»Ihre Schwägerin saß in einer Loge in Begleitung eines gutaussehenden Mannes namens Toby Johnson«, sagte die Besucherin.
»Ich kenne den Herrn nicht.«
»Das wäre auch überraschend, aber in Philadelphia haben alle von ihm gehört oder gelesen. Virgilia und Mr. Johnson waren zusammen an der Versammlung der Gegner der Sklaverei.« Grace Truitt machte eine Pause, bevor sie die Katze aus dem Sack ließ. »Bei diesem Anlaß hat Mr. Johnson von seinen Erfahrungen in North Carolina vor seiner Flucht erzählt.«
»Flucht? Um Himmels willen. Er ist doch nicht etwa ein – Neger?«
»Schokoladenbraun«, sagte die andere nickend. »Sie stolzierten im Theater herum, berührten einander immer wieder und tauschten Blicke aus, die, na ja – « Die Dame betupfte ihre glänzende Oberlippe mit dem Taschentuch. »Man kann sie nur verliebt nennen. Ich hasse es, Ihnen eine solch tragische Nachricht übermitteln zu müssen, aber ich hatte das Gefühl, daß Sie es wissen sollten.«
Isabel wurde übel. »Haben sie mit ihrer Anwesenheit im Theater Aufsehen erregt?«
»Ich würde meinen, ja. Mehrere Paare verließen empört den Saal, bevor der Vorhang hochging. In der ersten Pause hat jemand eine Tüte Dreck in die Loge geschmissen. Ohne Zweifel eine vulgäre Reaktion. Aber Virgilia und ihr Begleiter saßen wie die Ölgötzen da und ignorierten es.«
Isabel ergriff die Hand der Frau. »Bitte behalten Sie das für sich, Grace. Ich werde die Familie zum gegebenen Zeitpunkt, wenn Virgilia nach Hause kommt, unterrichten.«
»Sie können sich auf meine Diskretion verlassen.«
Aber es war ein leeres Versprechen.
Maude schickte einen Kutscher ins Dorf, um Virgilia vom Boot abzuholen. Nicht weit vom Kanal entfernt wurde sie von zwei herumlungernden Männern mit ihrem Gepäck in der Kutsche bemerkt. Einer der Männer hob einen Stein auf.
»Bring deinen Nigger-Geliebten nicht nach Lehigh Station!«
Er warf den Stein allerdings mit mehr Emotionen als Treffsicherheit, und er flog an Virgilia vorbei. Der Kutscher blickte verdutzt. Sie ignorierte seinen Blick und starrte auf den Angreifer. Als George und seine Familie sich gegen Abend um Stanleys Tisch zum Essen scharten, sprachen schon alle Familienmitglieder über das Ereignis.
Bevor der erste Gang aufgetragen wurde, sagte Maude: »Virgilia, ich habe erfahren, daß heute ein unangenehmer Zwischenfall stattgefunden hat. Was war denn die Ursache?«
Virgilia zuckte die Achseln. »Meine Freundschaft mit Toby Johnson, nehme ich an. Ich bin in Philadelphia mit ihm im Theater gewesen. Klatsch verbreitet sich schnell. Vielleicht hat mich eine engstirnige Person aus Lehigh Station gesehen.«
Es ärgerte Isabel, daß ihr Auftritt verdorben worden war. Aber wenigstens konnte sie versuchen, die Ungeheuerlichkeit von Virgilias Fehltritt zu betonen.
»Falls es jemand nicht wissen sollte, Johnson ist ein Neger.«
Für George war dies nichts Neues; er hatte den Zwischenfall vor einer Stunde mit Constance besprochen. Er kaute wütend auf seinem Zigarrenstummel, da Virgilia, nach ihrem Gesichtsausdruck zu schließen, die peinliche Verlegenheit der Familie offensichtlich zu genießen schien. Zwar überraschte ihn ihr Benehmen nicht mehr, aber es machte ihn immer noch wütend.
Virgilia schob trotzig das Kinn vor. »Toby Johnson ist ein feiner Mann, und ich werde ihn so oft sehen, wie ich will.«
Billy sah vergnügt aus, alle andern waren aufgeregt. Stanley stotterte, unfähig, klar zu reden. Maude betrachtete ihre Tochter in trauriger Resignation. George ergriff das Wort.
