»Geht Charles fort?«
»Ja, mit uns. Ich habe ein Sommerhaus in Newport, in der Nähe von George, gemietet.«
»Ihr werdet euch also endlich wiedersehen.«
»Ja.«
»Oh, Orry, wie aufregend.« Ihre Freude schien echt. War sie enttäuscht, so verbarg sie es gut.
»Wirst du mich nicht vermissen?«
»Sag das nicht, ich werde dich schrecklich vermissen. Diese beiden Monate werden die längsten meines Lebens sein.«
Sie warf ihm die Arme um den Hals und küßte ihn leidenschaftlich. Nachdem sie wieder Luft geholt hatte, sagte sie: »Aber ich werd’s überleben, wenn ich weiß, daß du zu mir zurückkommst. Ich könnte es nicht ertragen, wenn du dich mit einem Yankee-Mädchen einlassen würdest.«
»Das würde ich nie tun«, antwortete Orry mit seiner humorlosen Aufrichtigkeit, die Madeline manchmal rührend und andere Male unausstehlich fand. »Es ist an der Zeit, daß Charles einen Blick über die Grenzen von South Carolina wirft. Wenn er zur Akademie geht, wird er viele Menschen mit neuen Ideen und andern Ansichten treffen. Das kann wie ein Schock wirken. Mir erging es jedenfalls so. Er muß vorbereitet werden.«
Sie berührte sein Gesicht. »Du klingst mit jedem Tag mehr wie ein Vater.«
»Das macht doch nichts, oder?«
»Nein.« Sie gab ihm einen freundschaftlichen, flüchtigen Kuß auf die Wange. Als sie sich an ihn schmiegte, ging ihr eine Frage durch den Kopf.
»Du sagst, die ganze Familie geht nach Rhode Island?«
»Cooper natürlich nicht.«
»Genau das meinte ich. Lag die Entscheidung, zu Hause zu bleiben, bei deinem Vater oder bei ihm?«
Cooper war vor zwei Tagen nach Mont Royal gekommen. Er und Tillet hatten es nicht geschafft, im selben Zimmer zu bleiben, ohne sich heftig über Clays Vorschläge zu streiten. Orrys Lächeln erlosch.
»Bei beiden«, sagte er.
23
Cooper Main liebte Charleston.
Er liebte die engen Pflastersteinstraßen, die viele Besucher an Europa erinnerten; die eleganten Sachen, die in den Läden zu kaufen waren; das Glockenspiel von den weißen Kirchtürmen, die in all den Jahren der salzigen Luft und den Stürmen standgehalten hatten. Er liebte die politische Beredsamkeit, die in der Saloon-Bar des Charleston Hotels an den Tag gelegt wurde, und das Klappern der Fuhrwerke, deren Kutscher ständig wegen überhöhter Geschwindigkeit Bußen erhielten. Er liebte den warmen Schein der Straßenlaternen, nachdem sie von den beiden städtischen Laternenanzündern oder einem ihrer Sklaven angezündet worden waren. Und er liebte das Haus, das er mit einem Teil des Gewinns aus der Carolina Shipping Company erworben hatte.
Das Haus befand sich in der Tradd Street, ganz in der Nähe der berühmten, alten Heyward-Residenz. Es war eines der typischen Charlestonhäuser, kühl und gemütlich. Auf jedem der drei Stockwerke befand sich eine Veranda, die sich jeweils über die ganze Länge des Gebäudes, das heißt, über etwa zwanzig Meter, erstreckte. Das Haus war sechs Meter tief, was genau eine Zimmerbreite ausmachte, und seine Längsseite grenzte an den Bürgersteig.
Obwohl man von dieser Seite her das Haus betrat, wurde die andere Seite, vor der ein schöner Garten lag, als Portalseite betrachtet. Cooper nannte den Garten sein zweites Büro. Oft arbeitete er hier stundenlang hinter einer hohen Ziegelsteinmauer, umgeben von den der Jahreszeit entsprechenden Blumen und Bäumen, wie Azaleen und Magnolien und dem kontrastreichen Grün der Kreppmyrte und des Yucca. Fast schämte er sich, ganz allein in einem so wunderschönen Haus zu wohnen.
Aber er war zu beschäftigt, um oft daran zu denken. Er hatte sein Scheinexil wie auch die kleine Baumwollversandgesellschaft zu einem triumphalen Erfolg geführt und war jetzt eben dabei, den Lagerraum durch einen zusätzlichen Ankauf zu verdoppeln. Bei solchen Entscheidungen fragte er seinen Vater nie um Rat. Tillet war immer noch der Ansicht, daß die Schiffsgesellschaft eine Last, ein finanzielles Risiko sei, und somit hatte Cooper freie Hand.
