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Der Besucher drückte sich entschlossen den Hut auf den Kopf. »Würden Sie mich zu Mr. Mains Sekundant, oder besser noch, zu Mr. Main direkt führen.«

Orry seufzte und gab nach. »Ich weiß im Augenblick nicht, wo sich Vetter Charles befindet. Ich werde sein Sekundant sein.«

»Sehr gut, Sir.«

»Ich nehme an, daß wir uns auf die andere Seite des Savannah River begeben müssen, um einer gerichtlichen Verfolgung aus dem Weg zu gehen?«

»Wir werden absolut diskret sein und nur Familienmitglieder als Zeugen zulassen. Wenn Sie dies ebenfalls zusichern können, brauchen wir uns nicht in einen andern Staat zu begeben.«

In Anbetracht der Größe des Smith-Clans konnten unter Umständen Hunderte von Zeugen anwesend sein. Aber Orry ließ es durchgehen und nickte kurz. »Einverstanden, weiter.«

Sie unterhielten sich noch etwa fünf Minuten lang, einigten sich auf die üblichen Duellpistolen und setzten den kommenden Dienstagmorgen, nach Sonnenaufgang, als Termin fest. Das Duell sollte in einer Lichtung, die unter dem Namen Six Oaks bekannt war, etwa zwei Meilen flußaufwärts stattfinden.

Der junge Dawkins tippte hocherfreut nochmals an den Hut und ritt davon. Orry machte ein finsteres Gesicht, als er sich aufmachte, um Charles die schlechte Nachricht mitzuteilen.

Die beiden Mädchen hatten die Szene, hinter einer der Säulen versteckt, beobachtet. Ashton wollte Orry etwas zurufen, aber Brett riß ihre Schwester am Arm und legte warnend den Zeigefinger auf die Lippen. Für einmal beugte sich Ashton dem Ratschlag eines andern Menschen.

Orry beschloß, Clarissa und Tillet nichts von dem Duell zu sagen. Seine Mutter würde sich sorgen, und sein Vater würde wahrscheinlich dem Duell beiwohnen wollen. Orry hoffte, daß er das Ganze möglichst geheimhalten konnte. Aber viel wichtiger war ihm, daß Charles nicht verletzt wurde.

Gewöhnlich war der Junge um diese Tageszeit in der Nähe der Küchengebäude zu finden, wo er sich Maisgrütze oder ein Stück frisches Brot erbettelte. Doch heute hatte ihn noch keiner der Küchensklaven gesehen. Orry lenkte seinen Schritt in Richtung Stall; wahrscheinlich war es einfacher, Charles zu Pferd zu suchen. Aus der Ferne hörte man einen Schuß.

Er änderte die Richtung und ging mit raschen Schritten die Straße hinunter in Richtung Sklavensiedlung.

Orry schwang erst das eine, dann das andre Bein über den Holzzaun. Am anderen Ende des Stoppelfeldes übte Vetter Charles die Schritte eines Duellanten, der von seinem Gegner wegmarschiert. In seiner Rechten hielt er eine riesige, rostige Pistole, die Orry noch nie zuvor gesehen hatte.

Orry stand reglos da, bis Charles den zehnten Schritt tat und auf dem Absatz kehrtmachte. Der Junge riß die Pistole mit einer wilden, fuchtelnden Bewegung hoch. Als er sich umdrehte, bemerkte er Orry und erkannte ihn an seinem Bart und dem im Wind flatternden leeren Ärmel. Charles riß die Augen auf, aber er führte seine Drehung aus und schoß.

Der Rauch des Pulvers verflog langsam. Orry stürmte los.

»Smith Dawkins war eben beim Herrenhaus«, rief er. Charles sah ihn vorsichtig an, als er mit glühenden Wangen endlich vor ihm stand. »Wir haben Vereinbarungen für dieses herrliche Unterfangen getroffen. Pistolen, nächsten Dienstag. Ich bin offenbar dein Sekundant.«

»Ich glaubte, du seiest gegen Duelle.«

»Bin ich auch. Du und die anderen jungen Herren, ihr habt keine Ahnung, was richtiges Kämpfen heißt.«

Der Junge versuchte es mit einem seiner entwaffnenden Lächeln. »Du redest wie ein richtiger Soldat.«

Als Antwort erhielt er einen starren Blick. Charles hörte auf zu lächeln. »Tut mir leid, daß man dich in die Sache hineingezogen hat, Orry. Ich habe gestern abend die Zeit vergessen und Sue Marie nicht früh genug verlassen, sonst wäre dies nicht passiert.«

»Aber es ist nun mal so, und davon müssen wir ausgehen. Was weißt du über Schießeisen?«

»Nicht viel, aber ich nehme an, daß ich das, was ich wissen muß, lernen kann.«

»Nicht in der Art und Weise, wie du damit umgehst«, sagte Orry und zeigte tadelnd mit dem Finger auf die rostige Pistole. »Woher hast du dieses Ungetüm?«

Charles senkte den Kopf und zuckte die Achseln. »Das spielt keine Rolle.«

Gestohlen, dachte Orry angewidert. »Nun, als erstes werden wir darauf verzichten.« Er schnappte die Pistole und warf sie weit von sich.

