An dem Morgen drehte ich mich herum und sah, Si’eh war bereits wach, seine grünen Augen dunkel vor Bedauern. Wortlos stand er auf, lächelte mich an und verschwand. Ich wusste, dass er nie wieder bei mir schlafen würde.
Familie
Nachdem Si’eh gegangen war, stand ich früh auf und hatte die Absicht, T’vril vor dem Besuch des Salons an diesem Tag aufzusuchen. Als er mir versicherte, dass ich allen wichtigen Leuten begegnet war, hatte er nur den Wettbewerb der Erben im Auge gehabt. Was meine Mutter anging, so hoffte ich, dass jemand noch mehr über die Nacht, in der sie abgedankt hatte, wusste.
Aber ich bog links ab, wo ich rechts hätte abbiegen sollen, nahm den Aufzug nicht weit genug hinunter, und statt vor T’vrils Büro fand ich mich beim Palasteingang wieder und sah den Vorhof, in dem das unangenehmste Kapitel meines Lebens seinen Lauf genommen hatte.
Dekarta war dort.
Als ich fünf oder sechs war, hatte ich von meinen Itempas-Tutoren etwas über die Welt gelernt. »Dies ist das Universum, das von den Göttern beherrscht wird«, sagten sie. »Bright Itempas ist der Oberste unter ihnen. Und dann ist da die Welt, in der das Adelskonsortium regiert unter der Führung der Ara- meri-Familie. Dekarta, der Lord Arameri, ist der Oberste unter ihnen.«
Ich hatte später einmal zu meiner Mutter gesagt, dass dieser Lord Arameri ein großer Mann sein müsse.
»Das ist er«, sagte sie, und damit war die Unterhaltung beendet.
Es waren nicht die Worte, die mir im Gedächtnis geblieben waren, aber die Art, wie sie sie sagte.
Der Vorhof Elysiums ist das Erste, was Besucher sehen, also ist er bewusst eindrucksvoll. Außer dem Lotrechten Portal und dem Palasteingang — ein gähnender Tunnel aus konzentrischen Bögen, um den herum der einschüchternde Hauptteil von Elysium steht — gibt es noch den Garten der Hunderttausend und den Pier. Natürlich legt an diesem Pier nichts an, da er vom Vorhof aus über einen Abgrund, der eine halbe Meile tief ist, hinausragt. Er hat ein dünnes, elegantes Geländer, das ungefähr hüfthoch ist. Dieses Geländer würde niemanden, der Selbstmord begehen wollte, aufhalten können, aber ich denke, es gibt allen anderen ein wenig Sicherheit.
Dekarta, Viraine und einige andere standen am Fuß des Piers. Die Gruppe war recht weit entfernt, und sie hatten mich noch nicht bemerkt. Ich hätte mich sofort umgedreht und wäre wieder in den Palast gegangen, wenn ich nicht eine der Gestalten bei Dekarta und Viraine erkannt hätte. Zhakkarn, die Kriegergöttin.
Das ließ mich innehalten. Die anderen Anwesenden waren De- kartas Höflinge — ich erinnerte mich vage, einige von ihnen an meinem ersten Tag gesehen zu haben. Ein weiterer Mann, der nicht halb so gut gekleidet war wie der Rest, stand ein paar Schritte weiter auf dem Pier, als ob er die Aussicht genießen würde, aber er zitterte. Ich konnte das sogar von meinem Standort aus sehen.
Dekarta sagte etwas, worauf Zhakkarn die Hand hob und einen glänzenden silbernen Speer herbeizauberte. Sie zeigte auf den Mann und ging drei Schritte vor. Die Speerspitze befand sich, trotz des Windes ohne zu zittern, nur ein paar Zentimeter hinter dem Rücken des Mannes.
Der Mann machte einen Schritt vorwärts und sah sich dann um. Der Wind ließ sein Haar wie eine dünne Wolke um seinen Kopf wehen; er sah aus wie ein Amn oder eine verwandte Rasse. Aber ich erkannte sein Auftreten und seine wilden, trotzigen Augen. Er war ein Ketzer, einer, der Bright missachtete. Es hatte einmal ganze Armeen von seinesgleichen gegeben, aber jetzt waren nur noch wenige übrig, die sich in Enklaven versteckten und ihre gefallenen Götter im Geheimen verehrten. Dieser hier muss- te unvorsichtig gewesen sein.
