In der Morgendämmerung kam Patricia Flynn Hazard ohne weitere Schwierigkeiten zur Welt. George erhielt die Nachricht, als er in der Bibliothek war, wo er schläfrig lächelte und seinen bandagierten Fuß rieb.
Billy, der jetzt vierzehn war und mit jedem Tag größer wurde, kam über Weihnachten aus dem Internat nach Hause. Er war sehr von seiner neuen Nichte beeindruckt und verbrachte die meiste Zeit in Belvedere, obwohl er seine Sachen bei Stanley hatte.
Billy fühlte sich erwachsen und unabhängig. Er neckte seine Mutter oft damit, daß er nach Kalifornien auf die Goldfelder gehen würde. Die halbe Nation war dem Goldrausch erlegen, weshalb sollte er nicht auch Gold suchen?
»Weil du das Geld nicht brauchst, junger Mann«, sagte Maude ihm einmal beim Mittagessen.
»Doch, ich hab’ ja keins für mich.« Doch er war des Spiels müde, lief zu ihr hinüber und umarmte sie. »Ich bin eigentlich nicht darauf aus, nach Gold zu graben.«
»Was möchtest du denn?«
»Ich möchte wieder etwas über die Schlacht von Churubusco hören.«
Billy wurde nie müde, sich die Geschichte anzuhören. George landete dabei unweigerlich bei einer langwierigen Beschreibung seiner Tage in West Point. Er wärmte gern die alten Erinnerungen am Kaminfeuer auf, und es war auch eine gute Gelegenheit, seinen jüngeren Bruder für eine Extrastunde von Stanley und Isabel fernzuhalten. Seit dem Ereignis mit Brovnic hatte Stanley ein mürrisches Wesen entwickelt. Isabel war immer noch dasselbe böse Weib, das sie immer gewesen war. George glaubte, daß die beiden einen schlechten Einfluß auf Billy ausübten, und er war froh, daß Billy die meiste Zeit des Jahres im Internat verbrachte.
»Ich glaube, Orry ist ein feiner Mensch«, sagte Billy, nachdem George wieder einmal einen Monolog über die Akademie gehalten hatte.
»Das ist er. Er ist auch mein bester Freund. Ich hoffe, daß du ihn nächsten Sommer kennenlernen wirst.«
»Schlägt er seine Nigger?«
»Warum? Nein, ich glaube nicht.«
»Aber er hat Sklaven?« Billy mißbilligte das offensichtlich. George runzelte die Stirn und griff nach der Weinkaraffe; offenbar war dem Thema nicht auszuweichen.
»Ja, er hat einige wenige Sklaven.«
»Dann ändere ich meine Meinung. Dann glaube ich nicht, daß er ein so guter Mensch ist, wie du sagst.«
George unterdrückte seinen Ärger. »Wohl eher deswegen, weil du beinahe fünfzehn bist. Keiner in deinem Alter ist je mit Erwachsenen einverstanden.«
»O doch«, gab Billy so schnell zurück, daß George in Lachen ausbrechen mußte.
Billy verstand den Scherz nicht. Er fuhr hartnäckig fort: »Ich bin mit all dem, was du über West Point sagst, einverstanden. Es muß ein herrlicher Ort sein.«
George nippte an seinem Wein und hörte auf die vertrauten Geräusche des Hauses. Familien sollten eine Tradition haben, und er hatte sich jetzt eben eine herrliche Tradition vorgestellt. Er wollte dies jedoch einem halsstarrigen Jüngling nicht so direkt mitteilen. Sonst wäre es für Billy zu einfach, nein zu sagen. Er umkreiste das Thema.
»Oh, es gab harte Zeiten, aber man fühlte sich mehr als Mann, wenn man sie überlebte. Es gab auch herrliche Zeiten, und ich habe einige gute Freunde gewonnen. Tom Jackson zum Beispiel – er unterrichtet an einer Militärschule in Virginia, und George Pickett. Gute Freunde«, murmelte er und blickte auf eine kurze Zeitspanne von Jahren zurück, die ihm allerdings sehr viel länger vorkam. »Und es steht ohne Zweifel fest, daß West Point die beste wissenschaftliche Ausbildung von ganz Amerika vermittelt.«
Billy grinste. »Ich bin mehr daran interessiert, in Schlachten zu kämpfen.«
George dachte an das Blutvergießen von Churubusco und daran, daß Orry seinen Arm verloren hatte. Dann begreifst du nicht, wie eine Schlacht wirklich ist. Er lächelte, behielt aber den Gedanken für sich. Er überließ es Billy, die Frage zu stellen, was dieser auch einen Augenblick später etwas zögernd tat:
»Weißt du, George, ich wollte dich eigentlich fragen, welche Chancen ich hätte – «
George zeigte nicht, wie erfreut er war. »Chancen wozu?«
Billys Blick verriet die Bewunderung, die er für seinen älteren Bruder hegte. »Um so wie du die Akademie zu absolvieren.«
»Glaubst du, das würde dir gefallen?«
»Ja, sehr.«
»Großartig.«
Das Soldatenleben war ein hartes und manchmal verdammt abstoßendes Geschäft. Der Krieg hatte ihm jede Illusion geraubt: Er hatte es ekelerregend und unmenschlich gefunden und war auch jetzt noch dieser Meinung. Trotzdem konnte Billy in dieser Zeit und in diesem Land nichts Besseres tun, als sein Erwachsenendasein mit einer Ausbildung in West Point zu beginnen. George erinnerte sich, früher anders darüber gedacht zu haben. Die Tatsache, daß er nun zu dieser Überzeugung gelangt war, zeigte ihm auf überraschende Art und Weise, wie stark er selbst sich inzwischen verändert hatte.