»Na, hör mal!« protestierte Charles mit rotem Gesicht. »Ich muß doch üben.«

»Wir werden meine Armeepistole benutzen. Duellpistolen sind zwar üblicherweise etwas anders, aber mit meiner Pistole bist du immer noch besser dran als mit diesem rostigen Ding. Noch etwas: Bei einer Duellpistole wirst du meistens einen Stecher vorfinden. Wenn du dich umdrehst wie vorhin und mit dem Arm wie mit einem gebrochenen Windmühlenflügel wedelst, geht die Duellpistole viel zu früh los. Dann wirst du höchstens die Bäume oder den Himmel treffen und deinem Gegner genügend Zeit lassen, dich zu töten. Du mußt in deinen Bewegungen ruhig und geschmeidig sein.«

Orry ging langsam Richtung Straße zurück. Als Charles ihm nicht folgte, drehte er sich um und winkte. »Nun komm schon, du wirst am Dienstag und nicht erst nächstes Jahr kämpfen.«

»Ich dachte, ich würde dies allein – «

Die Worte verebbten in der leichten Brise, die über das sonnenbeschienene Feld wehte. In Charles’ Gesicht spiegelten sich Zorn und Herausforderung.

»Wenn du dich aus Unwissenheit töten lassen willst«, schrie Orry zurück, »dann kannst du das allein tun.«

Mit bleichen Lippen gab Charles zurück: »Weshalb solltest du mir helfen wollen? Du magst mich doch nicht.«

»Was ich nicht mag, Charles, ist dein Benehmen während des vergangenen Jahres. Wenn du glaubst, daß das dasselbe ist, bitte schön. Aber ich habe immer noch eine Verantwortung für dein Wohlergehen. Ich kann nicht einfach danebenstehen und zusehen, wie Whitney Smith einen Mord begeht. Komm jetzt mit oder laß es bleiben, ganz wie du willst.«

Orry ging weiter über das Feld. Charles stand reglos mit geballten Fäusten da. Doch wie schmelzendes Eis wich die Feindseligkeit langsam aus seinem Gesicht und machte einem scheuen, erstaunten Lächeln Platz.

Sie übten drei Stunden am Tag. Orry beschwor seine Schwestern, kein Wort über das Duell verlauten zu lassen. Aber Ashton ließ die Katze aus dem Sack. Es geschah während des Abendessens, und Charles war überrascht, wie sehr sich Clarissa aufregte. Orry wies darauf hin, daß er Charles unterrichtete und daß der Junge die besten Chancen hatte, mit nur einer leichten oder überhaupt keiner Wunde davonzukommen.

Tillet schloß sich ihm an und machte abfällige Bemerkungen über den Charakter und die Unbeherrschtheit von Whitney Smith. Er wünschte seinem Neffen alles Gute. Alles in allem war es eine überwältigende Erfahrung für Charles. Noch nie hatte jemand soviel Interesse für ihn aufgebracht.

»Nein!« war das Wort, das Orry während des Übens am meisten ausstieß. »Du nimmst dir nicht genügend Zeit, um zu zielen. Ich weiß, daß dich die Angst zur Eile antreibt, aber diese Eile wird dich geradewegs ins Grab bringen.«

Er packte Charles am rechten Arm und schüttelte ihn. »Um Gottes willen, du solltest das nicht vergessen. Wenn du dich töten läßt, werde ich wie ein Idiot dastehen.«

Er hatte den letzten Satz gedankenlos ausgesprochen und merkte nicht, wie lächerlich er war, bis Charles zu grinsen anfing. »Nun«, sagte Charles, »wenn ich mich aus irgendeinem Grund töten lassen wollte, dann sicher aus diesem.«

Sein Lächeln fühlte sich plötzlich steif auf seinen Lippen an. Orry war ein strenger Mann, ein harter Lehrmeister. Mit diesem Witz hatte Charles die Grenze überschritten. Er hatte sich durch die Veränderung, die sich in den vergangenen Tagen in ihrer Beziehung vollzogen hatte, einlullen lassen; seine Wut auf Orry hatte einem Gefühl der Brüderlichkeit, ja sogar einem gelegentlichen Aufflammen von Zuneigung Platz gemacht. Offensichtlich dachte Orry nicht, daß er völlig wertlos sei, sonst hätte er nicht so viel Zeit dafür aufgewendet, ihm zu helfen. Aber jetzt war Charles zu weit gegangen.