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»Ja, ich bin in Cheraw geboren. Ich besuche meine Familie. Nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe, Mr. Main. Gute Nacht.«

Wenn du sie jetzt verlierst, wirst du sie für immer verloren haben. Er ergriff ihre Hand und bot ihr erneut den Arm an.

»Miss Stafford, ich möchte meine Belohnung, den Spaziergang – um Himmels willen, da ist er. Hier entlang.«

Sie eilten an einem Bullauge vorbei, hinter dem ein deprimierter Herr Karo hervorschielte. Er kam während der restlichen Reise nicht mehr an Deck und belästigte sie auch nicht mehr.

Judith Stafford lachte über Coopers Kühnheit, aber sie drückte seinen Arm, und sie gingen munter im Mondlicht zum Heck des Schiffs. Er war so glücklich, daß er über Bord gesprungen wäre, wenn sie dies von ihm verlangt hätte. Er hätte es getan, obwohl er nicht einmal einen Meter weit schwimmen konnte.

Sie verbrachten fast den ganzen nächsten Tag miteinander. Cooper wußte, daß sie seine Gesellschaft wahrscheinlich suchte, um sich andere, weniger vertrauenswürdige Herren vom Leib zu halten. Er hoffte jedoch, aus der Bekanntschaft werde sich eine Freundschaft entwickeln, bevor sie Charleston erreichten. Sie hatte vor, einen Tag in Charleston zu bleiben, um dort einzukaufen und dann mit Eisenbahn und Postkutsche nach Cheraw weiterzureisen.

Sie war als einziges Kind von Farmern am Fuße der Berge von South Carolina zur Welt gekommen. Ihre Mutter war tot, und ihr Vater lebte nun mit einer Verwandten in Cheraw; durch einen Unfall mit dem Pflug war er vor zwei Jahren zum Krüppel geworden.

»Mein Vater ist ein Waliser, ein Schotte und noch vieles mehr«, sagte sie, als sie am späten Vormittag eine Fleischbrühe löffelten. »Er ist als freier Bauer geboren und wird auch als solcher sterben. Als er noch sein Land bearbeitete, tat er dies ganz allein, es sei denn, Nachbarn, die er später bezahlte, halfen ihm mal. Er haßt die Reis- und Baumwollpflanzer, weil sie nur dank Armeen von Sklaven erfolgreich sein können. Und er haßt sie auch, weil sie eine kleine Minderheit sind und doch den ganzen Staat unter ihrer Kontrolle haben. Diese Macht ist übrigens einer der Gründe dafür, weshalb ich vor fünf Jahren, als ich einundzwanzig war, fortgezogen bin.«

»Es gibt eine Menge Farmer in South Carolina, die ebenso denken wie Ihr Vater, nicht wahr?«

»Tausende. Wenn es nach ihnen ginge, wäre die Sklaverei in einer Minute abgeschafft.«

»Um in der nächsten Minute von einem Aufstand der Schwarzen gefolgt zu werden?«

»Ach, das ist bloß eine Ausrede«, sagte sie mit einem Kopfschütteln.

»Nun, ich höre sie des öfteren.« Er schluckte und eröffnete ihr die Wahrheit: »Seit Generationen baut meine Familie Reis an und hält sich Sklaven.«

Sie stieß einen kleinen Überraschungsschrei aus: »Sie haben mir zwar Ihren Namen gesagt, aber ich habe ihn nicht mit den Mains in Mont Royal in Verbindung gebracht.«

»Weil ich sagte, daß ich in Charleston lebe, was stimmt. Ich bin vor zwei Jahren von zu Hause fortgegangen. Mein Vater und ich sind uns über vieles nicht einig, unter anderem über die Sklaverei.«

»Sie sind also dagegen?«

»Ja, aus praktischen wie auch aus ethischen Gründen.«

»Dann fühlen wir gleich.«

»Ich freue mich, Miss Stafford.« Er merkte, wie er errötete.

Ihre braunen Augen leuchteten, wie er es bis jetzt nur geträumt hatte. Plötzlich war jede Erinnerung an die Feueröfen von Lehigh Station wie weggeblasen, und die Zukunft sah ganz anders aus.

»Bitte«, sagte sie, »Möchten Sie mich nicht Judith nennen?«

Cooper konnte gut reden, wenn es sein mußte, aber er mußte sich anstrengen. Auch sie war eher schüchtern. Vielleicht war das der Grund, weshalb die Verbundenheit zwischen ihnen so schnell so stark geworden war.

Auf der Reise nach Charleston erzählte er ihr vieles über sich selbst. Sie tat ein gleiches. Ihr Vater war davon überzeugt, daß eine Ausbildung wichtig war, und hatte sein ganzes Leben lang gespart, um ihr dies zu ermöglichen. Sie hatte die beiden letzten Schuljahre im Norden, auf Miss Deardorfs Female Academy in Concord, Massachusetts, verbracht und war nach Abschluß ihres Studiums gebeten worden, als Musik- und Literaturlehrerin dort zu bleiben.

