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Und doch tauchte in Orrys verfilztem Bart ein weißer Schimmer auf. Er lächelte.

»Natürlich nicht«, sagte er, und ihm wurde klar, wie töricht seine Bemerkung gewesen war. »Zum Teufel mit deinem Leben! Meine Ehre sollst du retten und meinen Stolz! Schließlich bin ich ein Mann aus dem Süden.«

Nun lachten sie beide herzhaft und ausgiebig. Dann berührte Orry den glänzenden Lauf der Johnson-Pistole. »Wir werden natürlich gar nichts erreichen, wenn wir weiterhin wie junge Eichelhäher schnarren. Ich zähle bis zehn. Du gehst los, drehst dich um und schießt auf diesen Ast. Versuch es diesmal richtig zu machen, wir haben nur noch zwei Tage.«

Eine Kältewelle brach herein. Am Tag des Duells standen Charles und Orry um halb fünf Uhr morgens auf, aßen jeder einen Zwieback, tranken Kaffee und stürzten sich dann in ihre Überzieher. Da Orry Ort und Stunde bestimmt hatte, würden die Waffen von den Smiths geliefert werden.

Sie gingen nach draußen, wo Diener mit Pferden in der Dunkelheit auf sie warteten. Tillet und Clarissa waren ebenfalls da; den Mädchen hatte man nicht erlaubt herunterzukommen.

Nebelschwaden hingen über der Erde; ein trüber Morgen. Vielleicht war es aber auch nur in seinem Herzen trüb, dachte Orry, als er auf sein Pferd stieg.

Tillet gab Charles einen festen Händedruck, Clarissa umarmte ihn. Als sie den Weg hinunterritten, glaubte Orry, im Osten die Morgendämmerung zu sehen. Die Pferde stießen beim Ausatmen lange Dunststreifen aus. Charles räusperte sich.

»Orry?«

»Ja?«

»Was auch immer geschehen mag, ich möchte, daß du weißt, daß ich deine Hilfe sehr geschätzt habe. Ich hätte nie geglaubt, daß sich jemand auch nur im geringsten um mich kümmern würde.«

»Wir alle mögen dich, Charles. Du bist ein Main. Wir sind eine Familie.«

Er meinte es ernst. Er war überrascht, wie sehr sich seine Haltung dem Jungen gegenüber in der bemerkenswert knappen Zeit verändert hatte. Charles war ein wißbegieriger Schüler gewesen und hatte die spöttischen Bemerkungen, die Orry früher so sehr an ihm gehaßt hatte, völlig unterlassen. Natürlich stand diesmal sein eigenes Leben auf dem Spiel. Und doch glaubte Orry, daß die Veränderung in dem jungen Mann noch auf etwas anderes zurückzuführen war: Orry hatte Charles die Hand hingehalten, und er hatte sie wie ein echter Bruder ergriffen. Schade nur, daß sich die Veränderung zu dieser späten Stunde ereignet hatte.

Hunderte von Sternen funkelten blaß in der Morgendämmerung. Charles atmete tief ein.

»Orry?«

»Ja?«

»Ich habe höllisch Angst.«

»Ich auch«, sagte Orry, als sie ihre Pferde auf die Flußstraße lenkten.

Als sie Six Oaks erreichten, hatte das Tageslicht den Nebel aufgefressen. Orry stellte verärgert fest, daß die Smiths mit mehr als zwanzig Mann, verschiedenen männlichen Verwandten aller Altersklassen, aufgekreuzt waren. Bei dieser Anzahl Zuschauer gab es wenigstens genügend junge Männer, die man als Beobachter zur Straße und zum Flußufer abkommandieren konnte. Sie protestierten zwar, weil sie das Schauspiel verpassen würden, waren aber rasch überstimmt.

Orry band die Pferde am Rand der Lichtung fest. Charles entledigte sich seines Überziehers, seiner Jacke, seiner Weste und Krawatte und rollte dann die Ärmel hoch. Der makellos gekleidete Whitney Smith und die anderen seines Clans sahen Charles’ Vorbereitungen mit offensichtlicher Verachtung zu.

Smith Dawkins, Whitneys Verwandter, stolzierte mit einem wunderschönen Pistolenkasten aus Rosenholz auf die Mains zu und öffnete ihn zur Inspektion. Die Waffen machten dem Kasten alle Ehre. Jeder der achteckigen Läufe lag zur Hälfte in einer Einbuchtung auf lackiertem Nußbaumholz, und für den Ladestock war eine kleine Nische ausgespart worden. Die Pistolen zeugten von einem vortrefflichen Handwerk und waren mit dem Namen eines Londoner Büchsenmachers sowie der Jahreszahl 1828 versehen.

