenmeteorit, das er in der Nähe von West Point gefunden hatte. Er hütete es wie einen Schatz, weil es, wie er sagte, ein Symbol für die Bedeutung seiner Arbeit war. Sie bemerkte, daß er den Meteoriten kaum einen Millimeter verschoben hatte, und lächelte.

Er ging zu ihrem Stuhl hinüber und gab ihr einen Kuß auf die Stirn. »Wie Orry sagen würde, ich glaube, daß der Fortschritt immer seinen Preis hat.«

»Du hast schon lange keinen Brief mehr von Orry bekommen.«

»Sechs Wochen.« George schlenderte zum Fenster. Die Lichter des Orts schimmerten durch die ersten fallenden Schneeflocken. »Ich habe ihm geschrieben und ihm gesagt, er solle nächsten Sommer alle Mains nach Newport mitbringen.«

Im Oktober hatten George und Stanley die Insel in der Narragansett-Bucht aufgesucht und ein großes, weitläufiges Haus mit zehn Hektar Boden in Bath Road gekauft, nicht weit vom Strand. Ein Architekt aus Providence hatte die Pläne für einen großzügigen Umbau des Hauses unterbreitet, und dies waren die Pläne, die sich George eben angeschaut hatte. Der Architekt hatte versprochen, daß der Umbau bis zum Sommer 1850 fertig sein sollte.

»Und seither hast du nichts mehr von ihm gehört?«

»Nein.«

»Stimmt etwas nicht?«

»Wenn, so weiß ich es nicht.«

»Newport ist ein Ferienort der Nordstaatler. Glaubst du, daß er die Einladung annehmen wird?«

»Ich sehe keinen Grund, weshalb er das nicht sollte. Die Leute aus South Carolina gehen im Sommer immer noch scharenweise dorthin.«

Er war nicht ganz aufrichtig mit seiner Frau. Die seltenen Briefe von Orry, die oberflächlich lustig waren, wiesen einen merkwürdig bitteren Unterton auf. George fiel dies auf, weil er Orry früher als einen fröhlichen Menschen gekannt hatte. Orry hatte in seinen Briefen mehrere Male von seinem ›ewigen Junggesellenleben‹ gesprochen. Nur ab und zu beantwortete er die vorsichtigen Fragen von George bezüglich M. Manchmal hüpfte er unerwartet von einer harmlosen Nachricht auf ein Thema, das bloß als Protest gegen die Bewegungen des Nordens zur Bekämpfung der Sklaverei bezeichnet werden konnte. Er war ein Widersacher jener politischen Gruppierungen, die erreichen wollten, daß in jedem neuen Bundesstaat und in jedem neuen Territorium die Sklaverei automatisch verboten sein sollte. Er übte auch scharfe Kritik an der Wilmot-Klausel. Offenbar würde der Süden noch lange einen Groll darüber hegen.

Obwohl also George seinen Freund gerne wiedergesehen hätte, schreckte etwas in ihm vor einer neuen Begegnung zurück.

Mitte Dezember erhielt er die Nachricht, daß eine solche Begegnung nun doch stattfinden würde. Der Brief erreichte ihn an einem eiskalten Tag. In der Nacht kroch George neben seine hochschwangere Frau ins Bett und begann wie immer damit, die Ereignisse des Tags träge zu besprechen.

»Orry hat einen Brief geschrieben.«

»Endlich! Ist er erfreulich?« Sie atmete schwer beim Sprechen, aber es fiel ihm nicht weiter auf, weshalb.

»Nicht besonders. Aber er sagte, er würde uns im Sommer einen Besuch abstatten und so viele der andern Mains mitbringen, wie er überzeugen könne.«

»Das ist – ausgezeichnet«, keuchte Constance. »Aber ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt eine Einladung an Dr. Hopple ergehen läßt.«

»Was? Ist es soweit? Jetzt? Mein Gott, deshalb bist du so außer Atem.«

Er sprang aus dem Bett und stellte in der Hast einen Fuß in den Nachttopf, der Gott sei Dank leer war. Trotzdem verlor George das Gleichgewicht und fiel auf den Rücken. »Au!«

»Um Himmels willen«, sagte sie und versuchte aufzustehen. »Wenn du so weiter machst, werden wir nie mehr Kinder haben.«