»Du hast dich in West Point wirklich wohl gefühlt, nicht wahr?«
»Nun, nicht nur. Aber ich habe dort mehrere gute Freunde gewonnen, und vor allem habe ich dort meinen besten Freund getroffen.«
»George.«
Als Orry nickte, fragte Charles: »Wolltest du in der Armee bleiben?«
»O ja, aber General Scott hat leider ein so merkwürdiges Vorurteil gegen einarmige Offiziere. Vielleicht, weil er immer noch zwei hat.«
Charles lächelte. Der Witz war etwas unbeholfen, aber es wurde ihm klar, daß es Orry noch nie gelungen war, ungezwungen über seine Verletzung zu reden. Eine bemerkenswerte Veränderung.
Charles starrte wieder auf die Uniform auf dem Kleiderständer. »Ich kann schlichtweg nicht begreifen, daß man kämpfen kann und dafür bezahlt wird.«
Orry hielt den Atem an. War dies der richtige Moment? Er ergriff die Gelegenheit. »Charles, mir geht so ein Gedanke durch den Kopf. Es wäre möglich, daß wir dir einen Platz in der Akademie sichern könnten.«
»Aber – ich bin doch nicht gescheit genug.«
»Doch, das bist du. Du weißt bloß nicht genug, um die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Mit andern Worten, du verfügst zwar über die Intelligenz, aber nicht über das Wissen. Herr Nagel wird dir dies jedoch sicher im Lauf des nächsten Jahres beibringen können. Du müßtest dich zwar selbst bewerben, aber ich weiß, daß du das kannst, wenn du wirklich willst.«
Von den neuen Zukunftsaussichten überwältigt, saß Charles eine Weile schweigend da, bevor er antwortete: »Ja, Sir, ich will.«
»Großartig! Ich werde Nagel morgen abfangen.«
»Was?« rief der Hauslehrer, als er von Orrys Plan hörte. »Unterrichten? Ihn? Ich würde meinen, nein, Herr Main. Wenn ich ihn das erste Mal tadle, weil er seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, wird er dieses fürchterliche Messer ziehen und zzzt!« Nagel fuhr blitzschnell mit dem Daumen über die Kehle. »Und hiermit nimmt meine brillante akademische Karriere bei Ihrer Familie ein schmähliches Ende.«
»Charles hat sich verändert«, versicherte ihm Orry. »Geben Sie ihm eine Chance. Ich zahle Ihnen ein Extrahonorar.«
Unter diesen Umständen war Herr Nagel bereit, ein Risiko einzugehen. Am Ende der Woche tauchte er mit einem verblüfften Gesichtsausdruck bei seinem Arbeitgeber auf.
»Sie haben völlig recht. Die Veränderung ist erstaunlich. Er ist zwar manchmal noch widerspenstig und aufbrausend – meistens, weil er nicht mit Dingen vertraut ist, die er schon längst gelernt haben sollte –, aber er hat eine rasche Auffassungsgabe. Ich glaube, daß ich ihn rasch weiterbringen kann, obwohl dies natürlich eine zusätzliche, hm, Anstrengung erfordert.«
»Für die Sie natürlich jede Woche ein Extrahonorar bekommen.«
»Sie sind zu liebenswürdig«, murmelte Herr Nagel, indem er sich verneigte. »Wir werden noch einen Gelehrten aus ihm machen.«
Orrys Stimme klang amüsiert, und seine Augen leuchteten. »Wir wollen lediglich einen West-Point-Kadetten aus ihm machen. Es wird doch noch einen Berufssoldaten in dieser Familie geben.«
Ende der ersten Aprilwoche ging Orry zu seinem Vater. »In zwei oder drei Jahren wird Charles so weit sein, daß er in die Akademie eintreten kann. Ich habe erfahren, daß es bis dahin einen Freiplatz gibt. Ich glaube, es ist nicht zu früh, sich jetzt schon darum zu bewerben. Schreiben wir erst mal einen Brief ans Kriegsministerium. Wir könnten Senator Calhoun bitten, ihn zu übermitteln. Soll ich ihn schreiben, oder möchtest du?«
Tillet zeigte ihm eine Ausgabe des Mercury. »Calhoun ist tot.«
»Um Himmels willen. Wann?«
»Am 31. März, in Washington.«
Eigentlich war es nicht überraschend, dachte Orry. Calhoun war in letzter Zeit nicht mehr erfolgreich gewesen, und vom politischen Standpunkt aus gesehen war der vergangene Monat einer der stürmischsten der jüngsten Vergangenheit gewesen. Henry Clays Kompromißvorschläge waren im Senat debattiert worden. Weil Calhoun der amtsälteste Redner war, sah man seiner Reaktion, obwohl sie vorauszusehen war, von allen Seiten mit gespannter Erwartung entgegen. Aber er war zu krank gewesen, um das Wort zu ergreifen, und Senator Mason hatte an seiner Stelle seinen Kommentar vorgelesen. Calhoun sprach sich natürlich gegen Clays Programm aus und warnte erneut davor, daß der Norden mit seiner Feindseligkeit den Süden in die Sezession treibe. Im Lauf der Jahre hatte sich Calhoun immer weiter von seinem gesamtnationalen Standpunkt entfernt und mehr und mehr der Wohlfahrt des Südens den Vorrang gegeben. Die meisten Südstaatler waren sich darin einig, daß er durch die Bestrebungen der Sklavengegner sowohl innerhalb als auch außerhalb des Kongresses zu dieser Kirchturmpolitik getrieben worden war.
