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Orry hätte ihm am liebsten zugerufen: »Vergiß nicht, ruhig und geschmeidig.«

»Zehn.«

Whitneys Knie sackten ein, aber er gab nicht nach und schaffte es, sich umzudrehen. Er holte mit derselben Heftigkeit aus, die Orry das erste Mal auf dem Feld bei Charles kritisiert hatte. Das Krachen verblüffte Charles. Er blinzelte so heftig, daß Orry glaubte, er sei getroffen worden. Dann segelte von einem Baum, etwa einen halben Meter hinter Charles, langsam ein Ast herunter.

Auf Whitneys Hose zeichnete sich ein dunkler Fleck ab. Er drehte sich unbeholfen halb um und wollte einen Schritt machen, als von den Zuschauern ein Schnauben und von Dawkins ein zischendes Flüstern kam.

»Du mußt stehenbleiben, Whitney. Stehen!«

Das tat er, nicht ohne Mühe. Der erniedrigende Fleck dehnte sich aus. Whitney zitterte so stark, daß seine Pistole auf und ab schwankte. Charles streckte langsam den Arm aus und zielte. Gelassen über den achteckigen Lauf blickend, feuerte er.

Whitney kreischte wie ein Mädchen. Er taumelte nach links, hielt sich den Arm und fiel. Blut strömte zwischen seinen Fingern hervor, aber Charles hatte ihn nur gestreift. Mehr noch: Er hatte den Punkt, auf den er gezielt hatte, genau getroffen. Orry rannte freudestrahlend auf ihn los.

Dawkins kniete neben dem bewußtlosen Whitney. Die Zuschauer brachen in Beifall aus. Erschöpft vor Anspannung taumelte Charles in Richtung Flußufer. Orry holte ihn ein.

»Du mußt diesen Applaus würdigen. Er ist für dich.«

Der junge Mann starrte Orry wie vom Donner gerührt an. Dann blickte er auf die Smith-Familie. Es stimmte. Sie zollten seiner Treffsicherheit, seinem Mut und seiner Großherzigkeit Beifall; er hatte Whitney nur verwundet, obwohl er ihn hätte töten können. Er hat alle Eigenschaften eines echten Gentlemans aus Carolina, dachte Orry trunken vor Glück. Charles salutierte den Zuschauern mit der Pistole. Aber er konnte immer noch nicht glauben, was geschehen war.

»Ich möchte mich nochmals bei dir bedanken«, sagte Charles, als sie heimwärts ritten. Der durch die Bäume fallende milde Sonnenschein warf Licht- und Schattenstreifen auf die Straße. Die beiden Männer fanden das Leben an diesem strahlenden Wintertag herrlich.

Kaum hatten Tillet, Clarissa und die Mädchen die Pferde erspäht, rannten sie bereits nach draußen. Doch bevor sie ihrer Freude freien Lauf lassen konnten, hörten sie gebannt Orrys Bericht an. Tillet beglückwünschte Charles mit großer Begeisterung, Clarissa schluchzte vor Erleichterung, und die Mädchen sprangen wild herum und baten Orry, die Geschichte von Charles’ gelassenem Mut noch einmal zu erzählen. Nach einer Weile faßte Charles Orry bei der Schulter und sagte: »Als ich früher Schlägereien hatte, fanden dies alle Leute schlecht. Auch du. Weshalb war es heute morgen anders? Es war ja viel gefährlicher als eine gewöhnliche Balgerei! Weshalb hat niemand protestiert?«

Ohne ihm eine Antwort zu geben, zog Orry seinen Vetter in die düstere Bibliothek und zeigte ihm den Kleiderständer mit Uniform, Mantel und Säbel.

»Da hast du deine Antwort.«

Charles sah verdutzt aus. »Ich verstehe nicht, was du meinst.«

»Männer ziehen in den Krieg. Was tun sie?«

»Kämpfen.«

»Ja, aber mehr noch. Sie tun das auf eine vorher genau vereinbarte Art und Weise. So hart dies auch sein mag, Ehrenmänner kämpfen nach einem Verhaltenskodex. Die Smiths haben dir nicht nur Beifall gezollt, weil du gesiegt, sondern auch, weil du die Regeln befolgt hast. Im Gegensatz zu Whitney. Er wollte deiner Kugel ausweichen. Du hast ihre Reaktion gesehen. Früher hast du nie nach den Regeln gekämpft. Das ist der Unterschied.«

Orry hob den linken Ärmel des Mantels hoch. »Es ist nicht so, daß der Mann, der den Kampf liebt, von der Welt verurteilt wird, sondern er wird ermutigt und manchmal belohnt. Sogar für den ehrenwerten Verlierer fällt etwas vom Glorienschein ab, wenn die Geschichtsbücher geschrieben werden. Ich bin mir nicht sicher, ob es richtig ist, Kämpfen und Töten zu fördern und zu belohnen, aber so sind die Dinge nun mal. Habe ich damit deine Frage beantwortet?«

Charles nickte bedächtig und starrte auf die Säbelscheide, die Messingknöpfe und den dunkelblauen Mantel, als ob sie eine religiöse Bedeutung bergen würden. Was Orry eben gesagt hatte, war wie eine Offenbarung.

