»Vielen Dank, Aunt Belle.«
Hocherfreut lief Madeline zum Herrenhaus zurück: Justin betrachtete ein Buch mit Lithographien von Pferderennen. Die Sklaven mochten sie respektieren, er nicht. Dies zeigte sich erneut, als sie ihm sagte, wo sie gewesen war.
»Fein«, sagte er, »wie bezaubernd häuslich du langsam wirst. Du kannst Niggerbabys zur Welt bringen. Schade, daß du nicht fähig bist, ein eigenes Kind zur Welt zu bringen.«
Sie wandte sich ab, gekränkt und verletzt. Er spürte es und doppelte nach.
»Vielleicht brauchst du eine stimulierende Beihilfe. Soll ich einen jener Böcke auswählen, damit er dich deckt? Mir scheint, du hast eine Vorliebe für Nigger – keine für mich.«
Ihr Schmerz wandelte sich in Wut. »Justin, ich habe mich stets bemüht, dir eine gute Frau zu sein, und dies in jeder Hinsicht. Mach mir nicht immer Vorwürfe, daß ich nicht schwanger werde.« Vielleicht solltest du die Schuld bei dir selber suchen.
Er schwang ein Bein über die Armlehne des Sessels. »Wieso nicht? Du bist ja nie sehr lebhaft, wenn wir uns um einen Stammhalter bemühen; abgesehen davon, daß dies immer seltener vorkommt, obwohl ich zugeben muß, daß auch ich nicht unschuldig daran bin. Wie du siehst, lasse ich dich bewußt links liegen. Deine Vorliebe für Nigger geht mir langsam auf die Nerven. Gute Nacht, Liebling.«
Er vertiefte sich wieder in sein Buch.
Madeline war erst vor einer Woche bei der Salvation Chapel gewesen, doch am nächsten Morgen machte sie sich todunglücklich auf den Weg nach Mont Royal, damit Nancy Orry eine Botschaft übermitteln konnte.
»Glaubst du, er weiß etwas von uns?« fragte Orry, als sie sich am folgenden Nachmittag bei der Kapelle trafen. Es herrschte klares, mildes Wetter, was für den Februar im Süden nicht ungewöhnlich war. Orry hatte Mantel und Krawatte abgelegt.
Madeline schüttelte den Kopf. »Wenn ja, würden wir uns die Frage nicht stellen. Justin gehört nicht zu den Menschen, die schweigend leiden.«
Orry klopfte geistesabwesend mit einem Finger auf das Buch, das er mitgebracht hatte. »Warum gibt er sich denn so viel Mühe, dich unglücklich zu machen?«
»Weil keine Kinder da sind; das ist auf jeden Fall der Hauptgrund. Justin gehört zu jenen armen, unglückseligen Menschen, die immer unglücklich sind. Aber anstatt die Ursache mal bei sich selber zu suchen, macht er immer andere Menschen oder Dinge dafür verantwortlich und fängt an, um sich zu schlagen. Manchmal wünschte ich mir, er würde über uns Bescheid wissen. Dann könnte ich meine Gefühle offen zeigen, sowohl ihm als auch dir gegenüber.«
Sie war auf und ab geschritten und hielt jetzt inne. Orry hatte sich auf dem Fundament niedergelassen und scharrte mit den schmutzigen Stiefeln im braunen Gras. Madeline legte ihm den Arm um den Hals und küßte ihn.
»Ich bin wirklich froh, daß du heute gekommen bist; ich hätte es keine Sekunde länger in Resolute ausgehalten.«
Der zweite Kuß fiel bereits etwas heftiger aus. Dann glättete sie ihr Kleid und ging bis zu dem Sumpf. Wie immer, wenn sie sich trafen, erzählte sie von den Ereignissen der vergangenen Tage: die Geburt von Janes Sohn, das Auspeitschen von Tom, und damit stiegen ihre Gefühle über die Sklaverei wieder hoch. Normalerweise vermied sie das Thema, weil sie Orry nicht verletzen wollte, aber heute gelang es ihr nicht.
