Выбрать главу

Tillet stöhnte und umklammerte sein ausgestrecktes Bein. Dann fuhr er fort: »Du solltest heiraten und eine Familie gründen.«

Orry schüttelte den Kopf. »Zu beschäftigt.«

»Aber du fühlst dich doch sicher einsam? Ein kräftiger Mann in deinem Alter braucht doch – «

Orry lächelte, worauf sein Vater innehielt. Er sah erleichtert aus. Orry sagte: »Darum kümmere ich mich schon, mach dir keine Sorgen.«

Tillet verzog das Gesicht. »Ja, das habe ich bereits von mehreren Herren der Nachbarschaft vernommen. Aber Frauen dieser Art – ob gewöhnliche oder solche mit einem Tropfen Negerblut – sind nur für etwas zu gebrauchen, heiraten kannst du sie nicht.«

»Will ich auch nicht. Wie ich bereits wiederholt gesagt habe«, er berührte seinen mit einer Nadel befestigten Ärmel mit der Schreibfeder, »betrachte ich mich nicht mehr als heiratsfähig. Und nun möchte ich arbeiten. Ich habe einige merkwürdige Unstimmigkeiten festgestellt, die schon mehr als zweieinhalb Jahre zurückliegen.«

Tillet zuckte die Achseln – seine Art von Einverständnis. Sein Sohn war etwas barsch gewesen, als er sagte, daß er nicht heiratsfähig sei. Tillet hatte die Entschuldigung schon oft gehört, und so ungern er es auch zugeben mochte, etwas Wahres schien dran zu sein. Er wußte, was die Leute am Ashley von Orry dachten. Sie dachten, daß seit dem Krieg etwas mit seinem Kopf nicht mehr ganz in Ordnung war.

Es gab genügend Beweise für diese Behauptung. Die Art und Weise, in der Orry seinen Pflichten in Mont Royal nachging, als ob er sich beweisen müsse, daß er trotz seiner Kriegsverletzung nicht weniger als andere wert sei. Seine Kleider, die für das Klima und die Atmosphäre immer etwas zu schwer und zu düster waren. Seine schroffe Art. Der verdammte Bart, der so lang und dicht war, daß Kohlmeisen darin nisten konnten.

Einmal war Tillet, mit der Kutsche aus Charleston kommend, Orry im Torweg begegnet, als dieser eben wegritt, um etwas zu erledigen. Drei Gärtner, die Unkraut jäteten, hatten Orry angestarrt, als er an ihnen vorbeigaloppierte; die Sklaven hatten einander Blicke zugeworfen, einer hatte den Kopf geschüttelt, und einen andern schauderte es. Tillet hatte dies alles beobachtet und war traurig geworden. Sein Sohn war den andern fremd, ja unheimlich geworden.

Natürlich durfte man nicht übertreiben. Auch wenn Orry eigenartig geworden war, fand Tillet doch mehr Gefallen an ihm als an Cooper.

Cooper kümmerte sich mit Feuereifer um die kleine Schiffsgesellschaft – nicht ohne Erfolg, aber er vertrat weiterhin beleidigende, um nicht zu sagen verräterische Ansichten.

Man hatte in letzter Zeit viel über verschiedene Resolutionen lesen können, die der alte Henry Clay zu Beginn des nächsten Jahres dem Senat vorlegen wollte. Clay hoffte, ein weiteres Auseinanderdriften zwischen Nord und Süd vermeiden zu können. Die dreißig Staaten starke Union befand sich in einem labilen Gleichgewicht: Fünfzehn waren Anhänger und fünfzehn Gegner der Sklaverei. Clay wollte beiden Seiten entgegenkommen. Er schlug vor, den neuen Staat Kalifornien dem Norden anzugliedern, das heißt, die Sklaverei dort zu verbieten. Als Gegenleistung würde man dem Süden zusichern, den zwischenstaatlichen Sklavenhandel nicht zu beeinträchtigen und schärfere Gesetze gegen die Sklavenflucht zu erlassen.

Hätte man Tillet gefragt, was er dem Norden am meisten vorwerfe, dann hätte er spontan das Problem der Sklavenflucht genannt. Der vierte Verfassungsartikel besagte ausdrücklich, daß ein Mann ein Recht auf seinen davongelaufenen Sklaven hatte. Er besagte ebenfalls, daß dieses Gesetz auch für Staaten, die keine Sklaverei betrieben, gültig sei. Dieses Gesetz, der Fugitive Slave Act von 1793, war eine Ausführungsbestimmung zur Verfassung gewesen, und seither hatten die selbstgerechten Heuchler im Norden immer wieder Mittel und Wege gefunden, das Gesetz zu verwässern oder ganz zu umgehen.

