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»Sie hat sich zu stark engagiert«, knurrte George. »Manchmal befürchte ich, sie verliere den Verstand.«

Ich fürchte, du könntest recht haben, dachte Cooper, aber er behielt es für sich.

Damit war das Thema abgeschlossen. Cooper reiste am nächsten Morgen ab, ohne Virgilia noch einmal zu sehen. Bald verblaßte die Erinnerung an ihren zornigen Blick etwas, und er überprüfte seine eigene, überraschende Reaktion: Ihre Äußerungen hatten ihn beleidigt; sie hatten ihn als ein Mitglied der Main-Familie und, ja, auch als Südstaatler beleidigt.

Cooper betrachtete sich selbst als einen Mann mit gemäßigtem Temperament. Doch wenn schon er von einer Yankee-Fanatikerin in Harnisch gebracht werden konnte, um wie vieles mehr mußten dann die Hitzköpfe des Südens wütend werden? Und welche heftige Reaktion mußte diese Wut bei ihnen auslösen? Das war der Aspekt, der ihn bei der ganzen Sache am meisten beunruhigte.

Etwa eine Stunde nachdem der Küstendampfer New York in Richtung Charleston verlassen hatte, sah er die junge Frau zum erstenmal auf Deck. Sie war in den Zwanzigern und reiste offensichtlich allein. Sie war groß, mit dünnen Armen und Beinen, einem flachen Busen und einer langen Nase. Unter ihrem Hut quoll eine Fülle von dunkelblondem, gelocktem Haar hervor. Sie ging langsam an der Reling entlang, hielt inne und starrte dann auf den Ozean. Ihre Gelassenheit und Selbstsicherheit verrieten Eigenständigkeit und Vertrautheit mit der Welt. Cooper beobachtete sie heimlich aus respektvoller Entfernung.

Ihr Blick war liebevoll, und sie hatte einen freundlichen Zug um den Mund, als ob sie oft und auf natürliche Art und Weise lächelte. Ein unbeteiligter Beobachter hätte jedoch geurteilt, daß sie im besten Fall gewöhnlich und im schlimmsten Fall häßlich war. Weshalb fand er sie dann etwas so Besonderes? Er wußte es nicht, aber er brauchte auch keine Erklärung.

Kurz darauf bemerkte er, wie ein anderer Mann die junge Frau auf etwas weniger diskrete Art und Weise beobachtete. Der Mann war fett, nicht mehr der Jüngste und trug einen karierten Anzug. Cooper war verärgert und dann enttäuscht, als die junge Frau davonschlenderte. Wenn sie den fetten Mann bemerkt hatte, so ließ sie sich nichts anmerken.

Kurz darauf war sie verschwunden. Cooper wußte, daß er sie unbedingt wiedersehen mußte, aber wie? Ein Gentleman sprach nicht einfach eine junge Dame an, die ihm nicht vorgestellt worden war. Er war immer noch dabei, eine Lösung für das Problem zu finden, als ein schwarzer Steward mit dem Gong zum Abendessen rief.

Im Eßsaal mußte er wütend feststellen, daß der Zufall die junge Frau und den Mann im karierten Anzug an denselben Tisch gesetzt hatte. Der Mann war kein Gentleman. Er rückte mit dem Stuhl näher an sie heran, indem er geflissentlich die hochgezogenen Augenbrauen der vier andern Passagiere, die am selben Tisch saßen, übersah. Während des Essens stieß er wiederholt mit der Hand ihren Unterarm an und lehnte sich öfters plump zu ihr hinüber, wobei er einen Scherz machte, den sie mit einem höflichen Lächeln quittierte. Sie aß rasch und verließ als erste den Tisch. Augenblicke später raste Cooper an Deck, um sie zu suchen.

Er entdeckte sie schließlich an der Steuerbordreling, wie sie die entfernten Dünen der Küste von New Jersey betrachtete. Ich werde es tun, zum Teufel mit dem Risiko, dachte er. Er räusperte sich und straffte die Schultern, doch das kribblige Gefühl in seinem Magen ließ sich nicht verscheuchen. Er ging langsam auf sie zu, mit der festen Absicht, sie anzusprechen. Sie wandte sich um und sah ihn freundlich an. Er hielt inne und wollte seinen Hut ziehen, als er bemerkte, daß er ihn in der Kabine vergessen hatte. Die Anrede blieb ihm im Hals stecken.

