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»Weshalb denn?«

»Meine Schwester Virgilia wird für einige Tage kommen. Sie ißt selten mit uns zu Abend, aber sie ist hier.«

»Ich kann mich gut an sie erinnern. Ein hübsches Mädchen.« Cooper ließ die Lüge geschickt in die Konversation einfließen.

»Auch eigenwillig. Besonders was das Thema der Abschaffung der Sklaverei betrifft«, sagte George mit einem entschiedenen Blick auf seinen Gast. »Sie hat es in der Tat geschafft, sich die meisten Einwohner von Lehigh Station zum Gegner zu machen. Sie nimmt ein Körnchen Wahrheit und umgibt es mit einer Schale unmöglicher Kommentare und Urteile. So zum Beispiel behauptet sie, daß die Freiheit der Neger mit dem Grundsatz der freien Liebe eine gemeinsame ideologische Basis habe. Der Glaube an das eine verlange den Glauben an das andere. Diese Verknüpfung führt natürlich zu Rassenvermischungen, die ihrer Meinung nach wünschenswert sind.«

Cooper kippte seinen Cognac hinunter und enthielt sich eines Kommentars.

»Ohne auf letzteres eingehen zu wollen«, George kaute an seinem glimmenden Zigarrenstummel, »kann ich ohne weiteres behaupten, daß Virgilias Benehmen eine Menge Feindseligkeiten bei Menschen hervorruft, die ansonsten einigen ihrer Ideen positiv gegenüberstünden. Sie bringt auch Unruhe in unseren Haushalt. Die Geduld meiner Mutter wird aufs äußerste strapaziert, und ich kann dir nicht beschreiben, welche Wirkung Virgilia auf Stanleys Frau ausübt – oh, aber du kennst Isabel noch gar nicht, nicht wahr? Du wirst sie heute abend sehen, und du wirst sie im Sommer kennenlernen.«

»Leider nein«, murmelte Cooper. »Meine Geschäfte halten mich in Charleston zurück.« Eine weitere Lüge, aber diesmal zu seinen Gunsten.

»Das tut mir leid. Wo war ich steckengeblieben?«

»Bei Isabel und deiner Schwester.«

»Ach ja. Von den beiden ist es Virgilia, die mir Sorgen macht. Seitdem sie nach Hause gekommen ist, hat sie bereits zwei gemeine anonyme Briefe erhalten, und neulich wurde sie unten im Dorf mit Dreck beworfen. Nicht auszudenken, was ihr passieren kann, wenn sie weiterhin ihre wilden Ideen verbreitet. Ich nehme an, daß sie heute abend auch kommen wird, und ich fand es angebracht, dich zu warnen.«

Cooper legte ein Bein über das andere und lächelte. »Ich danke dir für deine Besorgnis. Sie wird mich nicht stören.«

»Ich hoffe nicht, aber sei dir nicht zu sicher.«

Cooper fand Stanley Hazard immer noch langweilig. Stanley prahlte dauernd mit Politikern aus Pennsylvania. Dabei sprach er jeden Namen so aus, als ob Cooper ihn kennen und beeindruckt sein müßte.

Von Isabel hatte Cooper den Eindruck einer hinterlistigen Frau. Sie hatte ihre Zwillinge mitgenommen. Sie rutschten unruhig auf ihrem Schoß umher und versuchten, einander mit Schreien zu übertrumpfen. Constance anerbot sich, den einen Jungen auf ihren Schoß zu nehmen, aber Isabel lehnte ab – zu heftig, wie Cooper dachte; offensichtlich mochten die Schwägerinnen einander nicht. Schließlich befahl Stanley seiner Frau, die lärmenden Kinder aus dem Zimmer zu entfernen. Man war allerseits erleichtert.

Billy redete begeistert von den bevorstehenden Ferien in Newport. Er hatte das Internat abgeschlossen und setzte nun sein Studium zu Hause fort, wobei er gelegentlich einen Abstecher nach Philadelphia machte, um sich mit seinem Lehrer zu besprechen. Der Junge war unverkennbar ein Hazard, obwohl er George überhaupt nicht ähnlich sah. Er hatte dunkleres Haar als George, und seine Augen waren von einem tieferen Blau.

Virgilia kam an. Sie ergriff Coopers Hand und schüttelte sie wie ein Mann. Ihre Mutter runzelte die Stirn. Nachdem sie etwas Konversation gemacht hatte, setzte sie sich neben Cooper und startete einen Direktangriff.

