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»Willst du wohl nicht so mit meiner Frau reden«, rief Stanley und packte George an der Schulter. Stanleys impulsive Geste brachte das Faß zum überlaufen. George wirbelte herum, fegte Stanleys Hand weg und trat dann einen Schritt zurück, um seinen Schlag mit großer Treffsicherheit auszuführen.

Stanley redete wild auf ihn ein, doch George schenkte der ersterbenden Stimme der Vernunft kein Gehör und tat, wovon er schon lange geträumt hatte: Mit aller Kraft schlug er Stanley in die Magengrube.

Isabel stieß einen gellenden Schrei aus. Stanley schnappte nach Luft. George auch; er hatte so hart zugeschlagen, daß er glaubte, die Hand gebrochen zu haben.

»Papa«, brüllte einer der Zwillinge. Stanley versuchte, nicht in die Knie zu gehen, aber der Schlag hatte ihn aus dem Gleichgewicht geworfen. Mit rudernden Armen stolperte er rückwärts und landete schließlich auf seinem Hintern. Seine Wangen glänzten rot im Licht der brennenden Eisenbahnwagen. Als er zu seinem jüngeren Bruder aufblickte, war ein hilfloses Bitten in seinen Augen zu lesen. Er keuchte schwer und sah dick, weich und plötzlich alt aus. Hilflos.

O Gott, ich wünschte, ich hätte das nicht getan, dachte George. Aber der Schlag war nicht mehr rückgängig zu machen, er würde ihm und auch den andern stets in peinlicher Erinnerung bleiben. Merkwürdig, daß er gleichzeitig Reue wie auch Erleichterung und einen gewissen Stolz auf seine Tat empfand.

Er ging auf seinen Bruder zu und hielt ihm die Hand hin. »Laß mich dir auf die Beine helfen.«

Stanley packte Georges Unterarm und stand auf. Er nahm die Hilfe mit einem Flattern der Augenlider zur Kenntnis, aber sein Blick verriet keine Dankbarkeit. George hatte auch keine erwartet. Doch da war etwas anderes, ein Gefühl, das George schon früher geahnt hatte und das sich jetzt bestätigte.

Er hat Angst vor mir. Er hat schon immer Angst vor mir gehabt.

Obwohl George die Angst schon früher bemerkt hatte, hatte er nie erkannt, welche Macht sie ihm verlieh; dies wurde ihm erst jetzt klar.

Stanley schwankte an ihm vorbei und versicherte Isabel, daß er in Ordnung war. Dann wandte er sich einem weinenden Zwilling zu, hob den kleinen Jungen hoch und tröstete ihn. George und Constance umarmten ihre Kinder. Billy ging zu Maude hinüber. Während der nächsten Minuten sagte niemand etwas, alle standen wie unter einer Art Schockwirkung. George war sich nicht sicher, ob das Unglück oder der Kampf schuld daran war.

Stanley und Isabel vermieden es, George und seine Familie anzusehen. Georges Schuldgefühle ließen rasch nach. Die Abrechnung mit Stanley war schon längst fällig gewesen.

Etwa zwanzig Minuten später kam Virgilia mit fünf Männern aus dem Weiler West Haven an. Zwei von ihnen trugen Maude auf einer improvisierten Tragbahre davon.

Als die Sonne aufging, schwärmten etwa zweihundert Eisenbahnarbeiter und Freiwillige zur Unglücksstätte. Die Hazards hatten sich unterdessen in ein Hotel nach New Haven begeben. Virgilia beschloß, nach Newport weiterzureisen; es waren bereits mehrere Hausangestellte dort. Gegen Ende des Vormittags war der Eisenbahnverkehr in beiden Richtungen wieder gesichert. Virgilias Zug ging um drei. Da Billy sich freiwillig zur Verfügung stellte, die Kinder zu hüten, während sie schliefen, konnten George und Constance Virgilia zum Bahnhof begleiten und dann noch kurz zum Einkaufen gehen. Bei ihrer Rückkehr ins Hotel schauten sie kurz nach Maude, die immer noch im Bett war. Sie hatte zwei Rippen gebrochen. Aber abgesehen von einem leichten Schwindelgefühl ging es ihr gut, wie sie sagte.

»Das freut mich, Mutter«, sagte George. »Ich werde mal nachschauen, wo Stanley ist.«

In Maudes Blick war keine Spur von Tadel. »Wo war er den ganzen Vormittag?«

»Ich weiß es nicht.«

»Er, Isabel und die Kinder haben sich sofort nach dem Frühstück auf ihre Zimmer begeben«, warf Constance ein.

