»Ein einfacher Plan, nicht wahr?« sagte Orry und knallte das schwere Hauptbuch auf den Küchentisch. Panik flackerte in Jones’ Augen. »Sie haben bei jeder Schiffsladung etwa ein Dutzend Fässer weniger aufgeschrieben, als in Tat und Wahrheit verladen wurden. Unsere Abnehmer bezahlen jedoch für die Zahl der tatsächlich gelieferten Reisfässer. Da Sie auch hierüber Buch führten, mußten Sie lediglich diese Summe der Zahl der verbuchten Fässer anpassen und konnten dann den Rest in die eigene Tasche stecken. Als ich das letzte Mal in Charleston war, habe ich mir die Bücher unserer Abnehmer angesehen. Aus ihnen geht eindeutig hervor, daß uns immer mehr bezahlt wurde, als Sie verbucht haben.«
Jones schluckte leer und preßte den Knüppel gegen seinen Fettwanst, als ob er urplötzlich Schmerzen hätte. »Sie können nicht beweisen, daß ich für den Unterschied verantwortlich bin.«
»Vor Gericht vielleicht nicht, aber ich glaube, daß der Fall ziemlich klarliegt. Bis ich aus Mexiko zurückgekommen bin, haben nur Sie und mein Vater diese Bücher geführt; bedauerlicherweise hat die Gesundheit meines Vaters nachgelassen, und er ist etwas vertrauensselig geworden. Doch ich nehme kaum an, daß mein Vater sich selber betrügen würde.«
»Sie können sagen, was Sie wollen, Sie werden niemals einen Beweis…«
»Was quasseln Sie da von Beweisen. Ich brauche keinen gerichtlichen Entscheid, um Sie zu entlassen. Und mein Entschluß steht fest.«
»Das ist ungerecht«, schrie Jones. »Ich habe alles für diese Plantage gegeben.«
Orrys Gesicht sah im Licht der Lampe häßlich aus. Seine Augen blitzten. »Sie haben auch viel genommen.«
»Ich bin nicht mehr jung, Mr. Main. Bitte, geben Sie mir noch eine Chance …«
»Nein.«
»Ich brauche mindestens«, Jones legte den Knüppel beiseite, »eine Woche, um meine Sachen zu packen.«
»Sie werden dieses Haus bei Tagesanbruch verlassen haben. Ich werde Befehl erteilen, daß alles, was bis morgen früh noch rumsteht, verbrannt wird.«
»Hol Sie der Teufel«, schrie Jones. Der Schatten des erhobenen Knüppels fiel erst auf die Wand, dann auf die Decke, doch bevor er auf Orrys Stirn niedersausen konnte, machte dieser eine leichte Drehung, um seinen rechten Arm besser gebrauchen zu können. Er packte Jones am Handgelenk.
»Ich bin kein Sklave, Mr. Jones. Wenn Sie noch einmal die Stimme oder die Hand gegen mich erheben, werde ich dafür sorgen, daß Sie die Plantage auf einer Tragbahre verlassen.«
Zitternd vor Wut entriß er Jones den Knüppel und klemmte ihn unter die Achsel. Dann griff er behend nach dem Hauptbuch und schritt zur Tür. Er nahm kaum Notiz von Vetter Charles, der draußen in beinahe andächtiger Haltung neben einer Säule stand.
»Was ist los?« fragte Charles. »Hat Jones etwas verbrochen?«
Es nieselte. Orry marschierte an ihm vorbei, und seine schroffe Antwort wurde vom schweren Stiefelschritt übertönt. Vetter Charles glaubte, daß Orry es nicht für nötig befunden hatte, ihm eine Antwort zu geben. Seine Aufregung wandelte sich in Verstimmung.
Vetter Charles lag nackt neben Semiramis. Ihr weicher, warmer Körper strahlte noch einen schwachen Schweißgeruch vom eben vollzogenen Geschlechtsverkehr aus.
Das Mädchen hörte in der Dunkelheit plötzlich dumpfe Laute. Tonk, tonk. Vor jedem Schlag machte Vetter Charles eine heftige Körperbewegung. Immer wieder stieß er sein Jagdmesser in die Holzplanke neben dem Strohsack.
Jedesmal, wenn er wütend war, spielte er mit dem großen Messer herum. Aber er war sicher nicht auf sie wütend, denn ihre Körper hatten sich wie immer lustvoll vereinigt – obwohl, wenn sie sich das jetzt so überlegte, er ungewöhnlich heftig in sie eingedrungen war.
