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»Laban, Levi«, keuchte Constance und kauerte neben die Zwillinge, während George sich an ihr vorbeiwand. Es blieben ihr nur noch Sekunden. Das Abteil hinter ihr stand in Flammen, das Feuer züngelte bereits durch die Tür. Die plumpen Zwillinge klammerten sich an sie, während sie versuchte, ihre Nerven unter Kontrolle zu halten.

Sie hielt ihnen die Hände hin. »Haltet euch an mir fest!« Sie führte sie in die Richtung, in die George gegangen war, den Korridor hinunter. Er war vom Rauch verschluckt worden – wie alle andern.

Die hölzerne Wand zu ihrer Rechten war mit Blasen bedeckt. Einen Meter vor ihr züngelten plötzlich Flammen an der Wand. Der Ausweg war versperrt. Hinter ihr stand ebenfalls alles in Flammen.

Es blieben noch die Fenster. Sie versuchte, die Scheibe mit ihrem nackten Fuß zu zertrümmern. Das Glas zitterte, zerbrach aber nicht. Sie versuchte es ein zweites Mal. Das Glas zersprang und riß ihr die Fußsohle auf.

Die hereinströmende Luft fachte die Flammen an. Was erwartete sie wohl draußen? Wie tief mochte es sein? Würden sie auf gefährlichen Trümmern landen? Sie konnte nichts sehen, aber es gab keinen andern Ausweg. Sie riß ein Stück Holz aus der verbogenen Wand und vergrößerte die Öffnung, indem sie noch mehr Glas zertrümmerte. Sie spürte keinen Schmerz, merkte aber, daß ihre Handgelenke bluteten. Sie ließ das Holz fallen und hob Laban hoch.

Sie warf erst ihn und dann seinen Bruder durch die Öffnung. Dann sprang sie selbst, nur wenige Augenblicke, bevor der Wagen von einer Wolke aus Feuer und Rauch verschluckt wurde.

Sie landete etwa zwei Meter weiter unten auf einem steinigen Abhang und rollte dann verdutzt ein kleines Stück hinunter. Die brennenden Trümmer über ihr wurden undeutlicher, als sie, nach Luft schnappend und unfähig, sich zu bewegen, beinahe das Bewußtsein verlor.

Schreie überall. Rauchschwaden. Das Dröhnen von Feuer und das schrille Zischen von Dampf, der immer noch aus irgendeinem Ventil der Lokomotive entwich.

Verletzt und benommen wie sie war, gelang es Constance immer noch, die verschiedenen Geräusche voneinander zu unterscheiden: Sie hörte Laban und seinen Bruder in Angst und Schrecken schreien, die Zwillinge mußten ganz in der Nähe sein. Sie brauchten jemanden. Mit letzter Willensanstrengung zwang sie sich aufzustehen, strich sich mit blutigen Händen das Haar aus dem Gesicht und stolperte über den Hang, bis sie die Zwillinge endlich fand. Als sie sie aufhob, kam ein merkwürdig gurrendes Geräusch aus ihrem Mund – ein Ersatz für ein Lachen.

»Jetzt wird alles gut, Jungs.« Sie hielt einen unter jedem Arm und erklomm den Hang. Die spitzen Steine verletzten ihre blutenden Füße noch mehr. »Alles wird gut. Wir werden eure Mutter finden. Wir finden sie.«

Wenn sie nicht tot war.

Würden die kleinen Jungen sich an die Schreie der Opfer erinnern, die unter den Eisenbahnwagen begraben worden waren? Würden sie sich an den gellenden und erstickenden Schrei eines Menschen erinnern, der in einem Wagen gefangen war und lebendig verbrannte? Sie würde es nicht vergessen. Sie würde es nie vergessen, Gott helfe ihr.

Das Massengrab, wie die Katastrophe von West Haven später etwas sensationsgierig von der Presse genannt wurde, hatte zwanzig Tote gefordert: vierzehn Passagiere und sechs Eisenbahnangestellte einschließlich des Lokomotivführers. Die Hazards hatten keine Toten zu beklagen – der schwarze Koch jedoch war gegen eine Wand geschleudert und von einem herausragenden Stück Metall wie von einem Speer durchbohrt worden. Die Zugmitte war offenbar am sichersten gewesen; sämtliche Todesfälle hatten sich vorn und in den zwei letzten Wagen ereignet.

Nach und nach fand Constance die restlichen Familienmitglieder wieder. Erst Billy, dann Maude, die reglos und wie betäubt auf dem Boden saß, George und ihre Kinder und schließlich Stanley, der Isabel, die abwechslungsweise schluchzte und tobte, zu beruhigen und zu trösten versuchte.

