Sie schüttelte den Kopf. »Bewunderungswürdig und auch realistisch. Aber es dauert lang, bis altmodische Ideen sterben. Das ist ja auch der Grund, weshalb es in letzter Zeit so viel Aufruhr gibt. Eine alte Idee liegt im Sterben, aber die Menschen dieses Staats wollen die unvermeidbare Tatsache nicht akzeptieren. Würden sie dies tun, wäre alles sehr viel einfacher.«
Cooper seufzte. »Ja, aber ihr Widerstand ist begreiflich. Ein Mann gibt vieles auf, wenn er seine Neger aufgibt. Er gibt etwas hin, das ich noch keinen einzigen Sklavenbesitzer habe erwähnen hören, aber es existiert, es ist wesentlich, und es ist das Grundübel des ganzen Systems.« Die Hafenbrise spielte in seinem Haar, als er über den Ozean blickte. »Die totale Macht. Die Sklaverei verleiht einem Menschen die totale Macht über einen andern. Kein Mensch auf der Welt dürfte eine solche Macht haben, kein König, kein Präsident – und sicherlich nicht mein Vater. Macht ist destruktiv, das habe ich schließlich eingesehen. Mein Vater ist immer ein guter und menschlicher Herr gewesen, aber eines Tages wurde er wütend und ordnete an, daß einer unserer Sklaven mit der Katze ausgepeitscht wurde. Weißt du, was das ist?«
Sie erschauerte. »Ja. Ich habe darüber gelesen.«
»Nun, mein Vater ließ es geschehen. Und weil er der Besitzer des Mannes war und als solcher nie in Frage gestellt wurde, konnte nichts ihn daran hindern, sich wie ein Tier zu benehmen und einen andern Menschen wie ein Tier zu behandeln. Deshalb habe ich meine Zweifel an Reverend Channings Methode. Die totale Macht übt eine geheimnisvolle Anziehungskraft auf die schlechte Seite in uns allen aus.«
Als sie seinen lauteren Gesichtsausdruck sah, war Judith plötzlich kühn genug, um etwas zu tun, von dem sie bisher nur geträumt hatte: die Hand eines Mannes zu ergreifen – in der Öffentlichkeit.
Sanft umschlossen ihre Finger die seinen. Sie freute sich über den Mut, den sie im Laufe dieser Reise an den Tag gelegt hatte. Als sie in Boston abreiste, hätte sie sich dies nie träumen lassen. Zweifellos war diese herrliche neue Freiheit nur ein weiteres Zeichen dafür, daß sie schließlich den Mann gefunden hatte, den sie für den Rest ihres Lebens lieben konnte.
Auch Cooper hatte eine Gefährtin gefunden. Eine anständige, intelligente Frau, die in seinen Augen von überragender Schönheit war. Eine Frau, welche sein differenziertes Denken, viele seiner Überzeugungen und einige seiner Zweifel zu teilen verstand. Mit ihr – sollte sie ihn heiraten wollen – würde er die stürmischen Zeiten, die bestimmt kommen würden, sicher überstehen. Heute abend noch wollte er ihr im Haus in der Tradd Street den Heiratsantrag machen.
Mit dieser Entscheidung breitete sich Ruhe in ihm aus. Ohne sich um die Blicke einiger schockierter Passagiere zu kümmern, hielten sich Judith und Cooper die Hände und blickten einander in die Augen, als Fort Sumter langsam am Bug vorbeiglitt und in der Dunkelheit versank.
24
In jenem Sommer kam es bei den Hazards zu lästigen Streitereien und starken Spannungen. Die Diener wetteten kleine Geldsummen, wer noch mit wem reden würde, wenn die Familie endlich nach Newport aufbrechen würde. Einige der Hausangestellten setzten sogar darauf, daß man überhaupt nicht gehen würde.
George entdeckte, daß Stanley Cameron eine weitere Spende hatte zukommen lassen, diesmal im Betrag von zweitausend Dollar. »Du hast doch versprochen, damit aufzuhören!« Er unterstrich seinen Vorwurf, indem er so hart auf den Schreibtisch schlug, daß das Fenster klirrte. Bevor er antwortete, wich Stanley in die andere Ecke des Zimmers aus. George war zwar klein, aber Stanley hatte Angst vor ihm. Er hatte jedoch noch mehr Angst vor Isabel.
