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Tagelang hatte Justin wegen der ketzerischen Äußerungen seiner Onkel gewütet. Er konnte es nicht ausstehen, wenn jemand eine Meinung vertrat, die dem traditionellen Denken – seinem Denken – zuwiderlief. Dies war einer der Gründe dafür, daß Madeline oft daran dachte, wegzugehen.

Es gab jedoch mehrere Dinge, die sie davon abhielten. Sie war immer noch der Ansicht, daß ein solcher Schritt unmoralisch wäre. Abgesehen davon müßte sie allein fliehen, denn sie konnte von Orry nicht verlangen, daß er ihre Schande teilen würde. Das würde jedoch bedeuten, daß sie ihn nie wiedersähe. So konnte sie ihn wenigstens fast jede Woche sehen.

Ein weiterer, beinahe ebenso zwingender Grund, der gegen eine Flucht sprach, hatte sich im Lauf der letzten zwei Jahre herauskristallisiert. Als Madeline nach Resolute gekommen war, war ihr das Landleben noch völlig fremd gewesen. Die auf einer Plantage herrschenden Sitten und Gebräuche waren ihr unbekannt, doch sie war entschlossen, sie zu meistern. Obwohl es nicht lange dauerte, bis ihr die Augen über ihre Heirat aufgingen, minderte dies ihre Entschlossenheit nicht. Im Gegenteil, sie nahm sogar zu, denn es wurde ihr bald klar, daß ein mäßigender Einfluß in Resolute wichtig war. Jemand mußte so gut wie möglich die Interessen der Schwarzen vertreten und ihr unerträgliches Los etwas lindern.

Sie verbündete sich mit den Küchenangestellten, um zusätzliches Essen für die Sklavensiedlung zu beschaffen. Sie zweigte ab und zu etwas von ihrem Haushaltsgeld ab, sparte es zusammen, bis es reichte, um bessere Kleider oder zusätzliche Medikamente für die Krankenstation zu kaufen. Sie lernte, einfache Krankheiten zu diagnostizieren und sie mit traditionellen Heilmitteln zu behandeln, was ja auch ihre Pflicht als Justins Ehefrau war. Auch versuchte sie, ungewöhnlich harte Bestrafungen, die ihr Ehemann verordnete, zu entschärfen – was nicht zu ihren Pflichten gehörte.

Nach der Auseinandersetzung mit seinen Onkeln dürstete Justin danach, seine Wut an jemandem auszulassen. Seine Wahl fiel auf Tom, den vierzehnjährigen Hausburschen. Der Junge hatte einige der Messinggegenstände nicht zu Justins Zufriedenheit poliert.

Als Antwort auf Justins Fragen murmelte der verängstigte Junge nur unverständliches Zeug, was Justin veranlaßte, Tom der Anmaßung zu beschuldigen. Er gab Befehl, daß dem Jungen zwanzig Peitschenschläge verabreicht werden sollten. Madeline protestierte; sie protestierte immer gegen seine Grausamkeit. Justin kümmerte sich wie immer nicht darum, sondern ließ sie mit einer verächtlichen Bemerkung über weibliche Empfindsamkeit stehen. Wenige Minuten später rannte Madeline zur Sklavensiedlung, um den für die Ausführung der Strafe verantwortlichen schwarzen Kutscher zu sprechen.

Es war eine heikle Angelegenheit. Wenn sie sich gegen Justins Befehl stellen würde, würde sie den Kutscher gefährden. Das einzige, das sie tun konnte, war, den großen, pechschwarzen Mann namens Samuel zu bitten, die Schläge so weit zu mildern, ohne daß er selbst auch noch bestraft werden würde.

»Das werde ich tun, aber ich muß ihm noch Schlimmeres als Schläge verabreichen«, sagte Samuel. »Mist’ Justin will, daß ich einen Eimer auf seine Wunden gieße.«

»Einen Eimer mit was?«

Der Fahrer blickte beschämt zur Seite.

»Hast du mich verstanden, Samuel? Was soll in dem Eimer drin sein?«

»Terpentin.«

»O Gott.« Sie preßte die Lippen zusammen. »Das wird ihn umbringen.«

»Mist’ Justin war ziemlich wütend. Ich muß es tun«, sagte Samuel mit einem traurigen Achselzucken.

Sie faltete die Hände über der Brust und sagte nachdenklich: »Wenn dir jemand den Eimer reicht, Samuel, bist du doch nicht für den Inhalt verantwortlich.«

Er blickte sie erst scheu, dann verständnisvoll an. »Sie haben recht, Miz’ Madeline.« Er wollte lächeln, wagte es aber nicht.

