Ein weiterer Artikel berichtete über verschiedene neue Feuergesetze. In Charleston wurden dauernd neue Feuergesetze erlassen, um eine weitere Brandkatastrophe wie diejenige, die die Stadt 1838 beinahe dem Erdboden gleichgemacht hatte, zu vermeiden. Auf dem Zeitungsrand hatte sich Cooper eine Liste von Dingen notiert, die er morgen für seine Reise in den Norden benötigte.
Die Bevölkerung von Charleston war auf beinahe 28.000 angewachsen, von denen etwas mehr als die Hälfte Weiße waren. Abgesehen vom alten ›Adel‹ gab es eine beträchtliche Anzahl temperamentvoller Iren, traditionsbewußter Deutscher und orthodoxer Juden. In der Abenddämmerung sahen die durch feste Eichen und Palmettobäume aufgelockerten Hausdächer und Kirchtürme lieblich aus. Die herrliche Aussicht sowie die kräftige Meerluft erinnerten ihn an ein Gelübde, das er vor ein paar Monaten abgelegt hatte: Solange er lebte, sollte dies sein Heim sein – oder zumindest so lange, bis er wegen seiner politischen Ansichten vom Pöbel vertrieben würde.
Mit einem herben Lächeln wanderte sein Blick von der Stadt zum Hafen und dem dahinterliegenden Ozean. Der Hafen von Charleston gehörte immer noch zu einem der wichtigsten Stützpunkte der Bundesregierung. Wohin man auch blickte, war ein Fort zu sehen. Zu seiner Linken lag Fort Moultrie auf Sullivan’s Island. Etwas näher, in einem Sumpfgebiet, konnte er Castle Pinckney entdecken. Geradeaus war der größte Teil von Fort Sumter zu sehen und auf James Island die alten, verlassenen Gebäude von Fort Johnson. Die verschiedenen Forts vermochten Cooper überhaupt nicht zu beeindrucken. Was ihn hingegen tagaus, tagein beschäftigte, war der Dampfschiffverkehr im Hafen. Cooper hatte in relativ kurzer Zeit eine tiefe Liebe zu den Schiffen und zur See entwickelt.
Das Land hinter ihm kam ihm alt und in jahrhundertealten Traditionen erstarrt vor. Das Land gehörte der Vergangenheit an, doch die See mit all den hin- und herfahrenden Dampfschiffen war ein modernes Reich der ungeahnten Möglichkeiten, der Entdeckungen und des Fortschritts. Die See gehörte der Zukunft.
Cooper fuhr mit dem Zug nach New York und verbrachte dort zwei Wochen in einem schäbigen Hotel in Manhattan. Sein Schiff befand sich bereits im Bau, und die Trennwände würden noch vor Ende des Monats fertiggestellt sein.
Er fertigte zahlreiche Zeichnungen des Schiffs und der Werft an und schrieb ganze Notizbücher voll, bevor er mit einem Gefühl der Erleichterung abreiste. Neben den Zwillingsstädten Brooklyn und New York schien Charleston langweilig und rückständig. Die Größe dieser Städte mit ihren geschäftigen, aggressiven Einwohnern schüchterte ihn ein.
Er nahm den Zug nach Pennsylvania. Seitdem er das letzte Mal in New York gewesen war, schienen sich die Eisenbahnlinien verzehnfacht zu haben. Die erste Lokomotive Amerikas, die berühmte ›Best Friend‹ aus Charleston, hatte ihre Jungfernfahrt im Dezember 1830 gemacht, also fast zwanzig Jahre zuvor. Schon drei Jahre später wurde die Charleston & Hamburg-Linie in Betrieb genommen, eine 136 Meilen lange Eisenbahnlinie, die bis zum Hafen am Savannah River führte. Cooper fand es eine traurige Ironie, daß das Eisenbahngeschäft nun gerade in dem Staat, der es am meisten gefördert hatte, ins Hintertreffen geriet. Die Yankees waren dabei, die Könige der Eisenbahn zu werden, so wie sie auch Könige jedes größeren Industriezweigs werden wollten.