»Ich habe nie gesagt, daß ich endgültig damit aufhören würde. Du mußt mich mißverstanden haben. Abgesehen davon, brauchte Simon dringend – «
»Ach, du nennst ihn schon beim Vornamen. Busenfreunde! Welchen Bären läßt du dir aufbinden? Was ist der Preis?« Stanley wurde rot. George ging wütend auf und ab. »Mit jedem Tag steigen unsere Kosten, und du verschleuderst unser Geld an korrupte Politiker und für private Eisenbahnwaggons.«
Stanley hatte auf eigene Faust einen Vertrag für einen vierachsigen Eisenbahnwaggon mit Wohnzimmer, Schlafabteilen und einer Küche abgeschlossen. Der außergewöhnliche Waggon, einer von wenigen in den Vereinigten Staaten, wurde zum weiteren Ausbau nach Delaware verschickt. Stanley war von seiner Frau zum Kauf gedrängt worden, die immer wieder betonte, daß sie nicht in einem öffentlichen Bahnwagen nach Rhode Island fahren würde.
»Wir könnten dies sicher diskutieren, ohne ausfällig zu werden, George.«
»Diskutieren! Zum Teufel! Für den Eisenbahnwaggon ist es zu spät, aber ich verbiete dir, Cameron auch nur noch einen Cent zu geben!«
»Solange ich die Finanzen unter Kontrolle habe, tue ich, was mir gefällt. Du kannst dich ja mit Mutter unterhalten, wenn’s dir nicht paßt.«
Er hatte nicht den Mut, seinen jüngeren Bruder anzusehen, als er diese Trumpfkarte ausspielte. George gab wütend nach, wie Stanley dies erwartet hatte. George mochte wohl damit drohen, zu Maude zu gehen, aber Stanley wußte jetzt, daß sein Stolz dies nie zulassen würde. Mit einem hämischen Grinsen verließ Stanley das Zimmer. Die Tür fiel mit einem Knall ins Schloß, ein herausfordernder Schlußpunkt.
George setzte sich fluchend hin. Er versuchte, sich zu beruhigen, aber es mißlang. Er war in Stanleys Händen, und beide wußten es. Er weigerte sich, zu Maude zu rennen, aber die gegenwärtige Lage war unmöglich, es gab keinen Ausweg. Er griff nach einem Tintenfaß und schleuderte es an die Wand.
»Kindisch«, murmelte er eine Minute später. Aber obwohl das Problem immer noch ungelöst war und die Tinte sein Hemd ruiniert hatte, fühlte er sich jetzt wesentlich besser.
Stanley erzählte Isabel von der Auseinandersetzung: Natürlich war George der Bösewicht und Stanley der Held.
Sie rächte sich mit einem neuen Angriff auf ihre Verwandten. Mit einem falschen Lächeln ›wunderte‹ sie sich – laut – über die religiöse Erziehung von William und Patricia. Sie kramte die alten Horrorgeschichten über die katholischen Priester wieder hervor, die einen schlechten Einfluß auf ihre Pfarrei und folglich auf deren Kinder ausübten. Doch ihre eigentliche Zielscheibe war George. Während Wochen war sein angeblich total fehlender Glaube ein beliebtes Gesprächsthema unter den Frauen der Oberschicht von Lehigh Station.
Nein, George sei nicht katholisch, verkündete Isabel, aber er setze auch keinen Fuß in seine eigene Kirche, die Methodistenkirche. Liefen die armen Kinder nicht Gefahr, gottlos aufzuwachsen? Leute, die sich früher nie Gedanken über dieses Problem oder über Georges Charakter gemacht hatten, redeten plötzlich kaum noch über etwas anderes.
Erst hörte Constance, dann George den Klatsch. Sie wurde traurig, er wütend. Es war ein schwacher Trost für sie, als sie einen Brief von Orry erhielten, in dem stand, daß auch in der Main-Familie Zwietracht herrschte. Cooper hatte seine bevorstehende Heirat mit einer Frau angekündigt, die Unitarierin war und auf der Seite der Sklavereigegner stand. Tillet konnte kaum noch an sich halten. Orry hoffte, daß die Reise nach Newport die Spannungen wenigstens eine Zeitlang mildern würde.
Virgilia reiste für zehn Tage nach Philadelphia, wo sie wiederum eine Rede halten sollte. Maude hatte den Gedanken an eine Anstandsdame schon lange aufgegeben. Virgilia tat, was sie wollte.
Fünf Tage später, als man die ersten Reisevorbereitungen traf, wurde Isabel von einer ihrer Freundinnen angesprochen. Grace Truitt war eben aus Philadelphia zurückgekommen. Sie und ihr Mann hatten dort das Chestnut Street Theater für eine Aufführung des People’s Lawyer besucht, ein uraltes, aber immer noch populäres Stück, in dem ein anscheinend dummer Yankee klügere Leute immer wieder übertölpelte.