Sie kam also, genau genommen, nicht aus Boston, ging jedoch so oft wie möglich in die Stadt. Sie gehörte der Federal Street Church an und teilte die gemäßigten Ansichten des Sklavereigegners William Ellery Channing.

»Ein Unitarier also«, Cooper grinste. »Man sagt, die meisten von ihnen hätten Haare auf den Zähnen.«

»Nun, die einen sind radikaler als die andern. Aber auf welcher Seite stehen Sie denn?«

»Ich befürchte, ich lasse mich nicht so leicht einordnen. Ich bin ein Gegner der Sklaverei, aber ich werde nie für Gewalt zu ihrer Abschaffung eintreten. Ich bin der Ansicht, daß der Versuch, in einem unabhängigen Süden die Sklaverei beizubehalten, lächerlich ist. Wir müssen uns mit den Yankees verständigen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihnen wäre zu riskant, denn erstens sind sie uns zahlenmäßig überlegen, und zweitens sind wir von ihrer Industrie abhängig. Wenn wir unsere eigenen Wege gingen, so wäre das unser Ende.«

»Nach dem, was ich gelesen habe, sind die meisten Politiker des Südens anderer Meinung.«

»Sie erinnern sich nicht mehr an das, was sie in der Bibel gelernt haben«, entgegnete er mit einem schwachen, bitteren Lächeln. »›Daß die andern dich fürchten, hat dich verführt, und dein Herz ist hochmütig.‹ Jeremias neunundvierzig.«

»Nun, ich denke nicht so – so differenziert wie Sie«, gab sie zur Antwort. »Die Sklaverei ist ein Übel, das mit allen dafür notwendigen Mitteln ausgerottet werden muß. Reverend Channing versucht, an die christlichen Gefühle der Sklavenbesitzer zu appellieren, aber das hat sich bislang als erfolglos erwiesen.«

»Damit wird er auch nie Erfolg haben. Die Stimme des Geldes ist hier im Süden lauter als die Stimme Gottes.«

»Ist das nicht überall so? Aber wie können wir in diesem Land von Freiheit reden, wenn die Hälfte der Bevölkerung in Unfreiheit lebt?«

»Mein Vater sagt, daß die Sklaverei ein Positivum ist.«

»Nichts gegen Ihren Vater, aber Despoten glauben immer, daß sie Wohltäter sind.«

Er lächelte. »Ich sehe, Sie haben Ihren Reverend Weld gelesen.«

»Und Garrison und Douglas. Ich glaube, was sie alle sagen. Wir müssen den Preis für die Emanzipation bezahlen – wie hoch er auch immer sein mag.«

»Ich bin nicht einverstanden, aber vielleicht werde ich es eines Tages sein. Ich stelle fest, daß ich mehr und mehr von der vorherrschenden Meinung abweiche. Wahrscheinlich wird man mich demnächst aus Charleston verjagen. Doch bevor das geschieht, würde ich Ihnen gerne mein Haus zeigen.«

»Was? Ohne Anstandsdame?« neckte sie ihn. Ihre Blicke trafen sich. »Ich würde Ihr Haus sehr gern sehen, Cooper.«

Ermutigt durch ihren ernsten Blick, küßte er sie wenige Minuten später auf der Schwelle ihrer Luxuskabine. Sie erwiderte seinen Kuß leidenschaftlich, entschuldigte sich sofort für ihre Schamlosigkeit und bat ihn dann flüsternd, sie nochmals zu küssen.

Es war eine zauberhafte Reise, und am Schluß gestanden sie sich ihre Liebe zueinander. Als der Dampfer in den Hafen von Charleston einlief, unterhielten sie sich darüber, wie schnell es ihr gelingen würde, ihre Zelte in Concord abzubrechen, und ob sie sich wohl in South Carolina wieder glücklich fühlen könne.

Der Lotse kam bei Sonnenuntergang an Bord. Cooper und Judith standen an der Reling und betrachteten die letzten Sonnenstrahlen auf den Kirchtürmen der Stadt. Cooper war noch nie jemandem begegnet, dem er so fest vertrauen konnte, jemandem, mit dem er reden konnte, ohne Angst, mißverstanden oder verachtet zu werden.

»Die Mains waren seit jeher Landleute, aber ich habe mich in die See verliebt. Vielleicht deshalb, weil das Land untrennbar mit der Sklaverei und deren Elend verbunden ist.« Sein Blick schweifte übers Heck und über den Atlantik. »Für mich bedeutet dieser Ozean eine echte Chance, wie früher frei zu sein. Er ist ein Symbol für die Geschwindigkeit der Dampfschiffe, für eine kleiner werdende Welt, für die Zukunft.« Er zögerte kurz und wurde rot. »Findest du das lächerlich?«