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Die Familie aß das Seezungenfilet und trank teuren französischen Wein, während der Schnellzug nordwärts durch die langweilige Ebene von New Jersey raste. Virgilia war nicht anwesend; sie hatte sich ein Tablett mit ins Schlafabteil genommen.

»Wahrscheinlich wird sie ihren dunklen Freund nach Newport einladen«, sagte Isabel mit schriller Stimme. Sie hatte eine beträchtliche Menge Rotwein getrunken und den Weißwein der übrigen verachtet.

»Wir sollten etwas tun.«

George bemerkte, wie die Augen seiner Frau funkelten, aber es gelang Constance, sich unter Kontrolle zu halten. »Vielleicht sollten wir lediglich Geduld haben. Wenn sie sich nur mit Johnson eingelassen hat, um ihre Unabhängigkeit zu bestätigen, wird das ganze nicht von Dauer sein.«

Unbefriedigt von dieser Antwort sagte Isabel mit weinerlicher Stimme: »Und was sollen wir in der Zwischenzeit tun? Unter der Demütigung leiden? Von der Gesellschaft geächtet werden? Ich sage euch, wir müssen etwas unternehmen!«

»Das hast du schon mal gesagt«, sagte Maude unwirsch. »Was schlägst du vor?«

Isabel öffnete den Mund, schloß ihn wieder und stand mit nervöser Gestik auf.

»Entschuldigt mich bitte, ich glaube, ich habe die Kinder gehört.«

Sie eilte ins Schlafabteil. George suchte unter dem feinen Leinentischtuch nach der Hand seiner Frau und drückte sie mit einem resignierten Blick. Dann schenkte er sich ein weiteres Glas Chardonnay ein und trank es in wenigen Zügen leer.

Gegen Mitternacht wurde der Pride of Hazard im New Yorker Zentralbahnhof vom Zug aus Philadelphia abgekoppelt und an einen nach Providence angehängt. Der Privatwagen befand sich jetzt zwischen den Fracht- und Gepäckwaggons und den Passagierwagen, also genau in der Mitte des Zuges.

Etwa zur selben Zeit griff in einem Weiler namens West Haven an der Connecticut-Küste ein Weichensteller, der eben mit seiner Freundin einen Riesenkrach gehabt hatte, zur Flasche, um seinen Ärger herunterzuspülen. Er trank so schnell und so viel, daß er vergaß, eine Weiche umzustellen, nachdem ein Zug nach New York das Nebengleis verlassen hatte und auf der Hauptlinie weitergefahren war. Dieser Lokalzug hätte auf dem Nebengleis warten müssen, bis der Eilzug nach Boston durchgefahren war.

Der Weichensteller marschierte auf unsicheren Beinen nach New Haven. Wäre er ein zuverlässiger Mann und nüchtern gewesen, so hätte er sich Gedanken über die vergessene Weiche gemacht. Der nächste Zug aus New York würde nun auf das kurze Nebengleis gelenkt werden und in eine Barrikade prallen. Dahinter gähnte eine tiefe Grube.

Constance wand sich unruhig in den Armen ihres Mannes. Der Platz war etwas knapp für zwei, aber sie haßte es, allein in ihrer Koje zu liegen und hatte sich für eine Weile neben ihren Mann gelegt.

»Bevor ich regelmäßig Schlafwagen benütze, muß irgendein Genie eine bessere Schlafgelegenheit erfinden«, murmelte sie ihrem Mann ins Ohr.

»Aber sonst ist es doch recht gemütlich, nicht wahr?« Gerade als er das sagte, spürte er einen Ruck. »Hast du das bemerkt? Als ob wir das Gleis gewechselt hätten.«

Der Führer der vierachsigen Winans-Lokomotive war zu Tode erschrocken. Er hatte die Position der Weiche einige Sekunden zu spät gesehen, und die Maschine war überraschend auf das Nebengleis gelenkt worden. Obwohl er blitzschnell das Notsignal zog, wußte er bereits, daß es den Bremsern nie gelingen würde, den Zug rechtzeitig anzuhalten.

Im Licht der Öllaterne an der Spitze des Zuges sah er die Barrikade auf sich zukommen. »Spring, Fred!« schrie er seinem Gehilfen zu, der bereits auf dem Trittbrett stand.

Dies würde also sein Ende sein, dachte der Lokomotivführer: ein Name in einem Zeitungsbericht über ein weiteres Eisenbahnunglück. Es ereigneten sich so viele, daß die Pfarrer und Politiker sagten, es sollten keine Eisenbahnen mehr gebaut werden.