»Mr. Main, wie reagiert man bei Ihnen im Süden auf die Vorschläge von Senator Clay?«

Vorsicht, dachte er bei sich, als er ihren feurigen Blick sah. Sie will dich provozieren. Salonpolitik führt meist zu nichts anderem als zu Emotionen, sicherlich nicht zu einem Einvernehmen. Also antwortete er mit einem höflichen Lächeln:

»Wie man das ungefähr erwarten konnte, Miss Hazard. Die meisten Leute in South Carolina widersetzen sich jeglichem Kompromiß, der – «

»Ich auch«, unterbrach sie ihn. Maude ließ ein leises, tadelndes Wort fallen. Cooper war sicher, daß Virgilia es gehört hatte, aber sie kümmerte sich nicht darum. »Wenn es um die menschliche Freiheit geht, dann darf es weder Kompromisse noch Verhandlungen geben. Webster, Clay und die ganze Bande sollten gelyncht werden.«

Cooper lächelte steif. »Ich glaube, John Calhoun reagierte ähnlich, wenn auch etwas weniger heftig, auf jene Herren und ihre Vorschläge, aber aus andern Gründen.«

»Dann wäre ich für einmal mit dem verstorbenen, unbeweinten Mr. Calhoun einverstanden. Ansonsten war er ein Verräter.«

George, der eben ein Streichholz angezündet hatte, warf es gedankenlos auf den Teppich. »Um Himmels willen, Virgilia, benimm dich.«

Maude sprang auf und löschte das Streichholz aus. »George, sieh mal, was du angerichtet hast.« Stanley rümpfte die Nase und kreuzte die Arme. »Das war Virgilias Zunge.«

»Ein Verräter?« wiederholte Cooper. »Sicherlich meinen Sie das nicht so, Miss Hazard.«

»Es gibt keinen anderen Namen für jemanden, der Uneinigkeit befürwortet, um die Sklaverei zu protegieren.« Sie lehnte sich vor, die Hände auf ihren Knien zu Fäusten geballt. »Genauso wie es kein anderes Wort für einen Sklavenbesitzer als Hurenmeister gibt.«

Das unmittelbar darauf folgende Schweigen war so tief, daß man das Lamento von Isabells Zwillingen vom andern Ende des Hauses her hören konnte. Ruhig sagte Cooper: »Wenn ich nicht wüßte, daß Sie unbesonnen gesprochen haben, würde ich dies als eine Beleidigung für meine ganze Familie auffassen. Ich will keineswegs leugnen, daß die Mains Sklaven besitzen, aber sie führen eine Plantage, kein Bordell.« Er hielt den Atem an und wandte sich Maude zu: »Entschuldigen Sie, Mrs. Hazard, ich wollte nicht vulgär werden.« Er brauchte nicht zu sagen, daß die Wut ihn dazu bewogen hatte. Das war mehr als klar.

»Virgilia, entschuldige dich bei unserem Gast«, sagte George.

»Ich – « Sie zupfte nervös an ihrem Taschentuch herum. Ihr vernarbtes Gesicht wurde rot, und auf ihrer Oberlippe zeigten sich Schweißtropfen. »Ich wollte nur eine persönliche Überzeugung zum Ausdruck bringen, Mr. Main. Wenn ich Sie beleidigt habe, so geschah dies nicht mit Absicht.«

Aber das stimmte nicht. Sie tupfte sich mit dem Taschentuch die Lippen und konnte so einen Teil ihres Gesichts verbergen. Aber ihre Augen verrieten sie. Ihr Blick richtete sich mit einer fanatischen Wut auf Cooper.

»Auch ich habe zu heftig reagiert. Tut mir leid.«

Er haßte es, das zu sagen, aber die Höflichkeit verlangte es. George stand auf, ging um das Loch im Teppich herum und riß Cooper praktisch aus dem Stuhl heraus. »Machen wir einen Spaziergang!«

Kaum waren sie draußen, sagte er: »Mein Gott, wie fürchterlich, daß sie all das sagen mußte. Ich weiß nicht, welche Art Vergnügen es ihr bereitet, grob zu sein.«

»Mach dir keine Sorgen.« Cooper ging über die Steinplatten bis an den Rand des aufgeschütteten Rasens. Zu seiner Rechten warfen die drei Hochöfen rote Flammen in den nächtlichen Himmel.

»Ich mache mir aber Sorgen! Ich möchte nicht, daß Virgilia dich beleidigt, und vor allen Dingen möchte ich nicht, daß sie im Sommer deine Familie beleidigt. Ich werde mit ihr reden.« Seine Entschlossenheit machte einer plötzlichen Verwirrung Platz. »Sie ist meine Schwester, aber auch wenn ich mich auf den Kopf stelle, ich verstehe sie nicht. Jedes Mal, wenn sie über die Sklaverei und über den Süden herzieht, tut sie das, na ja, mit sexuellen Begriffen. Irgendwie hat sie es sich in den Kopf gesetzt, daß der ganze Süden ein Sündenpfuhl ist.«

Er schielte rasch auf Cooper, um zu sehen, ob er schockiert war. Cooper dachte nach. Oft verurteilen die Menschen das, was sie sich im geheimen wünschen.