Alle Familienmitglieder versuchten sich so weit wie möglich zu beschäftigen, in der Hoffnung, so das Unglück schneller vergessen zu können. Maudes Verletzung erinnerte sie jedoch immer wieder daran. Sie hatte weiterhin Schwindelanfälle und konnte sich wegen der gebrochenen Rippen nur langsam bewegen. Constance litt unter Alpträumen, in denen sie sich jedesmal aus dem brennenden Wagen zu befreien versuchte. Auch William träumte vom Unglück; während zwei Wochen wachte er immer wieder schreiend und um sich schlagend auf.
Die Mains kamen am 5. Juli an, einen Tag, nachdem Präsident Taylor bei einer Nationalfeier zu viele Gurken gegessen und zu viel kalte Milch getrunken hatte und krank geworden war. Am 9. Juli starb er an Cholera morbus. Einige Zeitungen berichteten, daß er in Tat und Wahrheit wegen der Last seines Amtes und den vielen Sorgen gestorben war, insbesondere wegen seinen vielen Widersachern. Am 10. Juli übernahm Millard Fillmore das Amt des Präsidenten.
Bis dahin hatten die Mains sich in ihrem gemieteten Haus ganz in der Nähe, an der Old Beach Road, eingerichtet. Beide Familien machten regen Gebrauch von den zahlreichen Vergnügungsmöglichkeiten, die Newport im Sommer bot. Der Strand von Newport war ganz in der Nähe, aber ziemlich belagert; die Familie zog es vor, sich an einen abgelegeneren Ort am südlichen Ende der Insel zurückzuziehen, von wo aus man einen herrlichen Blick auf einen aus dem Meer herausragenden Felsen, den sogenannten Spouting Rock, hatte.
Zuerst fühlte sich Tillet auf Yankee-Boden nicht wohl. Doch bald erneuerte er seine Bekanntschaft mit andern Familien aus South Carolina einschließlich der Izards, und dann konnte er sich endlich entspannen und die Ferien genießen, außer wenn er die Neuigkeiten aus Washington las.
Fillmore hatte die Absicht, Clays Kompromißvorschläge, die höchstwahrscheinlich noch vor Ende des Jahres angenommen werden würden, zu unterstützen. Unter der Führung von Stephen Douglas aus Illinois hatte eine Gruppe junger Kongreßmitglieder versprochen, dem von der alten Garde geschaffenen Stimmenpatt ein Ende zu setzen.
Die vier jungen Leute waren viel zusammen. Sowohl Ashton als auch Brett verstanden sich gut mit dem untersetzten, kampflustigen und fröhlichen Billy Hazard, der jedoch hauptsächlich an Ashton interessiert war. Er war fünfzehn, sie ein Jahr jünger, und Brett war noch ein zwölfjähriges Kind.
Der vierzehnjährige Charles erweckte den Eindruck, als sei er der Reifste des Quartetts. Seine Größe hatte etwas damit zu tun; er war bereits einen ganzen Kopf größer als Billy. Er war hübsch und lachte gern. Charles und Billy waren so herzlich zueinander, wie man das von zwei Knaben, die sich eben erst kennengelernt hatten, erwarten konnte. Orry und George beobachteten die wachsende Freundschaft mit großem Interesse.
George kaufte eine Jolle, und eines Abends nach dem Essen nahmen die Jungen das Segelboot mit zum Strand, um es auszuprobieren. George und Orry begleiteten sie, um ein Auge auf die Segelanfänger zu werfen. Billy hatte etwas Erfahrung im Umgang mit kleinen Booten, Charles jedoch nicht.