Semiramis räkelte sich, fühlte sich jedoch nicht schläfrig. Charles bearbeitete weiterhin die Wand mit seinem Messer. Es war jetzt etwa eine Stunde her, seitdem er zu ihr hereingeschlichen war, um ihr zu sagen, daß er Mr. Orry begegnet war. Die Nachricht von Salem Jones’ Entlassung breitete sich wie ein Lauffeuer in der Sklavensiedlung aus. Das Haus des Aufsehers war hell erleuchtet; er war am Packen. Aus der kühlen Dunkelheit konnte Semiramis Lachen und frohe Stimmen hören. Man war immer noch auf den Beinen und freute sich. Die ganze Sklavensiedlung würde in den nächsten Wochen von einer heiteren Stimmung erfüllt sein.
Die Nachricht von Jones’ Entlassung hatte auch Semiramis in Freude versetzt. Als sich der stramme vierzehnjährige Bursche auf sie gelegt hatte, war sie in einer herrlich gelösten Stimmung gewesen. Charles befriedigte sie zwar immer, doch heute abend wurde ihre Lust noch durch Jones und dadurch, daß Charles zu ihr zurückgekommen war, gesteigert. Sie war die erste gewesen, die ihm gezeigt hatte, was Frauen und Männer zusammen tun, und egal mit wie vielen weißen Mädchen er auch herumspielen mochte, er kam doch immer wieder zu ihr zurück. Sie hatte gehört, daß er sich jüngst mit einem der Smith-Mädchen eingelassen hatte. Sue Marie Smith hieß sie. Hübsch, doch zu höflich für einen solch ungestümen jungen Freier.
Tonk. Die Wand vibrierte. Sie ergriff seine freie Hand und legte sie auf ihr Geschlecht. Er zog sie mit einer heftigen Bewegung zurück.
»Gott im Himmel«, sagte sie mit einem etwas erzwungenen Lachen. »Auf wen bist du denn so wütend?«
»Auf Orry. Er sieht durch mich hindurch, als ob ich ein Fenster wäre. Er weiß gar nicht, daß es mich gibt. Oder es ist ihm egal.«
Tonk.
»Hm. Du mußt ihn ebenso sehr haßen, wie ich seinen Vater dafür hasse, daß er meinen Bruder wie einen Hühnerdieb behandelt hat. Ich fürchte, ich habe mich in Orry geirrt.«
»Was meinst du?«
»Ich glaubte eigentlich, daß du ihn magst.«
Vetter Charles schnaubte verächtlich. »Würdest du jemanden mögen, der glaubt, daß du nichts wert bist, daß du Dreck bist?«
Hunderte von weißen Gesichtern gingen ihr plötzlich durch den Kopf. »O nein, mein Lieber, bestimmt nicht.«
»Dann erwarte das auch nicht von mir.«
Tonk. Diesmal schlug er so hart zu, daß die Klinge summte.
»Ich glaube, du hast dich darüber gefreut, Jones zu entlassen«, sagte Madeline, als sie Orry das nächste Mal bei der Kapelle traf.
»Der Hund! Ich hab’ das nicht eingefädelt, das weißt du.«
»Reg dich nicht so auf, Liebling. Natürlich nicht. Aber ich weiß, was ich meine.«
Sie legte ihm ihre kühle Hand auf die Wange. »Ich kenne dich jetzt. Du hast jetzt schon zuviel Arbeit, aber du nimmst immer noch mehr auf dich. Man hätte Jones in einer Woche oder in einem Monat entlassen können, aber du wolltest unbedingt seine Arbeit auch noch übernehmen, und zwar sofort.« Sie küßte ihn sanft. »Du siehst erschöpft aus. Du bist nicht unverwüstlich, weißt du.«
Er hatte das Gefühl, daß sie mitten in ihn hineinsah, dorthin, wo er die Gefühle und Gedanken verbarg, deren er sich schämte. Ihr Scharfblick ärgerte ihn, aber er konnte ihr wie immer nicht lange böse sein. Vielleicht – die Erkenntnis kam plötzlich – vielleicht war Liebe dann am echtesten, am tiefsten, wenn man einander ins Herz blicken konnte, ohne vor dem zu erschrecken, was man dort sah.
Er lächelte müde. »Ich glaube, du hast mein Geheimnis entdeckt. Harte Arbeit und unsere Treffen sind das einzige, das mich am Leben erhält.«
Obwohl er lächelte, bemerkte sie den Schmerz in seinen Augen. Sie war sich seiner verzweifelten Wahrheit bewußt. Sie hielt ihn eng umschlungen und schwieg.
21
Am 29. Januar 1850 unterbreitete Senator Clay dem Kongreß seine acht Gesetzesentwürfe.
Man hatte sich in Resolute bereits heftig damit auseinandergesetzt. Zwei von Justins Onkeln, beide wohlhabende Geschäftsleute aus Columbia, wurden von den südlicheren LaMottes geächtet, weil die beiden einmal an Justins Tisch gesagt hatten, daß der Süden sich nicht so sehr gegen Kompromisse sträuben solle. Besonders nicht, da der Norden immer mächtiger wurde und nur noch 90 von 234 Kongreßmitgliedern die Sklavenstaaten vertraten.