Mit der Erinnerung war seine Stimme ganz weich geworden, und sein Blick schweifte in die Ferne. Wie sehr er das alles vermißt, dachte sie und hakte sich bei ihm ein. Sie war immer darauf bedacht, sich rechts neben ihn zu setzen, damit sie ihn nicht aus Unachtsamkeit an seine Behinderung erinnerte.
»Sei’s drum«, er schlug das Buch auf, »ich kann Gedichte nicht beurteilen, aber ich mag einige von diesen. Sie sind von einer eigenartigen, wunderbaren Melodik. Sollen wir mit diesem hier beginnen?«
Das Gedicht trug den Titel ›Annabel Lee‹. Sie begann zu lesen:
»Es ist lange her, da lebte am Meer,
Ich sag Euch nicht wo und wie –
Ein Mägdelein zart, von seltener Art,
Mit Namen Annabel Lee.«
Sie hielt am Ende der Zeile inne und deutete ihm damit an, daß er weiterlesen solle.
»Und das Mägdelein lebte für mich allein,
Und ich lebt’ allein für sie.«
Sie waren bereits darauf eingespielt, Gedichte laut zu lesen. Sie hatten vor etwa zwei Monaten damit begonnen, als Orry überraschenderweise einmal mit einem Buch gekommen war. Einige der Gedichte waren nicht besonders gut, aber sie erfreuten sich am Ritual, und auch heute geschah es, daß sie während der Lektüre plötzlich einen Anflug von Erregung verspürte.
Das erste Mal war sie über ihre physische Reaktion erschrocken, aber jetzt freute sie sich schon im voraus darauf. Ihre Stimmen fielen im sanften Wechselspiel der Lektüre in eine Art sexuellen Rhythmus, so, als würden sie voneinander Besitz ergreifen, als liebten sie einander auf die einzige Art, die ihnen gestattet war. Sie hielten das Buch zusammen, und sie streichelte seine Knöchel. Der physische Kontakt schien eine Welle von Wärme durch ihren Körper zu jagen. Sie wandte sich leicht um, damit sie ihn, während sie weiterlasen, direkt anschauen konnte.
Der unbekannte Liebhaber des Gedichts verlor seine Geliebte, und sie erlebten beide diesen Verlust mit, als die Strophen langsam den Höhepunkt erreichten. Ihre Stimme wurde heiser:
»Wenn die Sterne aufgehn, so kann ich drin sehn
Die Äuglein der Annabel Lee.«
Orry wurde schneller:
»Und noch jegliche Nacht hat mir Träume gebracht
Von der lieblichen Annabel Lee.«
Ihr Blick wanderte nervös zwischen dem Gedicht und seinem Gesicht hin und her. Ihre Brüste schmerzten, und ihr schwindelte.
»So ruh’ ich denn, bis der Morgen graut,
Allnächtlich bei – meinem Liebchen traut«
Sie stolperte über ein Wort und mußte schnell einen Blick auf das Buch werfen, um die Zeile zu Ende zu lesen.
»In des schäumenden Grabes Näh’«
»An der See, an der brausenden See«, las er.
Er schloß das Buch und ergriff ihre Hand. Schweigend blickten sie einander an. Doch dann vermochte sie nicht länger an sich zu halten, warf ihm mit einem leisen Schrei die Arme um den Hals und preßte ihren geöffneten Mund auf seine Lippen.
Orry ritt in der frühen Dämmerung des Februarnachmittags nach Hause. Er fühlte sich wie jedesmal, wenn er Madeline getroffen hatte. Die Zeit, die sie zusammen verbrachten, war immer viel zu kurz, und die gemeinsame Lektüre von Gedichten war kein Ersatz für das, was Gott beabsichtigt hatte, als er Mann und Frau erschuf.
Heute waren sie bis zum Äußersten gegangen und hatten sich beinahe von ihrem Hunger überwältigen lassen. Nur äußerste Zurückhaltung und eine übermenschliche Anstrengung, ihre Gefühle zu beherrschen, hatten sie davon abgehalten, sich in das braune Gras neben dem Fundament fallenzulassen. Wohl weil sie einander so nahe gekommen waren, fühlte sich Orry einsamer und frustrierter denn je, als er an einem der Hausdiener vorbeiritt. Der Sklave lächelte und grüßte ihn. Orry antwortete mit einem höflichen Kopfnicken. Was dachte der Neger wohl wirklich? Du schenkst mir jedes Jahr an Weihnachten ein Hemd, versagst mir die Freiheit und erwartest, daß ich dir die Hand küsse. Ich würde sie dir am liebsten ausreißen. Orry hätte Madeline verfluchen mögen, weil sie seinen Kopf mit Zweifeln an einem System angefüllt hatte, das er zeit seines Lebens als moralisch und gerecht betrachtet hatte.