»Zufrieden?« erkundigte sich Dawkins.

»Das sage ich Ihnen, nachdem ich sie begutachtet habe.« Orry nahm eine der Pistolen aus ihrem violetten Samtbett heraus.

Auf Charles’ Stirn glitzerten kleine Schweißperlen. Während die Sekundanten die Pistolen luden, schritt er auf und ab. Sie überreichten den beiden Duellanten je eine Pistole und zeigten ihnen dann den vereinbarten Standort. Es verblieben noch fünf Minuten für die letzten Vorbereitungen.

Charles sah ruhig aus. Er konnte seine Spannung nur unter Kontrolle halten, indem er sich immer wieder mit den Handflächen über die Schläfen strich. Orry mußte unbedingt austreten – Nervosität vermutete er –, aber er wollte Charles nicht allein lassen, besonders nicht, da das Rundgesicht Whitney Smith und sein Freund, der Stutzer Dawkins, flüsternd über ihren Gegner witzelten.

Orry kehrte ihnen den Rücken zu. »Ich weiß, daß du Angst hast, Charles. Aber vergiß eins nicht, du hast einen echten Vorteil. Du wirst wissen, was ich meine, wenn du dir den Pfau hinter dir sorgfältig ansiehst. Da er mehr Wert auf Schein als auf Beweglichkeit legt, trägt er immer noch seinen schweren Mantel. Abgesehen davon ist er zu dumm, um Angst zu haben. Männer, die Angst haben, sind vorsichtig. Die Männer von Whitneys Art sind die ersten, die in einer Schlacht fallen.«

Charles wollte eine Antwort geben, aber heraus kam nur ein nervöses Krächzen. Orry drückte seinen Arm. Charles legte seine Hand auf diejenige von Orry und drückte sie kurz.

»Danke«, sagte er.

»Meine Herren, sind Sie bereit?« rief Smith Dawkins. Er schien ungeduldig.

Orry drehte sich behend um. »Fertig.«

Er ging übers Feld, Charles hinter ihm. Die Zuschauer verstummten. Ein Silberreiher segelte über die in der Sonne glänzenden Baumwipfel davon. Der Fluß trieb friedlich und goldglitzernd am Rande der Lichtung dahin.

Whitney und Charles begrüßten einander mit einem Kopfnicken; Whitneys Nicken sah wie eine gnädige Entlassung aus, dachte Orry. Bei näherem Hinsehen konnte man feststellen, daß er eine unreine Haut hatte. Charles, der fünf Jahre jünger war, sah wesentlich reifer und gelassener aus. Als Whitney den Pistolenlauf senkrecht vors Gesicht hielt, zitterte seine Hand. Ein gutes Zeichen, es sei denn, Whitney gehörte zu jenen seltenen Duellanten, die besser zielten, wenn sie nervös waren.

Dawkins räusperte sich und wandte sich an die beiden Gegner, die mit erhobener Pistole Rücken an Rücken standen. »Ich werde erst das Wort los sagen. Auf dieses Signal entfernen Sie sich voneinander, während ich Ihre Schritte zähle. Beim zehnten und letzten Schritt dürfen Sie sich umdrehen und feuern. Fertig? Los.«

Charles schritt in die eine, Whitney in die andere Richtung. Orrys Herz begann wie wild zu klopfen. Er atmete tief ein und hielt dann den Atem an. Er und Dawkins wichen rasch zur Seite. Dawkins stand neben ihm und zählte.

»Drei. Vier. Fünf.«

Charles machte weitausholende, zuversichtliche Schritte. Das durch die Bäume fallende Sonnenlicht blitzte in seinem Haar auf. Er ist so begabt, dachte Orry. Wenn man sein Talent nur zur vollen Entfaltung bringen könnte. Wenn er nur lange genug lebte, damit es jemand versuchte.

»Sieben. Acht.«

Schweiß glänzte auf Whitneys fleckiger Haut. Das Zittern hatte nun auch seine Schultern erfaßt. Würde er schießen oder zusammenbrechen?

»Neun.«

Charles starrte geradeaus. Orry sah, wie er mit der Zungenspitze Schweißtropfen von seinen Lippen leckte, das einzige äußere Anzeichen der Angst, die ihm sicher den Magen umkehrte.