Tillet war gegen Clays Kompromißlösung, wie auch die meisten Politiker des Südens, einschließlich die Senatoren Jeff Davis und John Calhoun. Der berühmte und einflußreiche Senator Webster stand hingegen auf Clays Seite, doch hatte er mehrere scharfe Gegner der Sklaverei gegen sich. Für einmal war Tillet diesem Völkchen dankbar.

Cooper war der Ansicht, daß die heiß diskutierte Kompromißlösung sowohl vernünftig als auch dringend notwendig war. Tillet meinte, daß es dringend notwendig sei, Cooper eine Tracht Prügel zu verabreichen.

Während Tillet seinen Gedanken nachhing, sinnierte Orry über die Bemerkung seines Vaters, die Leute in der Nachbarschaft wüßten, daß er Frauen besuche. Dies freute ihn außerordentlich, denn es bedeutete, daß sein Plan funktionierte. Im Lauf des vergangenen Jahres hatte er sich mehrere Mätressen genommen, die letzte eine Mulattin, eine Näherin, der er auf dem Weg nach Charleston begegnet war. Er gab sich Mühe, seinen Umgang diskret, aber nicht geheimzuhalten.

Die Frauen gaben ihm das, was Madeline aufgrund ihrer Vereinbarung nicht geben konnte. Obwohl Tillet anderer Meinung war, hätte Orry sich niemals auf diese Affären eingelassen, nur um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Er besuchte verschiedene Frauen, damit es den Leuten auffiel und sie nicht dazu verleitete, zwischen seiner gelegentlichen und unvorhergesehenen Abwesenheit von Mont Royal und Madelines gleichzeitiger Abwesenheit von Resolute eine Verbindung herzustellen. Sosehr er sie regelmäßig sehen wollte, so sehr war ihm daran gelegen, jeglichen Verdacht von ihr fernzuhalten.

Hocherfreut darüber, daß das Täuschungsmanöver erfolgreich war, wandte sich Orry wieder der Bilanz zu. Er war auf etwas gestoßen, das offensichtlich zum Himmel stank, und beschäftigte sich während der nächsten halben Stunde damit, während Tillet in einen genüßlichen Traum hineindöste, in dem Senator Seward vom Pöbel gesteinigt wurde.

Tillet fuhr auf: ein Knall wie von einer Pistole. Orry hatte das Hauptbuch heftig zugeklappt und war ruckartig aufgestanden.

Tillet rieb sich die Augen: »Was ist los?«

»Eine Menge. Wir haben einen Dieb ernährt. Er hat dein Vertrauen und deine Güte mit Betrug vergolten. Ich habe den Schurken nie gemocht und werde ihn jetzt sofort vor die Tür setzen.«

»Wen?« fragte Tillet schläfrig und verwirrt.

Orry drehte sich an der Tür um. »Jones.«

»Aber – ich habe ihn eingestellt, du kannst ihn doch nicht einfach rausschmeißen.«

»Ich erlaube mir, eine andere Meinung zu haben«, sagte Orry mit so harter und leiser Stimme, daß der alte Mann ihn wegen des Regens kaum hören konnte. »Ich leite jetzt diese Plantage, und du wirst mit meinem Entscheid einverstanden sein, wenn ich dir den Beweis vorlege. Aber auch wenn du nicht einverstanden sein solltest: Jones hat verspielt.«

Orry starrte seinen Vater an; nicht wütend, aber eindringlich. Bart, Augen, die große, hagere Gestalt, der leere Ärmel – all dies machte auf Tillet plötzlich einen merkwürdigen Eindruck. Er hatte das Gefühl, daß er mit einem Fremden, und dazu noch mit einem furchteinflößenden, redete.

»Wie du meinst«, murmelte er. Sein Sohn nickte kurz und heftig und ging hinaus.

Das Hauptbuch unter dem Arm schritt Orry mit wehendem Mantel zum Haus des Aufsehers. Regentropfen verfingen sich in Haar und Bart. Er machte weitausholende, entschlossene Schritte und war so auf seine Sache konzentriert, daß er nicht bemerkte, wie Vetter Charles bei der dunklen Tür einer Sklavenhütte herumlungerte.

Jones schlief. Orry weckte ihn mit lauter Stimme und stellte ihn dann in der Küche seines makellos sauberen Hauses zur Rede. Der überraschende Besuch machte den Aufseher nervös: Schweißperlen glitzerten auf seinem kahlen Kopf, und dunkle Ringe zeichneten sich auf seinem Nachthemd ab. Jones hatte seine Reitpeitsche und seinen Knüppel dabei; er trennte sich also offensichtlich auch bei Nacht nicht von ihnen.