Er zog wieder am Notsignal; es zerbrach ihm in der Hand. Als letztes sah er die Barrikade auf sich zurasen. Mit einer Geschwindigkeit von fünfzig Kilometern pro Stunde durchbrach die Lokomotive die Barrikade, raste einen kurzen Abhang hinunter und sauste wie ein riesiger Flugkörper in die Tiefe, den Rest des Zuges hinter sich herziehend.

25

»Constance, hol die Kinder. Irgend etwas – «

George konnte die überflüssige Warnung nicht zu Ende sprechen. Constance wußte, daß etwas geschehen war: Der Wagen wurde hin- und hergerüttelt und kippte leicht auf die linke Seite.

Sie hatte das merkwürdige Gefühl zu schweben. Der Boden unter ihren Füßen war plötzlich schräg, und sie kämpfte sich bis zum Schlafabteil ihrer Kinder vor. Die Lokomotive prallte auf dem Grund der Grube auf. Sekunden bevor sie zerschmettert wurde, erkannte Constance, daß der private Eisenbahnwagen, und wahrscheinlich der ganze Zug, entgleist war.

Sie riß die Zwischentür auf. Als erstes sah sie den rußigen Zylinder einer Lampe, die sie brennengelassen hatte. Der Eisenbahnwagen war ganz mit Holz und Lackarbeit verkleidet. Wenn sie den Aufprall überlebten, würden sie hier drin lebendigen Leibes geröstet werden.

Der langsame Gleitflug schien eine Ewigkeit zu dauern. Mit lautem Geräusch barsten die Eisenkupplungen. Durch den Aufprall der Waggons explodierte der Dampfkessel der Lokomotive, und eine Riesenwolke von heißem Dampf und herumfliegenden Metallstücken entfaltete sich wie eine Blume aus dem Garten eines Wahnsinnigen.

Eisen kreischte, Menschen schrien. Der Hazard-Wagen brach mitten entzwei. Der dahinter folgende Wagen kippte zur Seite und sauste neben dem ineinandergeschachtelten Metallhaufen, auf dem die vordere Hälfte des Pride of Hazard lag, in die Tiefe. Constance hörte, wie verletzte Männer in der Dunkelheit schrien: Die Angestellten der Gepäckwagen saßen im Graben unten in der Falle.

»William? Patricia? Bleibt bei Mutter! Haltet euch an mir fest. Es wird alles gut werden.«

Die Kinder schluchzten, wie auch Dutzende von andern Passagieren in den andern Wagen – ein Chor von zu Tode erschrockenen Menschen, die versuchten, durch das Krachen von Holz, das Klirren von Glas und das Knistern der Flammen hindurch gehört zu werden. Wo war George? In ihrem Schrecken hatte sie ihn aus den Augen verloren. Sie vermutete, daß er ihr Abteil durch die Zwischentür zum Korridor verlassen hatte.

Die Lampen im Hazard-Wagen brannten nicht, und doch war es hell. Vom Feuer. Es erhellte das Gesicht von George, als er wieder in das Abteil kam, wobei er auf der Decke ging, die nun zum Fußboden geworden war.

»Gib mir eins der Kinder.« Er streckte die Arme aus. Hinter ihm erkannte sie Stanley, der sich durch den Korridor kämpfte. Er stieß Maude vor sich her und zog Isabel, die einen Zwilling auf jedem Arm trug, hinter sich her.

Constance überreichte George William. Mit Patricia kletterte sie durch das Abteilfenster, was nun sehr schwierig war, da der Wagen auf dem Dach lag. Sie wagte es nicht, einen Blick auf das sich schnell ausbreitende Feuer zu werfen. Es fraß sich mit sengender Hitze durch die Wand hinter ihr.

»Mach nur, George, ich bin okay.« Mit der noch freien Hand hob sie ihr Nachthemd hoch, damit sie nicht stolpern würde. Sie begann zu husten; der Rauch wurde zusehends dichter.

Sie folgte ihrem Mann in den Korridor, der in der einen Richtung durch Trümmer und in der andern durch Isabel blockiert war. Isabel hatte plötzlich die Nerven verloren. Sie ließ die Zwillinge zu Boden gleiten und brach in hysterische Schreie aus. Ihre beiden Söhne weinten und klammerten sich an die Beine ihrer Mutter, in der Hoffnung, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie nahm keine Notiz von ihnen.

»Wir müssen sie von hier wegkriegen«, schrie Constance und hielt ihrem Mann Patricia entgegen. Er versuchte, William mit einem Arm zu halten und hob seine Tochter auf die Schultern. Constance drückte sich an ihm vorbei, packte Isabel an den Schultern und schüttelte sie. Als das nicht half, versetzte sie ihr eine Ohrfeige. Isabel stolperte gegen Stanley, der sie an den Handgelenken packte und durch den beißenden Rauch zog.