»Ihr könnt sie nicht ewig in Ketten lassen«, sagte der Mann. Der Wind trug seine Worte zu mir und fort und foppte so meine Ohren. Die beschützende Magie, die die Luft in Elysium warm und ruhig hielt, war auf dem Pier offensichtlich nicht aktiv. »Nicht einmal der Elysiumvater ist unfehlbar!«
Dekarta sagte nichts dazu, aber er beugte sich vor und raunte Zhakkarn etwas zu. Der Mann auf dem Pier versteifte sich. »Nein! Das könnt Ihr nicht! Das geht nicht!« Er drehte sich um und versuchte, an Zhakkarn und dem hervorstechenden Speer vorbeizukommen, wobei er seine Augen auf Dekarta gerichtet hielt.
Zhakkarn bewegte nur die Speerspitze, und der Mann spießte sich selber auf.
Ich schrie auf und schlug die Hände vor den Mund. Der Pa- lasteingang verstärkte den Klang; Dekarta und Viraine warfen mir einen Blick zu. Aber dann erklang ein Geräusch, das meinen Ausruf erstickte — der Mann begann zu schreien.
Dieser Schrei ging durch mich hindurch wie Zhakkarns Speer. Der Körper des Mannes zitterte noch mehr als vorher, er war um den Speer herum gekrümmt und umklammerte den Schaft. Zu spät erkannte ich, dass es nicht nur sein Schrei war, der ihn schüttelte, sondern noch eine andere Macht, denn seine Brust begann, um die Spitze des Speers herum rot zu glühen. Rauch stieg von seinen Armein, seinem Kragen, seinem Mund und seiner Nase auf. Das Schlimmste waren seine Augen, weil er hellwach war. Er wusste, was mit ihm geschah, wusste es und verzweifelte — und genau das war Teil seines Leidens.
Ich floh. Elysiumvater steh mir bei, aber ich konnte es nicht ertragen; ich rannte zurück in den Palast und duckte mich hinter einer Ecke. Aber auch das half nichts, ich konnte ihn immer noch schreien hören, während er von innen heraus verbrannte — schreien und schreien, bis ich dachte, dass ich den Verstand verlieren und für den Rest meines Lebens taub sein würde.
Allen Göttern — sogar Nahadoth — sei Dank, hörte er irgendwann auf.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort kauerte und mit den Händen meine Ohren bedeckte. Nach einer Weile wurde mir bewusst, dass ich nicht mehr alleine war, und ich hob den Kopf. Dekarta lehnte sich schwer auf einen dunklen, polierten Gehstock aus dem Holz, das so dunkel war wie die Darr-Wälder, und beobachtete mich; Viraine an seiner Seite. Die anderen Höflinge hatten sich im Gang zerstreut. Zhakkarn war nirgendwo zu sehen.
»Nun«, sagte Dekarta, und seine Stimme triefte vor Spott, »da sehen wir nun die Wahrheit. Die Feigheit ihres Vaters hat bei ihr die Oberhand, nicht der Mut der Arameri.«
Das verwandelte meinen Schock in rasende Wut. Ich sprang aus der Hocke auf.
»Die Darre waren einmal berühmte Krieger«, sagte Viraine, bevor ich etwas sagen und mich um Kopf und Kragen reden konnte. Im Gegensatz zu Dekarta war sein Ausdruck neutral. »Aber Jahrhunderte unter der friedvollen Regentschaft des Elysiumvaters zivilisiert selbst die wildesten Rassen, Mylord, und das können wir ihr nicht zum Vorwurf machen. Ich bezweifle, dass sie jemals gesehen hat, wie ein Mensch getötet wird.«
»Die Mitglieder meiner Familie müssen stärker sein«, sagte Dekarta. »Das ist der Preis, den wir für unsere Macht zahlen. Wir können nicht so sein wie die Dunkelrassen, die ihre Götter aufgaben, um ihre Haut zu retten. Wir müssen wie dieser Mann sein, auch wenn er irregeleitet war.« Er zeigte zurück zum Pier oder wo immer die Leiche des Ketzers jetzt war. »Wie Shahar. Wir müssen willens sein, zu sterben — und zu töten — für unseren Lord Itempas.« Er lächelte, und ich bekam eine Gänsehaut.