Als letzte erblickte sie Virgilia am äußersten Ende des Trümmerhaufens. Georges Schwester hatte ihr Kleid in Streifen gerissen, um Verbände anzulegen. Sie rannte in ihrer Unterwäsche und strotzend vor Dreck wie eine Bergziege die Geröllhalde auf und ab, auf der Jagd nach Überlebenden, die sie zu befreien versuchte. Den Pride of Hazard gab es nicht mehr.

Constance rieb sich die Augen. Sie sah, wie Stanley neben seinen Söhnen kniete und ihre blutigen Füße untersuchte.

»Wie geht es ihnen?« fragte sie.

»Ich weiß es nicht. Wie kommt es, daß ihre Füße so fürchterlich zerschunden sind?«

Constance schwieg; sie konnte bloß ihren Kopf schütteln. Der Idiot war wütend auf sie. Es war unglaublich.

»Wer ist zerschunden? Sind meine Kinder verletzt? Laßt mich sehen.«

Isabel, die sich offensichtlich wieder gefaßt hatte, rannte schreiend an Maude vorbei und warf sich neben ihren Zwillingen, die ihre Tränen zurückzuhalten versuchten, auf die Knie. »Laban! Levi! Meine armen Lieblinge! All das Blut, die schrecklichen Wunden! Was hat sie euch angetan?«

Sie umschlang die Knaben und schielte mit einem Blick äußerster Feindseligkeit zwischen ihnen hindurch. »Constance, wenn meine Kinder dauernde Schädigungen davontragen, werde ich es dir nie verzeihen.«

»Dauernde Schädigungen?«

Constance fand das ganze so lächerlich, daß sie nicht weiterreden konnte. Sie warf den Kopf zurück und lachte, ein rauhes und hysterisches Lachen, worauf sich Stanleys und auch Georges Gesicht verfinsterte. »Um Gottes willen, Isabel«, keuchte sie schließlich, »ist dir auch nur im geringsten klar, was du da sagst?«

Isabel ließ die Knaben los und sprang auf die Füße. Haarsträhnen fielen ihr in die Stirn, als sie auf ihre Schwägerin zustolperte. »Natürlich. Sieh sie dir an. Sieh dir ihre Füße an!«

»Es tut mir leid, wenn du nicht zu schätzen weißt, was ich getan habe, Isabel. Aber das tust du ja nie. Ich habe die Zwillinge gerettet. Niemand half ihnen, du schon gar nicht. Du hast hysterisch geschrien und deine Kinder ihrem Schicksal überlassen.«

George redete ihr sanft zu: »Ich glaube, mehr brauchst du nicht zu sagen.«

Constance war klar, daß er nicht schon wieder Streit wollte. Er bat sie darum, damit die Probleme nicht noch größer würden. Sie verstand seine Botschaft, aber ihr war jetzt alles egal. Die Berührung mit dem Tod hatte lange aufgestaute Gefühle hochgebracht.

Den Blick auf Isabel geheftet, sagte sie: »Oh, ja, es gäbe vieles zu sagen. Du solltest ausgepeitscht werden für deine Undankbarkeit. Ich würde es tun, wenn du nicht eine so bedauernswerte Kreatur – «

»Aber – « Stanley wollte etwas sagen, aber Isabels Schrei übertönte ihn: »Du irische Hure!« Sie packte einen spitzen Stein und rannte damit auf Constance los. George stellte sich eilends vor seine Frau, riß Isabel den Stein aus der Hand und schmiß ihn gegen die ineinandergeschachtelten Waggons, die immer noch glühten.

Isabel wollte ihm einen Faustschlag versetzen, aber George packte ihren Unterarm und drückte ihn mit eisernem Griff herunter. Mit erschütterter Stimme sagte er: »Sie hat recht, du bist undankbar. Seit Constance nach Lehigh Station gekommen ist, hast du nichts anderes getan, als ihr dauernd eins auszuwischen. Sie versuchte es zu ignorieren, es dir zu verzeihen – und ich auch. Aber das hier ist zuviel. Sie hat den Zwillingen das Leben gerettet, und statt ihr dankbar zu sein – «

»George, du gehst zu weit«, ließ sich Stanley hinter ihm vernehmen.

George würdigte seinen Bruder keines Blickes. »Halt dich da raus. Isabel, ich werde stets darauf bedacht sein, daß meine Familie dich höflich behandelt, aber das ist alles. Von nun an möchte ich dich nicht mehr in Belvedere sehen. Du wirst nie wieder einen Fuß in mein Haus setzen.«