Nachdem Cooper in Lehigh Station angekommen war, nahm ihn George mit ins Walzwerk und zeigte ihm den für den Schiffsrumpf der Mont Royal bestimmten Stahl. Durch den tosenden Lärm rief George ihm zu: »Viele Schiffsbauingenieure äußern sich immer noch abfällig über den Schiffsstahl, aber es ist das Geschäft der Zukunft.«
Cooper schrie ihm eine Antwort zu, aber George hörte ihn nicht. »Der britische Ingenieur Brunei«, fuhr er fort, »hat die Great Britain aus Eisen konstruiert, und sie hat den Atlantik mühelos überquert. Brunei will eines Tages ein so großes Stahlschiff konstruieren, daß die Great Britain daneben wie ein Reiskorn aussehen wird. Du befindest dich mit deiner Idee also in guter Gesellschaft.«
»Ich weiß«, schrie Cooper zurück. »Die Mont Royal ist im Grunde eine kleinere Ausgabe von Bruneis Schiff.« Die Idee war Cooper gekommen, als er zum erstenmal eine Beschreibung der Great Britain las.
George zeigte seinem Gast die gesamten Hazard-Werke, die seit Coopers letztem Besuch stark gewachsen waren. Die riesigen Hochöfen, das Walz- und das Stahlwerk, die neuen Eisenbahninstallationen liefen auf Hochtouren, sagte George. Der Fluß des geschmolzenen Eisens, der Tausende von Funken und grelles Licht und eine höllische Hitze abgab, schüchterte Cooper noch mehr ein als die beiden Städte, die er vor kurzem hinter sich gelassen hatte. Im Feuer und Lärm der Hazard-Werke erblickte er erneut die wachsende industrielle Macht des Nordens.
Jene Macht und die wimmelnde Menschenmenge in den Städten ließ die Forderung des Südens nach Unabhängigkeit in einem lächerlichen Licht erscheinen. Weshalb verbrachten die Hitzköpfe aus den beiden Carolinas nicht eine Woche hier oben? Sie würden bald feststellen, daß es der Norden und nur der Norden war, der die meisten ihrer Gebrauchsgegenstände lieferte: vom Baueisen zu den landwirtschaftlichen Geräten, von den Haarnadeln ihrer Frauen und Mätressen bis zum Metall für die Schießeisen, mit denen einige ihre absurden Ansprüche auf einen freien und autonomen Süden zu verteidigen beabsichtigten.
Und doch würde Tillet Main seine Ansichten niemals aufgrund eines solchen Besuches ändern. Sein Vater wollte sich seinen Glauben nicht durch die Wirklichkeit beeinträchtigen lassen. Cooper kannte eine Menge Männer, die ähnlich dachten. Wahrscheinlich gab es auch im Norden einige davon.
Während des Abendessens war er in gedrückter Stimmung. Während er düsteren Gedanken nachhing, setzte er ein Lächeln auf, das nicht aus seinem Innersten kam. Er gab sich redlich Mühe, der Konversation von Georges charmanter irischer Ehefrau und ihrer lebhaften Schwiegermutter zu folgen. Die Kinder von George, William und Patricia, hatten schon früher gegessen. »Es sind gute Kinder«, sagte Constance, »aber manchmal etwas temperamentvoll. Es ist besser, in Ruhe zu essen, ohne jeden Augenblick befürchten zu müssen, daß uns der Nachtisch an den Kopf fliegt.«
Georges Beitrag zum Tischgespräch bestand zur Hauptsache aus einem Monolog über die Notwendigkeit einer besseren und billigeren Methode der Stahlherstellung. Er erklärte einige der technischen Probleme mit einer solchen Klarheit, daß Cooper sich noch lange danach an alle Einzelheiten erinnerte. Constance hatte volles Verständnis für die Sorgen ihres Mannes und unterbrach ihn nicht. Am Ende der Mahlzeit und des Monologs zogen sich die beiden Männer ins Rauchzimmer zurück. George zündete sich eine Zigarre an, und Cooper genehmigte sich einen Brandy.
»Wir werden die Damen in einer Weile wieder im Musikzimmer treffen«, sagte George. Es klang nicht sehr begeistert. »Mein Bruder Billy wird auch herüberkommen, zusammen mit Stanley und seiner Frau. Billy wird die Militärakademie besuchen. Hat Orry dir das nicht gesagt?«
»Nein. Welch herrliche Überraschung. Vielleicht wird es in einem Jahr oder in zwei wieder zu einer Zusammenkunft kommen.«
»Eine Zusammenkunft? Was meinst du damit?«
»Erinnerst du dich an Vetter Charles? Er hat sich stark verändert, seitdem du ihn das letzte Mal gesehen hast. Auch er möchte nach West Point.«
George lehnte sich vor. »Du meinst, es besteht die Möglichkeit, daß ein weiterer Main und ein weiterer Hazard zusammen in West Point sind?« Lächelnd lehnte sich George zurück. »Nun, damit sieht der Abend besser aus.« Er wurde jedoch wieder ernst, als er sagte: »Ich hoffe, daß der Rest für dich nicht unangenehm sein wird.«