Orry begann in einem Schrank herumzuwühlen. »Hier ist Whiskey. Ich weiß nicht, wie du’s hast, aber ich hab’ einen Mordsdurst.«

»Ich auch.«

Charles ging um den Kleiderständer herum, ohne seinen Blick auch nur einen Augenblick von der Uniform abzuwenden. Auch Orry wurde plötzlich wie von einer Offenbarung erfaßt. Er sah Vetter Charles plötzlich in einem völlig neuen Licht.

Vielleicht ist doch nicht alles verloren. Sieh ihn dir an, wie er die Uniform anstarrt. Er ist fasziniert.

Noch am selben Tag nahm er Vetter Charles unter seine Fittiche.

Er fing mit kleinen Anpassungsversuchen an. Mit sanften, beinahe scheuen Anregungen in bezug auf Aussehen, Manieren, Pünktlichkeit. Nichts, das zu wichtig oder zu fordernd gewesen wäre, denn er erwartete Widerstand. Aber Charles fügte sich sofort und auf beinahe übertriebene Weise. Er tauchte regelmäßig mit geschrubbten Händen und sauberem Gesicht, mit dem Hemd in der Hose und ohne Jagdmesser am Gürtel zu den Mahlzeiten auf.

Als nächstes erteilte Orry seinem Vetter Unterricht in Gesellschaftskunde: Zuvorkommenheit den Damen gegenüber und die allgemein anerkannte richtige Kleidung für familiäre und öffentliche Anlässe. Charles hörte nicht nur aufmerksam zu, sondern schritt gleich von der Theorie zur Praxis. Es dauerte nicht lange, und er behandelte Ashton und Brett mit einer Höflichkeit, die sie schlichtweg verblüffte. Aber sie genossen es, denn Charles war ein hübscher Bursche, und sein höfliches Benehmen wirkte überzeugend.

»Der Junge ist ein geborener Kavalier«, teilte Orry Madeline bei ihrem nächsten Treffen freudig mit. »Er beschämt mich. Er ist gewandt, charmant – und mehr noch, es ist alles natürlich bei ihm. Wo hat er diese Seite seines Charakters bloß all die Jahre hindurch versteckt?«

»Wahrscheinlich unter einer Schicht Dreck und Groll«, sagte sie mit einem liebenswürdigen Lächeln.

»Ich nehme an, du hast recht. Die Veränderung ist frappant. Alles, was er brauchte, um ein bißchen zu sich selbst zu kommen, war etwas Zuneigung von seiner Familie.«

»Hauptsächlich von dir. Sogar in Resolute ist er das Tagesgespräch. Nancy sagte mir, daß Charles dir überallhin folgt.«

»Den ganzen Tag, wie ein kleiner Hund. Es ist peinlich.«

Doch aus Orrys Gesichtsausdruck war zu schließen, daß er eigentlich nicht gegen die Heldenverehrung war. »Dumm ist nur, daß mit der Lösung des einen Problems bereits wieder ein neues geschaffen ist.«

»Was denn nun? Du hast doch gesagt, daß es mit Charles besser – «

»Genau das meine ich ja. Früher war ich davon überzeugt, daß man ihn eines Tages nach einer Rauferei oder einem Pferderennen tot im Straßengraben auflesen würde. Und jetzt zermartere ich mir den Kopf, was er mit seinem Leben anfangen könnte. Ich muß ihm einen Vorschlag machen, und zwar bald.«

»Das klingt, als wärst du sein Vater.«

»Mach keine Witze. Die Verantwortung ist nicht leicht.«

»Natürlich nicht, und ich mache auch keinen Spaß. Ich habe gelächelt, weil du so glücklich bist. Ich habe dich noch nie in einer solch guten Verfassung gesehen. Du trägst gerne Verantwortung.«

Er blickte sie an. »Ja, du hast recht.«

Jeden Abend nach dem Essen, wenn Orry nichts im Büro zu tun hatte, tranken er und Charles in der Bibliothek einen Whiskey. Manchmal gesellte sich Tillet zu ihnen, doch er war meist ein stiller Gast. Er wußte, daß sich in der Beziehung zwischen seinem Sohn und seinem Neffen eine positive und heilsame Veränderung ergeben hatte und wollte sich nicht einmischen. Es wurde ihm ebenfalls bewußt, daß Orry langsam zum Haupt der Familie aufrückte. Dies machte Tillet stark zu schaffen, aber es freute ihn auch. Wenn Tillet anwesend war, verhielt sich Charles zurückhaltend. War er nicht da, so konnte der junge Mann nicht genug über Orrys Erfahrungen als Kadett hören.