»Es gibt natürlich immer sehr viele Bewerber, und die Aufnahmebedingungen sind hart«, sagte er, »aber du würdest ja erst in, sagen wir, drei Jahren eintreten können. Du wärst siebzehn, wenn du dich für die ›sechsundfünfziger‹ Klasse einschreiben würdest. Ideal. Ich muß mal prüfen, ob für unsern Distrikt noch ein Freiplatz vorhanden ist. Ich werde das gleich erledigen.«
Und das tat er auch.
20
Gegen Ende des Jahres 1849 ging unter den Leuten am Ashley das Gerücht um, daß Orry Mains Bart mit jedem Monat etwas länger, er selbst jedoch immer wortkarger werde.
Orry wollte eigentlich nicht kurz angebunden sein, er wollte sich bloß kurz fassen. Ihm gingen ständig tausend Dinge durch den Kopf, die sorgfältiger Planung bedurften: Familienangelegenheiten, die Leitung der Plantage. Dazu kam, daß er mindestens einmal pro Woche in irgendeiner Krisensituation eingreifen mußte. Kurz: Er hatte sehr wenig Zeit und ging im Gespräch mit andern Menschen äußerst sparsam damit um.
Wenn die lieben Nachbarn und Bekannten ihm dies als Verdrossenheit ankreiden wollten – bitte schön. Der praktische Nutzen war auf jeden Fall nicht zu unterschätzen: Die Leute erwarteten nicht mehr, daß er über sein Privatleben redete, und bedrängten ihn auch nicht mehr mit Fragen zu einem Thema, das ihm besonders lästig geworden war.
Mit einer Ausnahme – sein Vater.
Tillet war jetzt beinahe fünfundfünfzig, gichtgeplagt und streitsüchtig. »Verdammt noch mal, Junge, du wärst eine gute Partie«, sagte er eines Abends in der Bibliothek. »Weshalb weigerst du dich, eine Frau zu suchen?«
Der Dezemberregen prasselte an die Fensterscheiben. Orry stieß einen Seufzer aus und legte seine Schreibfeder nieder. Er war eben dabei gewesen, die Jahresbilanz zu überprüfen. Seit es mit Tillets Gesundheit bergab ging, war Salem Jones für die Buchhaltung verantwortlich. In der Bilanz war die Anzahl Reisfässer aufgeführt, die jedesmal nach Charleston geschickt wurden.
Orry hatte nach der Ernte zufällig einen Blick auf die laufende Rechnung geworfen. Irgendwie stimmten die Zahlen nicht mit seinem Gefühl überein. Auch nicht mit der Anzahl Fässer, die die Plantage verlassen hatten, und schon gar nicht mit der Zahl derjenigen, die auf dem Pier gestapelt waren, wie er sich erinnerte. Schon seit Wochen hatte er sich eine Notiz machen wollen. Das tat er jetzt, bevor er sich seinem Vater zuwandte.
»Darf ich erfahren, was dich bewogen hat, diese Frage, die meines Erachtens längst zur Zufriedenheit aller beantwortet ist, erneut zu stellen?«
»Deine Mutter mag mit der Antwort zufrieden sein, ich nicht.«
Tillet fuchtelte in seinem Stuhl mit Coopers letztem Brief herum. »Dein Bruder führt eine Menge heiratsfähiger Damen zu all diesen Weihnachtsbällen und Veranstaltungen und macht ihnen den Hof. Klar, hätte er jemals ernste Absichten, so würde ihn der Vater des Mädchens wahrscheinlich zum Teufel schicken, weil er immer noch diese komischen Ideen hat. Aber das ist mir ja eigentlich alles egal; ich erwähne deinen Bruder lediglich als Beispiel. Du solltest auch – «