Er brachte stotternd einen Gruß hervor – eigentlich war es mehr ein Grunzen – und eilte davon. Idiot. Idiot. Jetzt würde sie nie mit ihm reden, und er konnte ihr keinen Vorwurf machen. Er hatte einen guten ersten Eindruck bei ihr erwecken wollen, ihr irgendwie mitteilen wollen, daß er höflich und sogar schüchtern war – Eigenschaften, die sie seiner Meinung nach sicher gemocht hätte. Aber die mangelnde Erfahrung hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Alles, was sie gesehen hatte, war ein Esel, der nicht grüßte, sondern grunzte.

Er beschloß, nicht an der Abendunterhaltung teilzunehmen, änderte seine Meinung jedoch in letzter Minute und gesellte sich zu den etwa dreißig Leuten im Salon. Der Conférencier, ein fröhlicher Italiener, kündigte an, daß anstelle des ursprünglich vorgesehenen Programms ein Sonderprogramm stattfinden würde. Man hatte herausgefunden, daß sich ein musikalisches Talent unter den Passagieren befand, und hatte es zu einem Vortrag überreden können. Er selber würde sie am Klavier begleiten. Er stellte Miss Judith Stafford aus Boston vor.

Miss Stafford stand auf – sie war die junge Frau von vorhin. Sie war in der ersten Reihe gesessen, wo Cooper sie nicht sehen konnte. Sie trug immer noch das einfach geschnittene Kleid, das er zum erstenmal auf Deck an ihr gesehen hatte.

Er war hingerissen, als sie als erstes eine Arie aus der Normet ankündigte. Sie hatte einen lieblichen Sopran, und ihre Phrasierung, ihre Gestik und Mimik zeugten von einer berufsmäßigen Ausbildung.

Sie gab noch drei Darbietungen, alles Opernarien; die letzte war ein dramatisches Stück aus Verdis Attila.

Cooper verliebte sich mit jeder Note mehr in sie. Er erschrak jedoch, als er bemerkte, wie ein Zuschauer der Wand entlang nach vorne schlich: der Mann im karierten Anzug. Er schwankte leicht, und dies nicht, weil die See rauh gewesen wäre, denn sie war ruhig. Der lüsterne Blick des Kerls verriet, woran er interessiert war. Nicht an Miss Staffords Talent.

Das Publikum beantwortete ihre letzte Arie mit rauschendem Beifall und wollte noch mehr hören. Miss Stafford besprach sich kurz mit dem Conférencier und entzückte dann das Publikum mit einer lebhaften Darbietung von ›Oh! Susanna‹, der von den kalifornischen Goldsuchern übernommenen Negerballade. Wiederum verlangten die Zuhörer eine Zugabe. Sie sang das berühmte Lied: ›Woodman, Spare That Tree‹. Einige der Zuhörer waren zu Tränen gerührt. Nicht aber Herr Karo, wie Cooper ihn insgeheim nannte. In seinen Augen glomm nur Lust.

Nach einer letzten Ovation ging das Publikum auseinander. Der Conférencier bedankte sich bei ihr und trollte sich; sie stand nun allein da und wurde sich unvermittelt der Anwesenheit von Herrn Karo bewußt, der ihr, ein öliges Lächeln auf dem Gesicht, entgegenschwankte. Cooper fühlte sich plötzlich wie von einem Magnet zu den beiden hingezogen. Wahrscheinlich ist er ein Berufsringer. Wenn du dich einmischst, wird er dich zusammenschlagen, und sie wird dich für einen Tölpel halten. Trotz dieser pessimistischen Gedanken eilte er unbeirrt nach vorne. Herr Karo war etwa zwei Meter von Miss Staffords Linker zum Stillstand gekommen und blinzelte dumm. Cooper packte das Mädchen am Ellbogen.

»Das war entzückend, Miss Stafford. Darf ich Sie nun um den Spaziergang bitten, den Sie mir vorhin versprochen haben?«

Sie wird um Hilfe schreien, dachte er. »Augenblick, warten Sie!« rief Herr Karo, eilte auf sie zu und fiel dabei kopfüber über einen großen Ledersessel, den er übersehen hatte.

Judith Stafford wandte sich mit dem ihr eigenen strahlenden Lächeln Cooper zu: »Ja, ich erinnere mich, und ich habe mich darauf gefreut.«

Als sie sich bei ihm unterhakte, stand ihm beinahe das Herz still. Er durfte sie nach draußen geleiten. Sobald sie an Deck waren, drückte sie seinen Unterarm spontan.

»Vielen Dank, diese Blindschleiche hat mich angestarrt, seit wir New York verlassen haben.« Sie zog ihre Hand zurück. »Ich will mich nicht aufdrängen, aber ich bin Ihnen sehr dankbar, Mr. – «

Sie zögerte. Konnte er seinen Ohren trauen?

»Cooper Main aus Charleston. Sind Sie zufällig aus South Carolina?«