»Ich werde den Eimer mit Terpentin selbst holen. Ich werde ihn dir übergeben, und du wirst deine Pflicht erfüllen. Du mußt lediglich dafür besorgt sein, daß wir keine Zuschauer haben, die meinem Mann mitteilen könnten, wonach der Eimer gerochen hat oder eben nicht.«

»Nein, Ma’am, niemand wird zuschauen. Das verlangt Mist’ Justin nicht.«

Tom wurde also ausgepeitscht, statt ausgepeitscht und gefoltert. Aber dies war weder für Madeline noch für den Jungen ein Triumph. Aber sie wußte genau, daß es noch schlimmer wäre, wenn sie davonrennen würde.

Vieles, was Madeline über das Leben auf einer Plantage und die Stellung einer anständigen Frau wußte, hatte sie von einigen Nachbarn, hauptsächlich aber von Clarissa Main gelernt. Obwohl die beiden Frauen einen unterschiedlichen familiären Hintergrund aufwiesen, waren sie sich in ihren Empfindungen doch sehr ähnlich. Und vielleicht spürte Clarissa irgend etwas von den Gefühlen, die ihr Sohn für Justins Frau empfand. Auf jeden Fall verbrachte Clarissa viele Stunden mit Madeline in Mont Royal und führte sie mit viel Geduld in die verschiedensten Tätigkeiten ein; unter anderem in die Rolle der Hebamme.

In einer mondhellen Nacht Anfang Februar wurde Madeline in die Sklavensiedlung gerufen, um einer Feldsklavin namens Jane bei der Geburt zu helfen. Es war Janes erstes und Madelines zehntes Baby.

Mehrere schwarze Frauen hatten sich in Janes Hütte eingefunden; Madeline kniete neben der schwangeren Frau und hielt deren Hände, als sie von den Geburtswehen erfaßt wurde. Zuvor hatte Jane die Hilfe einer anderen Frau ausgeschlagen. Madeline war die Herrin; ihr vertraute man. Ob dies nun half oder nicht, Madeline freute sich auf jeden Fall darüber. Sie half dabei, Janes Knöchel festzubinden, und beobachtete dann, wie die ältere Hebamme, Aunt Belle Nin, mit der hölzernen Zange hantierte. Bei weniger schwierigen Geburten übernahm Madeline diese Arbeit, diesmal jedoch überließ sie Aunt Belle Nin, die man extra geholt hatte, das Feld. Das Baby war in einer falschen Lage; die Hebamme drehte es mit der hölzernen Zange um, und kurz darauf stieß das Kind den ersten Schrei aus.

Aunt Belle Nin war eine rüstige fünfundsechzig-, vielleicht auch siebzigjährige Frau mit einem Achtel Negerblut. Sie lebte allein im entlegenen Sumpfgebiet und kam, wenn sie gerufen wurde, um bei schwierigen Niederkünften zu helfen. Als Entschädigung dafür nahm sie Eßwaren, Kleider und Kautabak an. Sie hielt das feuchte, kakaofarbene Neugeborene im Arm und liebkoste es, als wäre es ihr eigenes.

»Er wird’s schaffen«, sagte sie. »Ich bin sicher. Ich habe Elend, Hurrikane und Ehemänner überlebt. Und wenn ich so stark bin, wie stark muß denn erst dieser kleine, stramme Kerl sein.«

Madeline blickte sich verstohlen in der ärmlichen Hütte um. Die Wände hatten seit Jahren keine Tünche mehr gesehen. Sie fragte sich, wie eine Frau überhaupt noch ein Kind zur Welt bringen konnte, wenn gewiß war, daß das Kind sein Leben in Armut und Sklaverei verbringen würde. In letzter Zeit war ihr mehr und mehr klargeworden, was die Gegner der Sklaverei eigentlich wollten und weshalb.

Jane bat Madeline, das Baby zu halten. Madeline kam ihrem Wunsch nach und dachte dabei, wie gern sie Orry das Kind gezeigt hätte. Später, als sie im Begriff war zu gehen, machte eine gebeugte, verhutzelte Frau mit sorgenvollem Blick eine bittende Geste. Madeline hielt inne.

»Ich bin die Mutter von Tom, des Jungen, der ausgepeitscht wurde, weil er frech war.«

»Ach ja, ich hoffe, es geht ihm gut.«

»Ja, besser, aber nie mehr gut. Er wird sein Leben lang Narben auf dem Rücken haben. Samuel …« Sie preßte angstvoll die Lippen zusammen. »Samuel hat mir gesagt, was Sie getan haben. Ich danke Ihnen, Miz’ Madeline. Sie sind eine gute Christin.«

Madeline hörte verblüfft zustimmendes Gemurmel. Auch Aunt Belle Nin hatte zugehört. Nachdem sie ihre Tonpfeife angezündet hatte, sagte sie: »Alle sagen das von Ihnen, Mistreß. Ich habe Sie heute nacht beobachtet und glaube, daß die andern recht haben. Sollten Sie je ein Problem haben, bei dem ich Ihnen helfen kann, wissen Sie, wo Sie mich finden.«