Das Hauptgebäude der Gesellschaft, das Warenlager und der Pier befanden sich auf der Concord Street, oberhalb des Zollgebäudes. Das Firmenzeichen, das sowohl auf einem Schild vor dem Gebäude als auch auf den Flaggen der beiden altersschwachen Schiffe zu sehen war, stellte die Buchstaben C.S.C. von einem ovalen Tau umgeben, dar.
Cooper war sich darüber im klaren, daß Charleston niemals der Baumwollhafen sein würde, so wie es früher der Reishafen gewesen war. Die Baumwollproduktion hatte sich nach Alabama und Mississippi verlagert. Doch es wurde immer noch eine beträchtliche Menge von Charleston aus verschifft, und Cooper wollte für die C.S.C. einen noch größeren Anteil. Aus diesem Grund hatte er vor einigen Monaten eine Hypothek auf seinen ganzen Besitz aufgenommen und der Black Diamond Schiffswerft in Brooklyn, New York, den Auftrag für ein moderneres Schiff erteilt.
Es sollte ein Schrauben-, nicht ein Raddampfer sein. Unter den Decks würden drei diagonale Trennwände für vier wasserdichte Abteile sorgen. Sollte der Schiffsrumpf irgendwo auflaufen, würde der Ladung in den unversehrten Abteilen nichts passieren.
Die Trennwände verteuerten das Ganze ungemein. Aber Cooper hatte bereits mit einigen Baumwollfabrikanten über seine Pläne gesprochen, und sie hatten so positiv reagiert, daß er sicher war, daß die Extrakosten sich lohnten. Schiffe liefen zwar nicht so oft auf Grund, aber die Fabrikanten ließen sich bei der Wahl eines Schiffes doch stark von dem beeinflussen, was geschehen könnte.
Ein Bruch im Schiffsrumpf war noch unwahrscheinlicher, weil statt Holz Stahl verwendet wurde, was nicht üblich war. Die Hazard-Werke würden diesen besonderen Stahl für den Rumpf liefern.
Cooper war stolz auf die Bauart des neuen Schiffes, das den Namen Mont Royal erhalten sollte. Bevor er eine Liste mit technischen Details zusammenstellen und nach Brooklyn bringen konnte, hatte er Monate mit der Lektüre von Schiffsarchitektur und dem Skizzieren von Plänen verbracht.
Cooper hatte keine große Mühe, die Finanzierung seines Vorhabens zu sichern. Die Bankiers von Charleston kümmerten sich nicht groß um seine politischen Ansichten, sondern vertrauten seinem Geschäftssinn. Er hatte den Umsatz der C.S.C. bereits um achtzig und den Gewinn um zwanzig Prozent steigern können. Dies war ihm gelungen, indem er die alten Schiffe überholen ließ, so daß sie zuverlässiger waren, und den Fabrikanten, die ein größeres Geschäft mit ihm abschlossen, einen Rabatt anbot.
Neben den Gebäuden in der Concord Street gehörte der C.S.C. jetzt noch ein weiteres Grundstück: vierhundert Hektar Land auf James Island, gegenüber der Halbinsel, auf welcher sich die Stadt befand. Dieses Grundstück lief etwa eine halbe Meile dem Wasser entlang und war nicht weit vom verlassenen Fort Johnson entfernt. Cooper hatte dieses scheinbar wertlose Stück Land im Zuge einer langfristigen Planung erworben, die er geheimhielt. Es machte ihm zwar nichts aus, wenn man sich über ihn lustig machte, aber er war der Meinung, daß ein vorsichtiger Geschäftsmann seine Ideen erst dann öffentlich bekanntgab, wenn dies seinen Interessen diente. In der Dämmerung des ersten Montags im Mai schlenderte er der Battery entlang und blickte auf sein Grundstück jenseits des Wassers. Er war immer noch der Meinung, daß seine Entscheidung richtig gewesen war. Es mochte Jahre dauern, bevor er das Land nutzen konnte, aber es würde auf jeden Fall einen Vorteil bringen.
Unter dem Arm trug er die letzte Ausgabe des Mercury. Er fühlte sich von der extremen Haltung der Zeitung abgestoßen, aber sie brachte doch viele gute Berichte über städtische und staatliche Ereignisse. Auf der ersten Seite war ein haarsträubender Artikel über eine alte Frau zu lesen, die von zwei Haussklaven, die sie getadelt hatte, erdrosselt worden war. Die Sklaven waren verschwunden und blieben unauffindbar; in einem Leitartikel ließ sich die Zeitung über die rebellischen Tendenzen der Neger aus und wetterte über die Yankee-Propagandisten, die die Stimmung noch anheizten. Wenn er an den großen Anteil der Schwarzen an der Einwohnerschaft dachte, fiel es Cooper nicht schwer, die Nervosität der Sklavenhalter zu verstehen.