Er ging wütend in die Bibliothek und riß die Vorhänge auf, um die letzten schwachen Sonnenstrahlen hereinzulassen. Es war eine Qual, Madeline immer wieder zu sehen, aber der Gedanke, das Ganze aufzugeben, war ebenso quälend. Was sollte er tun?
Er schenkte sich ein großes Glas Whiskey ein. Die Dunkelheit brach herein, und das Messing auf seiner Säbelscheide blitzte immer weniger häufig auf. Säbel und Uniformmantel hingen an einem Kleiderständer in einer Ecke des Zimmers. Natürlich handelte es sich nicht um den Mantel, den er getragen hatte, als er seinen Arm verlor. Dieser Mantel wies noch beide Ärmel auf. Sowohl die Messingknöpfe wie auch der Säbelgriff waren mit einer grünlichen Schicht überzogen, und auf dem Mantel entdeckte er vereinzelte Schimmelflecke.
Er ließ sich in seinen Lieblingssessel sinken und brütete über Vergangenes nach. Er mußte diese Erinnerungen loswerden, denn sie mahnten ihn dauernd an den Strich, den man ihm durch seine ehrgeizigen Pläne gemacht hatte. Sie waren umsonst gewesen, wie sein Leben. Sie hatten keinen Sinn, keine Bestimmung gefunden, und er auch nicht. Sie existierten, das war alles.
Gott, wenn dieser Tag in Churubusco doch bloß anders verlaufen wäre! Wenn er doch bloß früher mal nach New Orleans gegangen wäre und Madeline dort getroffen hätte! Wenn doch bloß! Irgendwo mußte es ein Gegengift gegen dieses ›wenn‹ geben. Aber wie war es zu finden?
Er ging stolpernd zum Schrank, um sich noch ein zweites Glas Whiskey einzuschenken. Im Stockwerk über ihm hörte er seine Schwestern streiten, was sie in letzter Zeit dauernd zu tun schienen. Er schloß die Fensterläden und setzte sich wieder. Als er sein Glas langsam leerte, hörte er entfernte Trommeln in seiner Phantasie. Schließlich war die Uniform in der Dunkelheit nicht mehr zu sehen.
Gegen elf Uhr öffnete Clarissa die Tür und sah ihn schlafend auf dem Boden liegen. Zwei Diener brachten ihn ins Bett.
Obwohl Ashton und Brett langsam zu jungen Damen heranwuchsen, teilten sie sich immer noch ein Schlafzimmer im zweiten Stockwerk. Die vierzehnjährige Ashton, die bereits eine voll entwickelte, strahlend schöne junge Frau war, beklagte sich dauernd über diese Regelung. Weshalb erlaubte man ihr keine Privatsphäre? Weshalb mußte sie dauernd mit einem zwölfjährigen Kind leben, das immer noch flach wie ein Brett war, wie sie sich auszudrücken pflegte.
An diesem Abend war es außerordentlich warm im Zimmer. Ashton, die in der Nähe des Fensters schlief, murrte dauernd. Immer wieder klopfte sie geräuschvoll ihr Kissen zurecht und preßte seufzend den Handrücken auf die feuchte Stirn.
Schließlich sagte ihre Schwester schläfrig und ärgerlich: »Um Himmels willen, sei endlich ruhig und laß mich schlafen!«
»Ich kann nicht, ich bin völlig verspannt.«
»Manchmal versteh’ ich dich nicht, Ashton.«
»Kein Wunder«, sagte ihre Schwester scharf. »Du bist ja noch ein Baby mit milchweißer Haut und weißen Höschen. Wahrscheinlich wirst du dein Leben lang so bleiben.«
»Du – «, sagte Brett und schmiß ein Kissen nach ihr. Von all den Beleidigungen, mit denen Ashton sie bedachte, konnte nichts sie mehr verdrießen als Anspielungen auf die Tatsache, daß sie noch keine Anzeichen vom monatlichen Unwohlsein der Frauen aufwies. Einmal pro Monat stolzierte Ashton im Zimmer auf und ab, um sicherzugehen, daß ihre Schwester ihre blutbefleckte Unterwäsche bemerkte. Brett fühlte sich jedesmal gedemütigt, so wie sie auch unter ihrer mangelnden körperlichen Entwicklung litt.
Aber sie war sich immer noch nicht im klaren darüber, ob sie überhaupt erwachsen werden wollte. Sollte dies bedeuten, daß sie jedem Mann unter dreißig schöne Augen machen und ein zuckersüßes und scheues Wesen an den Tag legen mußte – dann auf keinen Fall. Und wenn Erwachsenwerden bedeutete, jemanden wie den Rechtsanwalt Huntoon zu umschmeicheln, dann kam es schon gar nicht in Frage.