»Ich glaube, die Südstaatler würden das ganze System irgendwie anders betrachten, wenn sie es mit den Augen der Sklaven sähen.« Sie wandte sich vom Sumpf, in dem die Sonne spiegelte, ab und sah ihn mit ernsten Augen an. »Wie würdest du dich fühlen, wenn du zusehen müßtest, wie ein Mann deiner Mutter Hand- und Fußketten anlegte und sie dann jemandem überließe, der bis zu ihrem Todestag über sie verfügen darf?«
Orry schien leicht irritiert. »Meine Mutter ist eine weiße Frau; der Junge, dem du geholfen hast, ist ein Neger.«
»Ist damit das Verbrechen gerechtfertigt? Oder auch nur annähernd erklärt? Tom ist zwar Neger, aber ist er deswegen kein Mensch?«
»Und ich bin in deinen Augen jetzt ein Verbrecher?«
Einen Augenblick lang erinnerte er sie an Justin, denn sie hatte auch bei ihm das Gefühl, daß sie kein Recht habe, das Thema aufzuwerfen. Sie brachte ihre aufkeimende Wut unter Kontrolle, ging zu ihm zurück und versuchte, ruhig und nicht emotional zu antworten:
»Ich mache dir keinerlei Vorwürfe, Liebling; ich möchte bloß, daß du die Dinge klarer siehst. Du bist vernünftiger als …« Sie hätte beinahe gesagt »dein Vater«, besann sich jedoch rasch eines Besseren, »die meisten Menschen. Die Einstellung der Südstaatler zum ganzen System ist so fürchterlich unlogisch. Jedes Jahr an Weihnachten schenkt ihr euren Sklaven ein neues Hemd, aber ihr versagt ihnen die Freiheit – und dafür sollen sie euch dankbar sein. Und von der Welt erwartet ihr, daß sie euch lobt!«
»Madeline, du redest von einem Mann, der – «
»Weniger wert ist.« Sie warf die Hände hoch. »Diese Ausrede habe ich schon tausendmal gehört. Ich glaube einfach nicht daran. Auf Resolute gibt es schwarze Männer, die wesentlich intelligenter sind als Justin. Aber ihre Intelligenz wird nicht gefördert, und sie dürfen ihren Verstand nicht benützen. Doch lassen wir das. Gehen wir einmal davon aus, daß in der Ausrede ein Körnchen Wahrheit steckt und daß die Weißen aus irgendeinem Grund die wertvolleren Menschen sind. Haben wir deshalb ein Recht, andere Menschen ihrer Freiheit zu berauben? Sollte man sich nicht vielmehr verpflichtet fühlen, ihnen zu helfen, weil sie weniger begünstigt sind? Wäre das nicht eine christliche Haltung?«
»Weiß ich doch nicht, verflixt noch mal.« Orry stand auf und schlug sich mit dem dünnen Buch auf den Schenkel. »Du machst mich ganz konfus mit deinen Ansichten.«
»Tut mir leid.«
Eigentlich tat es ihr nicht leid, sondern sie freute sich. Orry machte keinen Versuch, ihre Argumente zurückzuweisen oder zu widerlegen. Dies könnte bedeuten, daß er darüber nachdachte. Vielleicht würde es ihr nie gelingen, ihn davon zu überzeugen, daß Sklaverei ein Unrecht war, doch wenn sie den einen oder andern Zweifel in ihm hervorriefe, wäre dies bereits ein Erfolg.
Er schwieg eine Weile und zuckte dann die Achseln. »Ich bin nicht gescheit genug, um mich in dieser ganzen Argumentation zurechtzufinden. Abgesehen davon glaubte ich, daß wir lesen würden?«
Er zeigte ihr den in goldenen Lettern geprägten Titel des Buches, das gestern mit dem Boot aus Charleston eingetroffen war.
Madeline brachte ihre Kleider in Ordnung und setzte sich neben ihn. »E. A. Poe. Die Frau von Francis LaMotte hat ihn irgendwann letzte Woche erwähnt. Sie hat einige seiner phantastischen Geschichten gelesen und haßt ihn offenbar. Sie meinte, er gehöre ins Irrenhaus.«
Orry lachte zum erstenmal an diesem Tag. »Die typische Reaktion auf einen Yankee-Schriftsteller. Aber die Gefahr, daß man ihn hinter Schloß und Riegel bringt, besteht nicht mehr. Er ist letztes Jahr in Baltimore gestorben. Er war erst vierzig. Alkoholiker. Im Southern Literary Messenger sind einige Artikel über ihn erschienen, und er war auch eine Zeitlang Redakteur. Was mich jedoch interessiert, ist die Tatsache, daß er in West Point war.«
»War er Kadett?«
»Ein Semester lang; ich glaube im Herbst 1830. Man sagte ihm offenbar eine brillante Karriere voraus. Er war überall unter den ersten, aber irgendwo lief etwas schief, und er wurde wegen grober Pflichtversäumnis vors Kriegsgericht gestellt. Kurz bevor er entlassen wurde, verbrachte er fast seine ganze Zeit bei Benny Haven.«
»Trinkend?«
»Ich nehme an, obwohl die Hauptattraktion bei Benny seit jeher das Essen gewesen ist. Du kannst dir nicht vorstellen, wie himmlisch Benny Spiegeleier zubereiten konnte! Aber du hast natürlich auch nie in der Offiziersmesse gegessen.«