»Die Parteiversammlung ist für Juni einberufen worden«, sagte Huntoon zu ihrem Gastgeber. »In Nashville. Abgeordnete aus sämtlichen Südstaaten werden vertreten sein, um die Resolutionen von Senator Clay zu prüfen und eine gemeinsame Antwort auszuarbeiten.«
»Juni, sagten Sie?« Tillet kratzte sich am Kinn. »Soll bis dahin nicht über die Resolutionen abgestimmt werden?«
Einer der Gäste lachte. »Das scheint mir sehr unwahrscheinlich in Anbetracht der gegenwärtigen Spaltung innerhalb des Parlaments.«
Huntoon spitzte den Mund – eine unbewußte Reaktion auf den forschenden Blick von Orry, der von Tillet irgendwie dazu überredet worden war, an diesem Gespräch teilzunehmen.
Orry tat seine Abneigung kund, indem er nachlässig mit gekreuzten Beinen als stiller Beobachter in einer Ecke saß.
Warum beobachtete ihn der verfluchte Dämon? Die Verehrer seiner Schwester gingen Orry nichts an. Huntoon kam zum Schluß, daß die Aufmerksamkeit, die Orry ihm zollte, auf Antipathie beruhte. Sie war gegenseitig.
»Lohnt es sich überhaupt, diese Versammlung abzuhalten?« fragte Tillet. »Sie haben mir gesagt, daß es sich nicht um einen offiziellen Parteitag – «
Rhett war plötzlich aufgestanden. Der fünfzigjährige Redakteur stand im Mittelpunkt dieser wie auch aller andern Versammlungen,die er besuchte. »Tillet, mein lieber Freund, Sie haben sich schon zu lange nicht mehr um die Politik gekümmert.«
»Ich muß mich um mein Leben kümmern, Robert.«
Die andern lachten. Rhett fuhr fort: »Sie wissen so gut wie ich, daß unsere Gegner seit mehr als zwanzig Jahren eine Doktrin der Feindseligkeit dem Süden gegenüber predigen. Sie haben unsere Empfindsamkeit mit ihren Lügen schwer verletzt und haben uns mit ihren ungerechten Abgaben auf landwirtschaftliche Erzeugnisse systematisch ausgeraubt. Dazu kommt, daß viele unserer schlimmsten Feinde Mitglieder der demokratischen Partei sind. Die Partei hat sich deshalb langsam aus South Carolina zurückgezogen, so daß man sagen kann, daß wir eher Verbündete als aktive Mitglieder der nationalen Organisation sind. Wir können unsere Antipathie für die Ansichten und Praktiken der Partei nicht anders zum Ausdruck bringen.«
Schließlich ergriff Orry das Wort: »Aber wenn wir mit dem Verhalten der Partei nicht einverstanden sind, wäre es dann nicht besser, Änderungen von innen als von außen herbeizuführen?«
Rhett warf ihm einen mißbilligenden Blick zu. »Mr. Main, meiner Meinung nach ist Ihre Frage eines Mannes, der in diesem Staat geboren und aufgewachsen ist, nicht würdig. Der Süden schließt keine Kompromisse mit seinen erklärten Feinden. Seit fünfundzwanzig Jahren sind wir den Aggressionen des Nordens ausgesetzt. Wäre es nicht ein bißchen dumm von uns, wenn wir, um diese Situation zu klären, uns an dieselben Männer wenden würden, die sie verursacht haben? Es gibt nur einen einzigen Weg zur Behebung der Mißstände – den Weg in die Unabhängigkeit!«
Calhoun lag im Sterben, und es schien sicher, daß Rhett insgeheim bereits als sein Nachfolger im Senat bestimmt worden war. Es ärgerte Tillet, feststellen zu müssen, daß sein Sohn von Rhett überhaupt nicht beeindruckt war, sondern ihm sogar skeptisch gegenüberstand.
»Persönlich bin auch ich der Meinung«, fügte Rhett hinzu, »daß diese Nashville-Versammlung nicht besonders sinnvoll ist, da ich nur schon den Gedanken an eine Kompromißlösung Gift finde. Aber ich werde die Versammlung der Einheit des Südens zuliebe unterstützen.«
»Mit allem Respekt, den ich meinem geschätzten Verwandten gegenüber empfinde«, sagte Huntoon mit einem seiner teuflischen Grinsen, »scheint es so zu sein, daß einige unter uns – obwohl sie für den autonomen Süden sind – nicht ganz mit dem, was Sie und der Mercury in der letzten Zeit vertreten, einiggehen wollen.«
Orry sagte mit einem frostigen Gesichtsausdruck: »Die Auflösung der Union.«
»Genau«, sagte Rhett. Orry glaubte einen siegesbewußten Streithahn vor sich zu haben.