Maude seufzte. »Ich freue mich, daß du mit ihm reden wirst.«

George fuhr sich mit dem Zeigefinger über den Schnurrbart. »Nicht nur um mich zu entschuldigen. Stanley und ich müssen einiges klarstellen.«

Sie fand sich damit ab und murmelte: »Ich verstehe. Ich habe es schon seit einer Weile kommen sehen, und vielleicht ist dieser Zeitpunkt so gut wie jeder andere.«

Sie schloß die Augen und faltete die Hände auf der sauberen Steppdecke. Er freute sich über ihr Verständnis; es machte ihm die Sache wesentlich leichter.

Er klopfte sanft an die Tür der Suite seines Bruders. Isabel öffnete und teilte ihm mit, daß Stanley unten in der Hotelbar sei. George ging hinunter; Stanley hockte vor einem riesigen Glas Kentucky-Whiskey. George bestellte ebenfalls einen, ließ ihn jedoch stehen. Er versuchte, möglichst ruhig zu bleiben, als er sagte: »Ich werde mich ab jetzt um die finanziellen Angelegenheiten des Geschäfts kümmern.«

»Oh, hast du mit Mutter geredet?« fragte Stanley müde und verbittert.

»Nein. Dies ist eine Sache zwischen dir und mir. Sobald wir in Newport sind, werden wir einen Brief an sämtliche Banken aufsetzen.« Er hatte rasendes Herzklopfen. »Von nun an werden Ausgaben über fünfzig Dollar nur mit meiner Unterschrift getätigt. Für eine Weile wird es keinen privaten Eisenbahnwagen mehr geben.«

Stanley starrte in den Spiegel mit dem Mahagonirahmen, der hinter der Bar hing. Darüber war ein ausgestopfter Hirschkopf mit Geweih befestigt, der sie mit gläsernen Augen gelangweilt anstarrte. Stanley lachte abrupt.

»Ich hab’ mir doch gedacht, daß so was kommen würde; es ist mir scheißegal. Ich hab den Eisenhandel sowieso nie gemocht. Und du warst ja schon immer darauf aus, das Ganze zu übernehmen.«

George unterdrückte seinen Ärger und fuhr mit ruhiger Stimme fort: »Ich kann dem Geschäft meine volle Aufmerksamkeit widmen, und du kannst andern Interessen nachgehen. Ich könnte mir vorstellen, daß du nichts dagegen hättest, in die Politik einzusteigen.«

»Kann sein«, meinte Stanley. »Auf jeden Fall käme ich so von Lehigh Station weg.« Und von dir.

George ging nicht darauf ein. »Ich freue mich, daß wir uns einig geworden sind. Ich bitte um Entschuldigung für das, was ich gestern abend getan habe.«

Er hielt Stanley die Hand hin. Stanley warf einen Blick darauf, umschloß dann mit den Fingern sein Glas und neigte sich vor, als wolle er es beschützen. »Ich möchte lieber allein trinken, wenn du nichts dagegen hast.«

»Wie du willst.«

George verließ die Bar.

Die andern spürten, daß eine Veränderung in der Familie stattgefunden hatte. Isabel verbarg ihren Groll nicht, aber Stanley zeigte sich ab und zu erleichtert. Er lachte und machte Witze – etwas, das er seit Jahren nicht mehr getan hatte.

Sie blieben noch einen weiteren Tag in New Haven und stiegen am nächsten Morgen alle etwas nervös in einen Zug nach Rhode Island. Als sie etwa eine Stunde unterwegs waren, ereignete sich ein Zwischenfall, der die Machtverlagerung innerhalb der Familie endgültig besiegelte.

Es ging darum, einen Namen für das Sommerhaus zu finden. Stanley erwähnte, daß sich vor dem Haus eine große und herrliche Rasenfläche befand, und schlug deshalb den Namen Fairlawn vor.

»Sehr hübsch«, sagte Maude. »Was meinst du, George?«

George fand den Namen phantasielos, doch dann erinnerte er sich an einen der Grundsätze von West Point: Es ziemte sich für einen Offizier, dem geschlagenen Gegner Höflichkeit zu erweisen.

»Ich mag den Namen«, sagte er, indem er seinem Bruder zulächelte.

»Ich nehme an, damit hat sich die Sache«, sagte Isabel verächtlich.

Stanley lächelte zufrieden wie ein kleiner Junge.

26

Fairlawn war ein herrliches, geräumiges, dreistöckiges Haus, das soeben strahlend weiß gestrichen worden war. Der Garten sah jedoch etwas verwahrlost aus. In den Blumenbeeten wucherte Unkraut, und totes Geäst verunstaltete die Bäume. Auch die niedrige Ziegelsteinmauer um das Grundstück herum hätte ausgebessert werden müssen. George schlug vor, Stanley solle sich um die Handwerker und Gärtner kümmern. Sein Bruder schien es zu genießen.