»Wir haben nichts gegen dein Engagement, Virgilia, aber du gehst zu weit. Ich sage dies nicht nur, weil der Mann ein Schwarzer – «
Er schrumpfte unter ihrem Blick zusammen. »Natürlich, George. Sei kein Heuchler.«
»Na schön – vielleicht spielt seine Hautfarbe eine Rolle. Aber ich nehme an, daß ich darüber hinwegsehen könnte, wenn du diesen Mann wirklich liebtest.«
»Wie kannst du es wagen, etwas über meine wirklichen Gefühle –?«
»Virgilia, halt den Mund und laß mich ausreden. Ich glaube, im Grunde möchtest du nur die Aufmerksamkeit auf dich lenken. Du bietest der Welt trotzig die Stirn, weil du – irrtümlicherweise – glaubst, daß sie dir wehgetan hat. Dabei bringst du Schande über deine Mutter und die Familie. Eine anständige Frau tut gewisse Dinge einfach nicht, ob der Mann nun schwarz, weiß oder violett ist.«
Virgilia knüllte ihre Serviette zusammen und schmiß sie beiseite. »Wie entsetzlich selbstgefällig du geworden bist.«
Maude stieß einen leisen Schrei aus und wandte das Gesicht ab.
»Es geht nicht um mich, sondern um dich und dein Benehmen«, entgegnete George. »Wir werden es nicht tolerieren.«
Sie stand auf und sah ihn mit einem kalten Blick an. »Es wird dir nichts anderes übrigbleiben, Bruderherz. Ich bin eine erwachsene Frau. Es ist meine Sache, mit wem ich schlafe.«
Verlegen schielte Constance zu Billy hinüber. George und Stanley blickten einander an, der Schock und die Wut hatten sie für einmal vereint. Isabel atmete schwer. Virgilia rauschte aus dem Zimmer.
Maude legte die Hand auf ihre Augen, um die aufsteigenden Tränen zu verbergen.
Als die Familie am nächsten Nachmittag mit zwei Kutschen abreiste, war George schlechter Laune. Eine dritte Kutsche folgte mit dem Gepäck. Die Hazards würden von Philadelphia aus mit ihrem privaten Eisenbahnwaggon weiterfahren.
George war nervös, weil er sich acht Wochen nicht um das Geschäft kümmern konnte. Er hatte seitenweise Instruktionen für die Aufseher und Vorarbeiter hinterlassen und hatte vor, mindestens einmal nach Lehigh Station zurückzufahren. Aber die Familie brauchte seine Hilfe mehr als die Hazard-Werke. Etwas mußte geschehen, um den Frieden wieder herzustellen und um Virgilia daran zu hindern, ihn im Laufe des nächsten Monats wieder zu zerstören.
Isabel blickte Virgilia dauernd scheel von der Seite an. Virgilia blieb unbeeindruckt und schwatzte munter über die Landschaft, das Wetter, alles, bloß nicht über den Zwischenfall. Sie war auf eine unbekümmerte, beinahe arrogante Art fröhlich.
Während des Zwischenhalts in Philadelphia blieb sie ohne Erklärung die ganze Nacht fort. An jenem Abend ging Maude noch vor Sonnenuntergang zu Bett. Am nächsten Morgen jedoch schien sie sich besser zu fühlen, als wäre sie entschlossen, die Situation, so traurig sie auch war, zu akzeptieren. Um vier Uhr nachmittags stiegen die Hazards in den privaten Eisenbahnwagen. Auf jeder Seite des Wagens stand in großen goldenen Lettern Pride of Hazard. Darüber befand sich ein goldener Adler mit ausgebreiteten Flügeln. Das Innere des Wagens war ebenso luxuriös ausgestattet. Alle staunten über die geschnitzten Fensterrahmen, die glänzenden Messingverzierungen, die mit Intarsien aus Rosenholz ausgestattete Täfelung und die dunkelrote Damasttapete.
Stanley hatte keine Kosten gescheut. Die Sessel waren aus feinstem Plüsch, die Waschschüsseln aus teurem Marmor. George mußte zugeben, daß der Eisenbahnwagen wunderschön war, aber er wagte nicht, nach dem Preis zu fragen. Er wollte zu Hause in einem Sessel sitzen und leicht betrunken sein, wenn er sich die Rechnung ansah.
Für den Sommer hatte man einen schwarzen Koch engagiert. Er stand bereits hinter den Töpfen und bereitete Seezungenfilets fürs Abendessen zu. Virgilia unterhielt sich gut zehn Minuten mit ihm. »Als ob es keinen Unterschied zwischen ihnen gäbe«, zischte Isabel Constance hinter der Hand zu. »Es muß etwas geschehen.« Constance ging nicht auf sie ein. Virgilia kam aus der Küche und verschwand in ihrem Schlafabteil, eine Ausgabe des Liberator unter dem Arm.
Die Jungen, William, Laban und Levi, rannten im Wagen herum, kletterten auf die Möbel, rüttelten an Türklinken und veranstalteten auf der Tretorgel ein höllisches Konzert. Um viertel vor fünf wurde der Wagen an den New-York-Expreß angehängt, der wenige Minuten später losdonnerte.