Er wandte sich in offenkundiger Mißbilligung ab. Zwei der Besucher zwinkerten Huntoon zu, denn auch Tillet blickte jetzt skeptisch. Huntoon unterdrückte seine unzüchtigen Gedanken an Ashton, die er noch nicht gesehen hatte, legte schnell die Beine übereinander und übernahm die Gesprächsführung.
»Tillet, wir sind nicht hierhergekommen, um dieses Thema zu erörtern, sondern um Sie um Ihre Unterstützung für die Nashville-Versammlung zu bitten. In der Tat wollten wir Sie um eine ganz konkrete Art der Unterstützung bitten. Sie haben doch vor kurzem Ihr Interesse geäußert, sich wiederum mit Politik zu befassen.« Der alte Mann nickte vorsichtig. Huntoon fuhr hastig fort: »Wenn die Delegation von South Carolina nach Tennessee reist, wird dies gewisse finanzielle Aufwendungen für Reise, Mahlzeiten und Übernachtungen mit sich bringen. Wir haben uns vorgestellt, daß – «
Deshalb sind sie also hierhergekommen, dachte Orry. Geld. Den Rest des Gesprächs verfolgte er nicht mehr. Er hatte der Versammlung beigewohnt, weil er seinem Vater den Wunsch erfüllen wollte. Jetzt bereute er seinen Entschluß.
Tillet war bald für die Idee gewonnen. Er versprach, fünfhundert Dollar zu stiften, um die Delegation zu unterstützen. Angewidert blickte Orry zum Fenster hinaus. Es klopfte. Er sprang erleichtert auf, entschuldigte sich und ging auf die im Flüsterton abgegebene Aufforderung seiner Schwester hin hinaus.
»Was ist los, Ashton?«
Brett stellte sich atemlos hinter ihre Schwester. Die beiden waren schreckensbleich.
»Es ist wegen Vetter Charles«, sagte Ashton. »Er sitzt fürchterlich in der Tinte. Da ist ein Mann, der sich mit ihm duellieren will.«
22
»Wir können Vetter Charles nirgends finden«, sagte Brett, als die drei nach draußen stürmten. »Deshalb hat Ashton dich bei der Sitzung gestört.«
Orry marschierte über den Platz auf den Besucher zu, der neben seinem Pferd wartete. »Das ist das Lächerlichste, das ich je gehört habe. Vetter Charles hat überhaupt keinen Grund, ein Duell auszufechten, er ist ja noch ein Knabe.«
»Ich glaube nicht, daß das für den Herrn dort drüben auch nur den geringsten Unterschied ausmacht«, sagte Ashton atemlos. Orry mußte ihr recht geben. Die übertriebene Art und Weise, in der der junge Stutzer zur Begrüßung an seinen altmodischen Biberhut tippte, zeugte von kaltem Stolz und Feindseligkeit.
»Ihr ergebenster Diener, Mr. Main. Mein Name ist Smith Dawkins.«
»Ich kenne Sie. Was wünschen Sie?«
»Nun, Sir, ich dachte, die jungen Damen hätten Ihnen den Grund meines Besuchs bereits verraten. Ich bin hierhergekommen als Vertreter und Verwandter von Mr. Whitney Smith, der gestern abend Mr. Charles Main von dieser Plantage hier dabei überrascht hat, wie er mit seiner Verlobten Miss Sue Marie Smith herumtändelte. Die beiden Herren haben ein paar Worte miteinander gewechselt, und Mr. Main hat die Hand erhoben, worauf Mr. Smith ihn zum Duell herausforderte. Ich bin hier, um die Abmachungen zu treffen. Ich nehme an, Sie werden Mr. Mains Sekundant sein?«
»Ich habe das Recht, dies bleiben zu lassen. Was Sie vorschlagen, ist gesetzeswidrig.«
Dawkins machte keinen Hehl aus seiner Verachtung. »Sir, Sie wissen so gut wie ich, daß der code duello trotz der Gesetze in South Carolina oft und gern praktiziert wird.«
Der junge Hund stellte eine gemeine Falle, und Vetter Charles konnte ihr nicht ausweichen, ohne als Feigling dazustehen. Nahm er die Herausforderung an, rettete er zwar seine Ehre, lief aber Gefahr, sein Leben zu verlieren. Genau das machte den Kodex so idiotisch. Wäre Mr. Smith Dawkins in Churubusco gewesen, würde er nicht so leichtsinnig mit dem Leben spielen.