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Mit dem Gedanken an Huntoon erinnerte Brett sich wieder an eine ihrer wenigen Möglichkeiten für einen Vergeltungsangriff. Sie ahmte den süßesten Tonfall ihrer Schwester nach und sagte: »Meiner Meinung nach solltest du heute abend eigentlich überglücklich sein. Morgen kommt doch James Huntoon vorbei – er und all jene Politiker, mit denen Papa in letzter Zeit verkehrt. Du magst Mr. Huntoon doch?«

Ashton schmiß das Kissen wieder zurück. »Ich finde, er ist ein Esel, und das weißt du. Er ist ein alter Mann, beinahe zwanzig. Wenn du wissen willst, was ich von ihm halte:«

Sie streckte die Zunge heraus und würgte viermal.

Brett hielt sich lachend das Kissen vor den Bauch.

Im Süden war es immer noch üblich, daß die Eltern darüber befanden, welcher junge Mann als Kavalier für ihre Tochter in Frage kam. Ashton war alt genug, um mehrere Galane zu haben, aber bis jetzt war Huntoon der einzige geblieben, der Tillet Mains Erlaubnis erhalten hatte, seiner Tochter den Hof zu machen.

Brett wollte mit der Neckerei fortfahren, aber auf ein Geräusch von draußen hin stürzten beide Mädchen zum Fenster. In Neugier vereint sahen sie, wie eine gespenstische Gestalt zu Pferd über den Torweg galoppierte, einen Augenblick vom Mondlicht bestrahlt wurde und dann in Richtung Stall verschwand.

»Das war Vetter Charles«, sagte Brett mit ehrfürchtiger Stimme.

»Klar«, sagte Ashton. »Er muß wieder mal bei Sue Marie Smith gewesen sein. Oder bei einer der Negerhuren.«

Brett errötete bei dem Gedanken.

Ashton kicherte. »Wenn Whitney Smith jemals herauskriegt, daß seine Kusine Sue Marie mit Charles herumspielt, wird der Teufel los sein. Sue Marie und Whitney sind verlobt.«

»Wann werden du und Huntoon eure Verlobung bekanntgeben?«

Ashton zerrte ihre Schwester an den Haaren. »Wenn es in der Hölle schneit.«

Brett knuffte Ashton leicht auf die Schulter und verzog sich dann ins Bett. Ashton stellte sich vor das mondhelle Fenster und rieb sich mit beiden Handflächen den Bauch. Brett fand es schamlos.

»Ich befürchte, daß Sue Marie keine große Erleichterung bei Vetter Charles finden wird. Oder bei irgendeinem Knaben. Man sagt, sie sei scharf wie ein Korb voll Schwärmer. Ich weiß, wie ihr zumute sein muß«, sagte Ashton mit einem tiefen Seufzer. »Du hast natürlich keine Ahnung.«

Brett knuffte ihr Kissen und drehte sich eher verletzt als wütend um. Ashton überragte sie an Witz, Schönheit und Talent. Wahrscheinlich würde dies immer so bleiben.

Ashton hatte auch mehr Mut. Sie ging Risiken ein. In dieser Hinsicht war sie Vetter Charles sehr ähnlich. Vielleicht würde Rechtsanwalt Huntoon sie zähmen können. Brett hoffte es. Sie mochte ihre Schwester eigentlich, aber manchmal gingen ihr Ashtons Possen schlichtweg auf die Nerven.

James Huntoon trug eine runde Brille und einen unsichtbaren Mantel aus Selbstgerechtigkeit. Obwohl er bloß sechs Jahre älter war als Ashton, wies er bereits Anzeichen von Fettleibigkeit auf. Seine ansonsten hübschen Gesichtszüge wurden durch den beginnenden Fettansatz verunstaltet.

Huntoons Familie wohnte schon seit langer Zeit im Staat, aber es fehlten ihr ungefähr fünfzig Jahre, um so alt wie die Main-Familie zu sein. Der erste der Huntoons in Carolina, ein des Lesens und Schreibens unkundiger Immigrant, hatte sich in der Hügelregion im Norden des Staates niedergelassen. Ein Mitglied der nächsten Generation war auf den Gedanken gekommen, daß der Weg zum Erfolg nicht über das Dasein eines unwissenden, schmutzigen Farmers führte, und hatte sich an die Küste verzogen, wo er mit harten Handelsgeschäften und einigen glücklichen Landkäufen der Familie zwei Generationen später einen beträchtlichen Wohlstand bescherte. Die Huntoons heirateten immer wieder in berühmte Familien hinein und brachten es so mit der Zeit zu einer ansehnlichen Ahnengalerie.

Die Familie verfügte gegenwärtig kaum noch über eigenen Grundbesitz. Ihr ehemaliger Reichtum war, genau wie bei den LaMottes, durch Mißwirtschaft und einen zu aufwendigen Lebensstil verlorengegangen. Die betagten Eltern von James Huntoon waren auf die Barmherzigkeit der Verwandten angewiesen. Sie wohnten mit fünf Negersklaven im heruntergekommenen Herrenhaus der Plantage. James war sich schon sehr früh in seinem Leben darüber klargeworden, daß er nicht von diesem Landbesitz zehren konnte, wenn er überleben und es zu etwas bringen wollte.