Drei Tage nachdem Calhouns Rede vorgetragen worden war, vertrat Senator Daniel Webster den Standpunkt der Opposition. Mit brillanter Rhetorik unterstützte er Clays Vorschläge und setzte die Einheit der Union als oberstes Ziel. Für die meisten seiner Kollegen war die Rede jedoch zu optimistisch und zu kompromißbereit, und sie begannen bald darauf, ihn heftig zu kritisieren. Auch Tillet war Websters Ansprache vom 7. März ein Greuel, obschon er völlig andere Gründe dafür ins Feld führte als die Kritiker aus Websters eigenem Lager.
Doch im Augenblick dachte Orry in einem andern Zusammenhang an Calhoun. »Der Senator war einer der treuesten Freunde der Akademie.«
»Das war einmal«, schnappte Tillet, »er war auch ein Freund der Union, wie wir alle. Dann sind die Yankees uns in den Rücken gefallen.«
Tillet schien andeuten zu wollen, daß dies grundlos gewesen war. Orry dachte an Priam, sagte aber nichts. Der überraschende Gewissenskonflikt verunsicherte ihn. Sein Vater fuhr fort: »Nicht nur Alter und Sorgen haben John Calhoun ins Grab gebracht. Es waren Jackson, Garrison, Seward – die ganze verfluchte Bande, die sich ihm, und uns, auf der ganzen Linie entgegenstellten. Sie waren wie eine Meute von Jagdhunden hinter ihm her. Sie haben ihn bis zur Erschöpfung gejagt.« Tillet schmiß die Zeitung auf den Boden. »Wir werden uns daran erinnern.«
Orry schwieg; der unerbittliche Ton seines Vaters beunruhigte ihn.
Einige Wochen später fand Tillet einen neuen Anlaß für einen Wutausbruch. Ein Sklave, der von einer Plantage in der Nähe von Mont Royal geflüchtet war, war in Columbus, Ohio, von einem berufsmäßigen Sklavenhändler wieder eingefangen worden. Der Sklavenfänger hatte den Auftrag vom Besitzer des Sklaven bekommen.
Bevor der Mann und sein Häftling Columbus jedoch verlassen konnten, griffen die Sklavengegner ein. Sie drohten dem Sklavenfänger mit Lynchjustiz und nahmen den schwarzen Flüchtling in Schutzhaft; sie behaupteten, daß das Gericht den gesetzmäßigen Besitzanspruch prüfen müsse. Dies war jedoch nur ein Vorwand, denn sie wußten, daß das Gericht keine Entscheidungsbefugnisse hatte. Doch sie gewannen Zeit, um den Ausreißer entkommen zu lassen. Eine Hintertür war auf mysteriöse Art und Weise nicht abgeschlossen worden, und der Flüchtling konnte sich über die Grenze nach Kanada in Sicherheit bringen, bevor die meisten Leute etwas davon erfuhren. Das plumpe Ränkespiel in Ohio beleidigte den Besitzer des Sklaven und viele seiner Nachbarn schwer.
Mittlerweile teilte Orry sein persönliches Glück mit Madeline. Vetter Charles war ganz in sein Studium bei Herrn Nagel vertieft, und Orry konnte nicht umhin, mit den Fortschritten seines Schützlings zu prahlen.
»Wir werden den Unterricht im Sommer jedoch für zwei Monate unterbrechen müssen.« Es war ein linkischer Versuch, ein anderes Thema, das ihn beschäftigte, zur Sprache zu bringen, aber es mußte sein.