George und Orry saßen einander auf einem großen Felsen gegenüber. Der Atlantik war ruhig, und der Wind war gerade stark genug, um der Küste entlang zu segeln. Orry ließ Sand durch seine Hand rieseln. Er schien sich in den Ferien zu entspannen, doch ab und zu schwang immer noch ein bitterer Unterton in seiner Stimme mit, wie George feststellte. Heute abend jedoch nicht. Orry lächelte, als er auf das Segelboot schaute. »Sieh sie dir an. Ein paar kleine Änderungen, und man könnte sie für uns halten: Stumpf und Stiel II.«
George nickte und paffte an seiner Zigarre. »Ich hoffe, daß sie in West Point ebenso gute Freunde werden, wie wir es waren, auch wenn sie ein Jahr auseinander sind. Charles sieht höllisch gut aus, nicht wahr? Beinahe der perfekte Gentleman aus dem Süden.«
Orry grinste. »Wer hätte es für möglich gehalten, daß aus dem häßlichen Entlein ein schöner Schwan werden würde. Er hat sich gemacht, wie man so sagt.«
»Dein Vater sagt, es sei dein Verdienst.«
Orry zuckte die Achseln. »Charles kämpft gerne. Als er merkte, daß es Mittel und Wege gibt, um zu kämpfen, ohne daß man dafür ins Gefängnis kommt oder alle Menschen gegen sich hat, war er tief beeindruckt. Er hat die Lektion schnell gelernt.«
»Und noch vieles dazu. Ich habe immer geglaubt, daß ich mit Damen gut umzugehen verstehe, aber ich verstehe es nicht, die Hand einer Dame mit so viel Charme zu küssen wie Charles. Als ihr am ersten Abend nach Fairlawn gekommen seid, hat er einen solchen Wirbel um meine Mutter veranstaltet, daß sie wie ein junges Mädchen errötete.«
Vom Wasser her war Kampfgeschrei, fröhliches Lärmen und Platschen zu hören. Billy stieß Charles ins Wasser. George und Orry sprangen auf. Charles kletterte rasch wieder in das kleine Boot. Er zeigte auf etwas Unsichtbares am Horizont, und als Billy sich umdrehte, packte er ihn an Hemd und Gürtel und schmiß ihn ins Wasser. Wenige Augenblicke später saßen die beiden völlig durchnäßt, aber lachend im Boot.
»Ich bin stolz auf die Art und Weise, wie er sich entwickelt«, gab Orry zu, als er sich wieder auf den Felsen setzte. »Ich war ganz verbittert aus Mexiko heimgekehrt. Charles hat mir geholfen, mich etwas davon zu befreien.«
»Die Veränderung zeigte sich auch in deinen Briefen. Ich hab’ mich darüber gefreut.«
»Und ich freue mich über diese Ferien, das heißt – die meiste Zeit über. Ich hab’ mich allerdings immer noch nicht an den Gestank des Krauts, das du rauchst, gewöhnen können.«
George lachte. Orry reckte den rechten Arm und gähnte. Die untergehende Sonne warf die letzten schwachen Strahlen über den Strand. Der Wind nahm zu und berieselte sie sanft mit Sand. George fühlte sich leicht melancholisch, als er sich daran erinnerte, wie schnell die Zeit verging. Auch die in den beiden lachenden Jungen scheinbar wiedergewonnene Jugendzeit war nur eine Illusion; eine Illusion, die sein Verstand als Gegengewicht zur Wirklichkeit schuf, doch vergebens.
Weder die Zeit noch die sich verändernden Dinge konnten jemals aufgehalten werden. Mit dieser Erkenntnis hatte das Leben in letzter Zeit einen bittersüßen Beigeschmack bekommen.
Trotzdem, es war ein guter Moment; einer jener Augenblicke der Ruhe und des Friedens, die in letzter Zeit so selten geworden waren. Auch Orry verspürte es, er schien ganz mild gestimmt. »Und ich sage dir, ich fühle mich so wohl wie schon lange nicht mehr. So wohl, daß ich sogar ganz neue Gefühle meinem älteren Bruder gegenüber entwickle.«
»Wie geht es Cooper?«
»Er ist glücklich. Er ist mit jener liberalen Unitarierin verheiratet. Eine glückliche Ehe. Mein Vater kann sich nicht ganz damit abfinden. Andererseits findet er sich wohl mit dem Ertrag ab, den Cooper aus der Schiffsgesellschaft herauswirtschaftet. Hab’ ich dir schon von unserem neuen Schiff geschrieben? Es wird in einem Monat vom Stapel laufen. Cooper spricht bereits von Neuinvestitionen. Er möchte nach Großbritannien gehen, um sich mit den dortigen Schiffsbaumethoden vertraut zu machen.«
George räusperte sich und stellte endlich die Frage, die ihn schon seit Orrys Ankunft beschäftigte.
»Gibt es etwas Neues von Madeline?«
Orry wandte sich von der Sonne ab und seinem Freund zu. Seine Augen waren umschattet. »Nichts Neues und keine Änderung.«
»Siehst du sie immer noch?«
»So oft ich kann. Mühsam, aber besser als gar nichts.«
Sand umspielte ihre Füße. Dunkelheit legte sich über den Strand. George stand auf und gab den Knaben ein Zeichen. Billy und Charles hievten die Jolle an den Strand, legten den Mast um und nahmen sie auf ihre Schultern. »Aus dir wird noch ein Matrose«, sagte Billy, als sie ihren beiden älteren Brüdern auf die staubige Straße folgten, die nach Hause führte.