Glücklicherweise konnten die Huntoons immer noch auf eine beeindruckende Zahl von Freunden und Bekannten zählen. Verlor eine Familie in South Carolina ihren Wohlstand, bedeutete dies nicht notwendigerweise den Verlust ihres gesellschaftlichen Ansehens. Nur der Verstoß gegen die sozialen Regeln führte unweigerlich zum Ausschluß aus der Gesellschaft. James wußte also genau, an wen er sich wenden konnte, als er beschloß, es in Charleston zu etwas zu bringen. Er beriet eines der führenden Unternehmen in Rechtsangelegenheiten und hatte vor kurzem eine eigene Praxis in der Stadt eröffnet.

Nach Tillets Auffassung verdienten die meisten Mitglieder des Huntoon-Clans keinerlei Beachtung. Während andere wichtige Familien sich um die Zukunft des Staats sorgten, meckerten die Huntoons bloß über die Vergangenheit und taten, als ob die drängenden Probleme der Gegenwart überhaupt nicht existierten. Doch in James glaubte Tillet ein gewisses Potential zu verspüren, auch wenn der junge Mann vor der manchmal harten Arbeit eines Rechtsanwalts zurückscheute. Auf jeden Fall waren ihm dank seiner vielfältigen Kontaktmöglichkeiten im ganzen Staat alle Chancen für einen Erfolg gesichert.

Huntoon interessierte sich sehr für Politik und war ein geschickter Redner. Ideologisch stand er denjenigen am nächsten, die dem Staat und der Region in einer zunehmend feindseligeren Welt Unabhängigkeit wünschten.

Huntoon hatte Ashton zum erstenmal im vergangenen Winter bei einer Theateraufführung in Charleston getroffen. Clarissa war für die Zeit der gesellschaftlichen Anlässe mit ihren Töchtern in die Stadt gekommen. Kaum hatte der junge Rechtsanwalt seinen ersten Blick auf Ashton Main geworfen, als er von einer verzehrenden Leidenschaft gepackt wurde. Trotz ihrer Jugend war sie schön und bereits sinnlich. Huntoon schickte Clarissa eine Karte, auf der er um die Erlaubnis bat, ihrer Tochter den Hof machen zu dürfen, sobald ihre Eltern der Meinung waren, daß sie im richtigen Alter dafür sei.

Es vergingen mehrere Monate und ein Geburtstag, bis Clarissa mit einem kurzen, höflichen Brief antwortete. Andere Mädchen hatten auch mit vierzehn die ersten Kavaliere, also wollten sie und Tillet sich Ashton nicht in den Weg stellen. Aber sie erließ eine Warnung an den potentiellen Freier: »Mein Gatte ist ein entschiedener Verfechter der Sitte, wonach der Name einer Frau nur zweimal in der Zeitung erscheinen sollte – einmal, wenn sie heiratet, und das zweite Mal, wenn sie stirbt. Ich möchte dies erwähnt haben, damit Sie sich über seine Einstellung zu unangebrachtem Benehmen jeglicher Art im klaren sind.«

Im Bewußtsein dieser Warnung begann Huntoon seine Werbung mit den traditionellen Geschenken: erst Blumen, dann Lederhandschuhe und Pralinen. Er war nun in dem Stadium, in dem er Ashton allein im Haus einen kurzen Besuch abstatten durfte. Allein mit ihr irgendwohin zu gehen oder ohne Anstandsdame mit ihr einen Ausritt zu machen, war immer noch außer Reichweite. Huntoon tat sein möglichstes, um seine Lust zu zügeln. Eines Tages, wenn alles richtig verlief, würde dieser herrliche Körper ihm gehören.

Er mußte sich eingestehen, daß Ashton ihn ein wenig schockierte. Nach außen hin war sie zwar nicht unkonventionell, aber sie war von einer für Mädchen ihres Alters und ihrer Herkunft unverschämten Kühnheit. Er bewunderte ihre Würde, die einige für Arroganz hielten. Er bewunderte auch Tillet Mains Reichtum.

Die andern Familienmitglieder vermochten ihn nicht zu beeindrucken. Clarissa war eine harmlose gute Seele und Ashtons kleinere Schwester eine entsetzlich graue Maus. Huntoon schrak vor jeglichem Kontakt mit Orry – diesem einarmigen Dämon – zurück, und was Cooper Main anbelangte, der in Charleston herumstolzierte, als hätte er irgendein Recht, sich als Südstaatler zu bezeichnen, so war Huntoon der Meinung, daß man ihn exportieren sollte. Die vier ehrwürdigen Herren, die Huntoon an diesem Vormittag nach Mont Royal begleitet hatten, waren derselben Meinung. Einer der Herren war Robert Barnwell Rhett, der einflußreiche Redakteur des Charleston Mercury.